Im «Jammertal» fliessen keine Tränen

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Im Verzeichnis der Luzerner Orts- und Flurnamen gibt es über 18'000 Einträge – ein unglaublich reicher Schatz. Die Namen sind in ihrer unmittelbaren Umgebung stark verankert und stehen unvergleichlich für Heimat. Schon mal etwas von «Hundsrügge», «Wildsautobel», «Dräckhüttli» oder «Gigeliwald» gehört?

Die Luzerner Orts- und Flurnamen stehen in enger Verbindung zu ihrer unmittelbaren Umgebung. Sie sind nach geografischen Merkmalen und natürlichen Gegebenheiten benannt. Letzteres ist auch beim «Hundsrügge» der Fall. Die breite und langgezogene Form des Höhenzugs zwischen dem Rontal und der Reuss ähnelt einem liegenden Hund. Die Luzerner Sprachwissenschaftlerin Erika Waser spricht von einer Formübertragung. Der «Hundsrügge» wird urkundlich 1747 zum ersten Mal erwähnt und 1923 mit dem Höhenzug in Verbindung gebracht. Den Ursprung der Namen bilden damit nicht etwa Mythen, Legenden und Sagen, sondern in den meisten Fällen ein starker lokaler Bezug. 

Die Orts- und Flurnamen besitzen auf dem Land nach wie vor eine wichtige Orientierungsfunktion. Äcker, Bäche, Täler, Dorfteile, sogar einzelne Wälder und Häuser haben eigene teilweise recht lustige Namen. Besonders in grossen Landgemeinden wie Flühli, Escholzmatt-Marbach und Entlebuch, aber auch in Willisau, Ruswil, Egolzwil, Oberkirch und Wikon sind spezielle Orts- und Flurnamen für einzelne Anhaltspunkte in der Landschaft weit verbreitet.

«Einige Namen kommen uns komisch vor und wirken lustig. Sie haben aber trotzdem einen sehr realen Ursprung.»

Erika Waser, Sprachwissenschaftlerin

Zehn besonders originelle Beispiele für Luzerner Flurnamen sind «Bluttfüdle», «Ofevoll», «Libanon», «Laubsack», «Goldbrunne», «Dräckhüttli», «Jungferesprutz», «Im Staublumpe», «Jammertal» und «Löliacher». Das Orts- und Flurnamenverzeichnis der Amtlichen Vermessung des Kantons Luzern enthält gesamthaft sogar über 18'000 Einträge. «Einige Namen kommen uns komisch vor und wirken lustig. Sie haben aber trotzdem einen sehr realen Ursprung», sagt Erika Waser. Die Namen seien Ausdruck von Leben und Arbeiten in der betreffenden Region. Wir würden nur die Hintergründe heute nicht mehr kennen.

«Seppi a de Wiggere»

Der Name «Seppi a de Wiggere» bezeichnet keinen Flur, keine Örtlichkeit. Es ist der Übername von Josef Zihlmann – Namensforscher, Schriftsteller und Heimatkundler aus Hergiswil bei Willisau.

Josef Zihlmann (1914-1990) wurde oft als Urhinterländer der Napfregion bezeichnet. Er beschäftigte sich in seiner Tätigkeit intensiv mit dem Luzerner Hinterland. Bekannt ist zum Beispiel das Buch «D Goldsuecher am Napf und anderi Gschichte» aus dem Jahr 1941. Daneben verfasste Zihlmann auch Theaterstücke und Mundartkomödien für das Volkstheater. 1982 erhielt er den Innerschweizer Kulturpreis. Im Zusammenhang mit Flurnamen ist besonders sein Buch «Namenlandschaft im Quellgebiet der Wigger» von Bedeutung.

«Seppi a de Wiggere» hätte am 19. März dieses Jahres seinen 100. Geburtstag gefeiert. Aus diesem Anlass weihte die Gemeinde Hergiswil bei Willisau an diesem Tag ein Brunnen im Gedenken an Josef Zihlmann ein.

Originell, lustig, komisch

Beim «Blüttfüdle» ist das nicht anders. Der Begriff bezieht sich auf einen Weiler mit Hof im Mülital, wenige Minuten ausserhalb von Willisau gelegen. Es sei ein «beleidigender Name für einen Bauernhof», meint ein Anwohner, der in diesem Gebiet aufgewachsen ist. Den Begriff «Bluttfüdle» hätte er nie verwendet.

Auf dem angesprochenen Hof, der heute den Namen Klein-Olisrüti trägt, lebt Anton Kurmann. Es sei erstaunlich, die Leute würden den Begriff noch immer kennen, obwohl dieser «seit Urzeiten» nicht mehr geläufig sei, so Kurmann. «In den alten Kaufbüchern ist schon lange nicht mehr die Rede davon. Das Land hier ist mager, etwas steinig. Die Bauern hatten deshalb Ende Jahr oft nicht genug Vorräte.» Dann seien sie auf dem «blutte Füdle» gesessen – seien also mit leeren Händen dagestanden, erklärt Kurmann den Ursprung des Namens.

