«Eine lebendige Stadt braucht Freiräume»

4min Lesezeit

Die Gruppe Gundula, welche seit einigen Tagen eine Villa an der Obergrundstrasse 99 besetzt, richtet sich mit einem offenen Brief an den Hausbesitzer Jørgen Bodum. Dieser fordert den Auszug aus dem Haus.

Offener Brief von Gundula:

Sehr geehrter Herr Bodum

Wie wir heute mit Bedauern erfahren haben, haben Sie Anzeige gegen die Belebung Ihrer Villa an der Obergrundstrasse 99 eingereicht. Der Villa, welche seit drei Jahren leer steht, wurde vergangenen Samstag neues Leben eingehaucht. Sie ist seitdem zu einem Raum für Begegnung, Diskussion und Kultur geworden, in dem sich Menschen kreativ einbringen und mitgestalten können.

Ihre Liegenschaft ist in kurzer Zeit zu einem beliebten und belebten Ort in der Stadt Luzern geworden. Gerade deshalb hätten wir uns gewünscht, mit Ihnen in Kontakt zu treten. Leider verliefen unsere schriftlichen und telefonischen Versuche dazu im Sand. Die Kommunikation mit Ihnen erfolgte bisher ausschliesslich über die Medien und den Rechtsweg. Wir bedauern diesen Umstand sehr. Bitte sehen Sie diesen Offenen Brief als einen weiteren Versuch unsererseits, mit Ihnen persönlich Kontakt aufzunehmen und Ihnen den grossen Wert von Gundula für die Gesellschaft darzulegen.

In den vergangenen Tagen sind über 800 Menschen im Haus ein- und ausgegangen, haben ihre Sympathie für das Projekt bekundet und mitgestaltet: Familien mit Kindern, NachbarInnen, der Quartierverein, ehemalige MieterInnen, und Menschen aus der ganzen Stadt, die sich für das Projekt Gundula begeistern. Eine Online-Petition für Gundula wurde seit Samstag von über 1300 Personen unterzeichnet. Diese Menschen werden nicht verstehen, weshalb das Projekt aufgegeben werden soll. Darüber hinaus treffen täglich Anfragen ein, wie man sich an Gundula beteiligen könne.

Dieses grosse Interesse am Haus, die vielen Besuche und positiven Rückmeldungen bestätigen, dass es Freiräume wie das Projekt Gundula braucht. Gundula ist schon jetzt ein Beispiel dafür, dass ein illegal belebter Freiraum einen grösseren Beitrag für die Gesellschaft leistet, als ein legal besetzt gehaltener Leerraum.

Dass Sie nun verlangen, dass das Projekt aufgegeben werden muss, wollen wir so nicht hinnehmen. Das Gebäude stand während der letzten drei Jahre leer. Ihrem Gesuch, das Haus abreissen zu können, wird frühestens in sechs Monaten stattgegeben werden. Die von Ihnen medial geäusserten Befürchtungen um den baulichen Zustand der Villa können wir nicht nachvollziehen: Wir haben einen Experten hinzugezogen, welcher das Haus auf Statik und Schadstoffe untersucht hat. Für Menschen, die sich im Haus aufhalten, besteht keine Gefahr. Ein schriftliches Gutachten haben wir in Auftrag gegeben.

Ein Projekt, an dem sich so viele Menschen mit grosser Energie und Freude beteiligen, weil das Bedürfnis nach solchen Räumlichkeiten vorhanden ist, sollte im Hinblick auf bestehende politische Forderungen nach Zwischennutzungen nicht einfach so beendet werden. Von Seiten der unmittelbaren Nachbarschaft wurde der Leerstand als störend empfunden. Vor diesem Hintergrund sollten die Bedürfnisse der Stadtbevölkerung nach Raum wahrgenommen und Leerräume zur Verfügung gestellt werden.

Herr Bodum, wir hoffen, dass Sie über diesen Offenen Brief mit uns in Kontakt treten. Wir haben gelesen, dass Sie die Belebung der Obergrundstrasse 99 als «inakzeptabel» erachten. Unsere Fragen an Sie: Warum ist es Ihnen so wichtig, dass die Obergrundstrasse 99 ein leerer, unbelebter und nutzloser Raum bleibt? Wir haben nach wie vor Interesse, mit Ihnen direkt zu kommunizieren. Gerne laden wir Sie hiermit ein, vorbeizukommen und sich selber ein Bild davon zu machen, wie sich eine verwahrloste Stadtvilla in wenigen Tagen in ein blühendes Haus verwandelt hat. Wir gehen davon aus, dass Sie dann erkennen, welchen wertvollen und notwendigen Beitrag an die Gesellschaft sie mit der Unterstützung des Projekts Gundula leisten könnten.

Freundliche Grüsse

Gundula

 

Zentralplus hat bereits vermehrt über Gundula berichtet:

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