Bis ein vollstreckbares Urteil für einen Obhutsentzug vorliegt, können je nach Einzelfall Monate oder sogar Jahre verstreichen. Im Fall von Marina sind bis jetzt mehr als drei Monate vergangen. (Bild: mag)
Gesellschaft Erziehung

Bis ein vollstreckbares Urteil für einen Obhutsentzug vorliegt, können je nach Einzelfall Monate oder sogar Jahre verstreichen. Im Fall von Marina sind bis jetzt mehr als drei Monate vergangen. (Bild: mag)

Verzweifelte Mutter kämpft um ihre Kinder

8min Lesezeit 2 Kommentare

Mitte Januar nahm die Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde der Stadt Luzern einer 37-jährigen alleinerziehenden Mutter ihre beiden Kinder weg. Sie seien massiv gefährdet und müssten umgehend fremdplatziert werden, befanden die Behörden. Unerklärlich, findet die Mutter. Ein Gutachter wirft der Behörde gar krasses Fehlverhalten vor und spricht von einem Skandal.

Unsanft reisst die Türglocke Marina* aus dem Schlaf. Sie steht leise auf, um ihre beiden neben ihr liegenden Kinder nicht zu wecken. Nikola* ist fünf Jahre alt, Mario* drei. Als sie die Türe öffnet, betreten drei Beamte der Luzerner Polizei die Wohnung. Draussen ist es, an diesem frühen Samstagmorgen im Januar, noch dunkel. Die Polizeibeamten begleiten Marina in die Küche. Ein Beamter der Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde (KESB) Stadt Luzern stösst dazu und legt Marina zwei vorsorgliche Verfügungen vor. Die KESB entzieht die beiden Kinder ihrer Obhut.

Gleichzeitig wecken zwei weitere Personen die Kinder, packen beliebig mehrere Kleidungsstücke und Spielsachen zusammen und führen die Geschwister weg. Marina ist von der Situation völlig überrascht – fühlt sich überfallen. Von ihren Kindern kann sich die 37-Jährige nicht mehr verabschieden. Sie stelle für die Kinder eine Gefahr dar, erklärt der Beamte der KESB der alleinerziehenden Mutter. Marina weigert sich, die vorgelegten Papiere zu unterzeichnen und sich von den Polizeibeamten in die Akutpsychiatrie begleiten zu lassen. Stattdessen wird eine Notfallpsychiaterin gerufen.

Massive Vorwürfe an die Behörden

Marina wehrt sich bis heute mit allen Mitteln gegen den Obhutsentzug. Sie ist der Meinung, dieser sei zu Unrecht erfolgt. Die Mutter hat deshalb auch umgehend einen Anwalt eingeschaltet. Dazu wird sie von ihren Eltern unterstützt. Wiederholt hat sie sich bei den zuständigen Behörden gemeldet und versucht, ihre Kinder zurück zu erhalten. Marina bleibt dabei, dass sie für ihre Kinder keine Gefahr darstellt und mit der Betreuung keine Mühe hat. Bisher ohne Erfolg.

Entwicklung der Zahl der Obhutsentzüge

Die Zahl der Obhutsentzüge in der Stadt Luzern befinde sich im Vergleich mit anderen Schweizer Städten im Mittelfeld, teilt die zuständige KESB Stadt Luzern mit. Konkrete Zahlen werden nicht genannt. Ein Obhutsentzug werde dann durchgeführt, wenn die Behörde der Gefährdung eines Kindes nicht mehr auf eine andere Weise begegnen könne – die Eltern mit der Erziehung und Betreuung ihres Kindes massiv überfordert seien. Das letzte Mittel der Behörde wäre der Entzug des Sorgerechts.

Zur Routine wird der Vollzug solcher angeordneter Massnahmen nie. Zu stark ist der Eingriff ins Leben und die Privatsphäre der betroffenen Personen, zu viele Emotionen werden vor Ort geweckt – Fassungslosigkeit, Überraschung und Wut gehören auch dazu.