In der Gemeinde Oberkirch hoch über dem Sempachersee gibt es einen weiteren Bauernhof mit einem speziellen Namen. Er heisst «Libanon». «Das Gebiet und der Hof heissen schon lange so», sagt Edith Muff, auf dem Hof zuhause. Es müsse ein uralter Name sein. Abklärungen auf der Gemeinde haben lediglich ergeben, dass dieser seit dem 17. Jahrhundert im Hypothekarregister erfasst sei.

«Das Land ist mager, etwas steinig. Die Bauern hatten deshalb Ende Jahr oft nicht genug Vorräte.»

Anton Kurmann über den Begriffsursprung von «Bluttfüdle»

Zu den originellsten Flurnamen zählen neben Weilern und Höfen auch die Namen von Landstücken. In Aesch gibt es eines, das den Namen «Laubsack» trägt. Anwohner Fridolin Muff erklärt: «Früher konnten die Leute hier oben gratis Laub holen, das sie für ihre Betten zum Schlafen benötigten.» Laub hatte damals dieselbe Funktion wie Stroh. Der Hof von Muff wurde in den 70er Jahren umgetauft. Der Name passte den Besitzern nicht. Der Hof heisst heute «Waldegg». Der Name des Grundstücks aber lautet noch immer «Laubsack».

Auch in Egolzwil gibt es ein Landstück mit lustigem Namen. Der «Löliacher» befindet sich unweit der Bahnlinie. Sowohl der «Löliacher» als auch der «Laubsack» werden heute landwirtschaftlich genutzt.

Goldgräberstätte in Egolzwil?

Auf dem Gemeindegebiet von Egolzwil gibt es überhaupt viele lustige Flurnamen. Da wäre der «Ängelberg», der «Fuchstanzwald», der «Goldbrunne» und das «Lättloch». Der «Goldbrunne» steht für ein Waldstück, eine Quelle und eine Jägerhütte. Der ehemalige Egolzwiler Gemeindepräsident Alois Hodel hat nachgeforscht. Er vermutet: «Der Begriff könnte in Zusammenhang mit der hervorragenden Wasserqualität der Quelle stehen.» Den wirklichen Ursprung der Bezeichnung aber kennt Hodel nicht. In einem Punkt ist er aber sicher: «Gold hat man in Egolzwil nie gefunden.»

Gleich hinter dem «Goldbrunne» liegt das «Lättloch». Absturzgefahr besteht hier keine, wohl aber Erklärungsbedarf. Dieser Flurname hat einen praktischen Hintergrund. Für die Ziegelei in der Nachbargemeinde Nebikon wurde im «Lättloch» früher Lehm abgebaut. Die dadurch entstanden Grabungslöcher wurden laut Alois Hodel vor ein paar Jahren renaturiert und sind heute nicht mehr sichtbar.

Im «Jammertal» den Humor nicht verloren

Die Flurnamen scheinen im Kanton Luzern besonders ausgefallen, denn: Das einzige «Jammertal» der Schweiz befindet sich in Luthern. Katharina Huber lebt seit über 80 Jahren dort – sie scheint sehr aufgeweckt, munter und sagt: «Ich bin zufrieden. Es gefällt mir gut im Jammertal.» Als ihre Familie das Haus in den 60er Jahren neu gebaut habe, sei eine Namensänderung zur Diskussion gestanden. Ein Vorschlag sei beispielsweise «Freudental» gewesen. Hubers lehnten ab.

«Es gefällt mir gut im Jammertal.»

Katharina Huber, Bewohnerin

Früher hätten andere Leute oft Sprüche über ihren Wohnort gemacht, sagt Katharina Huber. Und als sie während dem Gottesdienst in der Kirche jeweils über das «Jammertal» gesungen hätten, sei sie peinlich berührt gewesen. Dennoch habe sie aber das ganze Leben im «Jammertal» verbracht und den Humor dabei nicht verloren.

Das «Jammertal» befindet sich zwischen Luthen und Zell im westlich Kantonsteil. (Screenshot Geoportal Kanton Luzern)
Das «Jammertal» befindet sich zwischen Luthen und Zell im westlich Kantonsteil. (Screenshot Geoportal Kanton Luzern) (Bild: Screenshot Geoportal Kanton Luzern)

Es scheint, als ob das Leben im «Jammertal» nicht diesem Namen entspricht, im Gegenteil. Ob das «Im Staublumpen» wohl anders ist? Die Luftqualität muss fürchterlich sein. Wieso das Wohngebiet im Zentrum von Beromünster so heisst, ist nicht bekannt. «Früher sagte man dem Quartier so», sagt Helene Büchler. «Ein verächtliches Wort», findet die in Beromünster aufgewachsene Leiterin des örtlichen Museum Haus zum Dolder. Das Wohngebiet heisst mittlerweile «Chilegass». 

Flurnamen sterben aus

Neben den vielen Orten mit ganz individuellen Bezeichnungen gibt es Flurnamen, die in mehreren Gemeinden gleichzeitig vorkommen. Ein Beispiel dafür ist «Bethlehem», eine Übertragung des biblischen Ortsnamens. In rund zehn Luzerner Gemeinden gibt es Höfe, Liegenschaften und Weideland, die diesen Namen tragen. Weitere Ortsbezeichnungen, die häufig vorkommen, sind die «Allmend», der «Gütsch», das «Himmelrich», die «Höll» oder das «Salzhaus». Gemäss der Luzerner Sprachwissenschaftlerin Erika Waser sind dies «Modenamen». Während einer gewissen Zeit habe man zum Beispiel viele gerodete Waldstücke auf den Namen «Vogelsang» getauft.

Der grösste Teil der Flurnamen sei indessen verschwunden, schreibt Josef Zihlmann in seinem Buch «Volkserzählungen und Bräuche». Zihlmann war ein bekannter Namensforscher aus dem Luzerner Hinterland (siehe Box). Flurnamen seien von «Bauern und Gesinde» verwendet worden und hätten zum bäuerlichen Leben gehört. Flurbenennungen könnten zum Teil über mehrere Jahrhunderte nachgewiesen werden, schreibt er. Belege dafür finden sich in Archiven, in Urkunden, Kirchenbüchern, Gerichtsakten und Ratsprotokollen.

Der Namensforscher Josef Zihlmann weist aber auch darauf hin, dass Flurnamen – er bezeichnet sie als «Kulturgut» – mehr und mehr verschwinden würden. Als Ursache nennt er die landwirtschaftliche Bewirtschaftung immer grösserer Flächen im Zuge der Güterzusammenlegung. Aus verstreuten Landstücken wurden zusammenhängende Flächen gebildet.

Neues Namenbuch erscheint im Sommer

Erika Waser und Peter Mulle vom Projekt «Luzerner Namenbuch» nennen ergänzend die Digitalisierung und die Urbanisierung als weitere Gründe. Die beiden bestätigen: «Flurnamen verschwinden.» Erika Waser fügt jedoch an, dass die Namen von überbauten ehemaligen Höfen dafür in Strassen- und Quartiernamen wieder auftauchen würden. Aus dem «Oberhof» würde so die «Oberhofstrasse». Die neuste Publikation des «Luzerner Namenbuch» erscheint diesen Sommer zu den Orts- und Flurnamen des östlichen Amtes Luzern.

Enger Zusammenhang zur Siedlungsentwicklung

Das Wort «Flur» wurde ursprünglich nur für kultiviertes Land verwendet. Später kamen auch Berge, Täler, Gewässer und Wege dazu. Ein Flurname bezieht sich aber immer auf nicht bewohnte Örtlichkeiten. Im Gegensatz dazu stehen Siedlungsnamen, die für bewohnte Orte wie Städte, Dörfer, Höfe und Häuser stehen. Entlang dem Alpenrand gehen die Siedlungsnamen oft auf ehemalige Flurnamen zurück. Diese sagen auch etwas über die Sprache, die Geschichte und die Kultur der jeweiligen Region aus.

Die Entstehung von Orts- und Flurnamen ist eng mit der Siedlungsgeschichte verbunden. Die ältesten schriftlichen Belege stammen in diesem Zusammenhang aus dem 9. Jahrhundert, dem frühen Mittelalter. In Quellen erscheinen Flurnamen ab dem 13. Jahrhundert. Mit der Verbreitung der Schrift in der Verwaltung nimmt die Zahl dieser Quellen stark zu. Immer mehr Flurnamen werden nachweisbar.

Flurnamen werden separat in Natur- und Kulturnamen unterschieden. Naturnamen nehmen Bezug zu Geländeformen, zur Bodenbeschaffenheit, zum Pflanzenwuchs, zur Tierwelt oder zu Wasser. Kulturnamen dagegen stehen mit der Bodennutzung, der Tierhaltung, der Forstwirtschaft, dem Gewerbe, Rechtsverhältnissen und kultureller Tätigkeit in Verbindung. (Quellen: Luzerner Namenbuch (Erika Waser/Peter Mulle) / Buch «Namenlandschaft im Quellgebiet der Wigger» von Josef Zihlmann)

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