Per Ende 2012 bestanden im Kanton Luzern 1'463 Beistandschaften für Kinder. Im Zusammenhang mit einem Obhutsentzug bestanden 222 Massnahmen. 353 Beistandschaften und 93 Obhutsentzüge wurden im Jahre 2012 neu angeordnet.

Ihre Vorwürfe an die Behörden sind gravierend: Die KESB habe die Abklärungen mangelhaft durchgeführt. Die Kinderpsychiatrische Therapiestation und Tagesklinik (KPS) in Kriens, in der Nikola untergebracht ist, verdrehe Tatsachen. Ausserdem erstelle sie für ihren Sohn absichtlich keinen Abklärungsbericht und habe die Gefährdungsmeldung bei der KESB ohne Grund gemacht. Das Wohl der Kinder stehe nicht im Vordergrund, stellt die Mutter weiter fest.

Der Beiständin ihrer Kinder, die zur Abteilung «Kinder Jugend Familie» der Stadt Luzern gehört, sowie den beiden behördlichen Institutionen KESB und KPS wirft Marina vor, trotz gegenteiliger Fakten an ihren verordneten Massnahmen festzuhalten. Ihr Anwalt ergänzt, es entstehe der Eindruck, die zuständigen Institutionen verfolgten teilweise eigene Interessen.

KESB reicht Fall weiter

Die KESB ist eine neue Behörde und muss den neu geschaffenen Gesetzesrahmen noch ausloten. Dennoch mehrten sich im zweiten Jahr ihres Bestehens kritische Medienberichte. Vorwürfe von Willkür bei den Kindes- und Erwachsenenschutzbehörde machen die Runde. Die «Rundschau» kritisierte die KESB der Stadt Luzern in einem Beitrag bereits im Januar 2013 einmal, damals aufgrund der Fremdplatzierung von Kindern bei Strenggläubigen.

Bei Betroffenen lösen solche Fälle Ohnmacht oder Verzweiflung aus. So auch bei Marina. Die KESB hat den Fall in der Zwischenzeit ans Bezirksgericht weitergereicht. Zu den Gründen sagt die Präsidentin der KESB Stadt Luzern einzig, dass das Bezirksgericht aufgrund des laufenden Scheidungsverfahrens für den Fall zuständig sei. Eine unabhängige Seite hat den Obhutsentzug – auch mehr als drei Monate nach dem Vollzug – immer noch nicht überprüft.

Auch für den fünfjährigen Nikola, der in der KPS fremdplatziert wurde, fehlt nach wie vor eine abschliessende Diagnose. Zudem halten die Behörden trotz eines fachärztlichen Referenzschreibens eines Psychiaters aus Zürich, das zentral+ vorliegt und das Marina entlastet, an ihren Massnahmen fest. Der Psychiater, der über mehrere Jahrzehnte Berufserfahrung verfügt, attestiert der Mutter einen einwandfreien Gesundheitszustand. Bereits die beim Obhutsentzug gerufene Notfallpsychiaterin meinte Mitte Januar, dass Marina weder sich selbst noch Dritte gefährde und nicht hospitalisiert werden müsse.

Prügel und Drohungen

Rückblende einer tragischen Geschichte, die auf Missverständnissen, Uneinsichtigkeit und Verzweiflung basiert: Sie beginnt im Juni 2010. Nachdem ihr Mann Marinas Angaben zufolge gewalttätig wird, sie vor den beiden Kindern schlägt und schwere Drohungen ausspricht, trennt sie sich von ihm. Marina begibt sich freiwillig in eine psychologische Behandlung, die ihr von der Opferberatung angeboten wird. Im entsprechenden Strafverfahren wird der Vater der beiden Kinder Nikola und Mario verurteilt. Das Scheidungsverfahren ist bis heute hängig. Für die beiden Kinder wird 2011 aber eine Beistandschaft errichtet, damit die regelmässigen Besuche der Kinder bei ihrem Vater und die Übergaben zwischen den Elternteilen kontrolliert ablaufen.

Im August 2012 kommt es erneut zu einem Vorfall. Während die Söhne beim Vater weilen, soll dieser den jüngeren Sohn Mario mit einer Zigarette verbrannt haben. «Der damalige Beistand hat den Vorfall nicht ernst genommen», sagt Marinas Anwalt rückblickend. Er soll die Verbrennungen für Mückenstiche gehalten haben. Marina sagt ihrerseits: «Der Austausch mit dem Beistand hat nicht funktioniert.» Darauf erfolgte ein Beistandswechsel. Marina zeigt ihren Mann im Zusammenhang mit dem Vorfall auch an. Die Staatsanwaltschaft spricht den Vater schuldig. Dieser erhebt jedoch Einspruch. Das Bezirksgericht kann als nächste Instanz die Schuld nicht beweisen und muss im Zweifel zu Gunsten des Beschuldigten entscheiden – es spricht den Vater frei.

«Der damalige Beistand hat den Vorfall nicht ernst genommen.»

Marina*

Gleichzeitig bittet die Mutter bei den Behörden um fachkundige Traumabegleitung für sich und die beiden Kinder. Eine medizinische Behandlung erfolgt nicht. Die Kinderärztin der Geschwister meldet diese daraufhin beim Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst (KJPD) des Kantons Luzern. Dieser ist auch für die Kinderpsychiatrische Therapiestation und die Tagesklinik in Kriens zuständig. Einen Termin erhält Marina erst im November 2013 – ein Jahr später also.

Sohn fällt im Kindergarten negativ auf...

Nikola, der ältere Sohn, besucht ab August 2013 den Kindergarten. Es kommt zu Zwischenfällen. Er soll die Regeln nicht befolgen, aufgetragene Arbeiten nur widerwillig entgegennehmen und den Kontakt mit den Lehrpersonen verweigern, heisst es in einem Zwischenbericht der Kinder- und Jugendpsychiatrie von Anfang April 2014. Bei einem Gespräch sind sich sowohl die Schulleitung, die Kindergärtnerin sowie die Beiständin einig, dass Nikola «aktuell im Kindergarten nicht mehr tragbar sei und es eine umfassende Abklärung brauche». Weiter heisst es in der später von der Kinderpsychiatrischen Therapiestation und Tagesklinik (KPS) gemachten Gefährdungsmeldung: «Nikola habe Schwierigkeiten mit den anderen Kindern, sei impulsiv, benötige eine 1:1-Betreuung und bringe sich selbst immer wieder in Gefahr.»

Es kommt deshalb bereits vor dem seit Längerem vereinbarten November-Termin schon im Oktober 2013 zu einem Vorgespräch beim KJPD. Ab Mitte November besucht Nikola nicht mehr den Kindergarten, sondern die Tagesklinik in Kriens. Nikolas Verhalten bleibt auffällig: Gemäss dem Zwischenbericht der KPS kommt es zu «Wutanfällen mit lautem Schreien, Toben, Weinen und ausfälligem Verhalten gegenüber den Betreuungspersonen.»

...und besucht fortan die Tagesklinik

Seine Mutter Marina kann sich nicht mit dieser Lösung anfreunden. Dennoch kooperiert sie und gibt ihr Einverständnis zu einem teilstationären Aufenthalt ihres Sohnes in der Tagesklinik.

Bei einem Standortgespräch in der KPS Mitte Januar eskaliert die Situation. Marina soll «die meiste Zeit über sehr erregt» gewesen sein. Laut der Gefährdungsmeldung äussert die Mutter Vorwürfe und Schuldzuweisungen. Das Gespräch kann nicht ruhig beendet werden.

Lesen Sie auf der nächsten Seite wie der Obhutsentzug erst misslingt

x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

Ihre Meinung ist gefragt!

Um kommentieren zu können, müssen Sie auf zentralplus eingeloggt sein.
Bitte loggen Sie sich ein oder registrieren Sie sich jetzt und profitieren Sie
von den Vorteilen für z+ Community Mitglieder.

Mehr Gesellschaft