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Fussball ist ein Männersport. Leider ist das scheinbar nicht allen Profis bewusst. Bené Koller befasst sich mit den Spielern, die allzu gerne den sterbenden Schwan spielen.

tschutti heftli

Dass mit der Professionalisierung und konsequenten Kommerzialisierung des Fussballs auch seine gesellschaftliche und vor allem ökonomische Relevanz zunimmt, mag kaum zu verwundern. Fussballer sind die Popstars des 21. Jahrhunderts, sie werden verehrt und frenetisch bejubelt, fürstlich entlöhnt und profitabel vermarktet. Die Besten unter ihnen sind über einige Jahre Erfolgsgaranten und die Lebensversicherungen ihrer Clubs und werden dementsprechend vergöttert. Sie erhalten mehr Aufmerksamkeit als alle anderen vergleichbaren Teamsportler zusammen und sind mittlerweile fast jeden Abend auf irgendeinem Fernsehkanal zu bestaunen.

Durch das gestiegene Interesse (auch von Sponsoren und Vermarktern) wird auch die Regelauslegung des Spiels mit dem runden Leder immer relevanter und die Dikussion über Fehlentscheidungen stehen immer öfters im Fokus des Interesses. In den letzten Jahren gab es kaum ein grosses Turnier, an dem nicht irgendeine Regel des schönsten Spiels auf Erden nicht intensivst diskutiert worden wäre. Als erstes fällt einem da wohl die nicht enden wollende Diskussion rund um die Abseitsregel ein.

Sei es nun das passive oder das aktive Abseits, die Auslegung, wann ein Spieler aus passiver Abseitsposition denn nun aktiv werde, ob man die sogenannte «neue Spielsituation» (die eine zuvor existente Abseitsposition wieder aufhebt, so dass der vormalig sich in Abseitsposition Befindende doch wieder aktiv und ungestraft ins Spiel eingreifen kann) klar benennen könne oder eben nicht und deshalb wieder abschaffen sollte. Vor einigen Jahren votierten einige selbsternannte Experten gar ernsthaft für die gänzliche Aufhebung der Abseitsregel – bislang blieben sie aber eine wenig ernstgenommene Minderheit.

Einige Jahre später und nach einigen umstrittenen (matchentscheidenen) Schiedsrichterentscheiden richtete sich der Fokus auf eine andere, diffizile Regelanwendung. Auf den Entscheid, wann ein Tor vom Schiedsrichter gegeben wird und wann nicht. So wurden die Forderungen nach einer Tor«überwachungs»kamera immer lauter – zu oft seien Spiele von einer Mannschaft ungerechterweise gewonnen oder eben verloren worden, ohne dass der Ball beim entscheidenen Tor tatsächlich mit vollem Umfang hinter der Torlinie gewesen wäre. Beziehungsweise, weil ein offensichtlicher Treffer nichts Zählbares einbrachte.

An der Klubweltmeisterschaft im letzten Winter testete die FIFA deswegen im Hinblick auf eine einheitliche Handhabung an der kommenden Weltmeisterschaft in Brasilien 2014 zwei der drei möglichen Torlinientechnologien – Hawk Eye (das viele aus dem Tennissport schon kennen) und GoalRef (die mit einem Mikrochip und einem Magnetfeld rund ums Tor funktioniert). Nun testete man während dem Confed Cup auch noch die dritte, wohl vielversprechendste Torlinientechnologie namens GoalControl, bei der 7 Kameras aus den verschiedensten Winkeln das Tor «überwachen» und die Position des Balles bis auf zwei Millimeter genau vermessen werden kann.

Auch die gelbe Karte nach übertriebenem Torjubel ist immer wieder ein vielbesprochenes Thema. Dazu zählt nämlich auch das Ausziehen des Trikots, noch immer einer der meistpraktizierten Torjubel weltweit. So wurden immer wieder namhafte Spieler verwarnt und deswegen zuweilen für das nächste Spiel gar gesperrt, was ihre Trainer völlig austicken liess. Balotelli kriegte dafür immer wieder Rüffel von seinen Trainern Mancini (Ex ManCity-Coach) und Prandelli (Übungsleiter der Squadra azzura) und sorgte damit immer wieder für Unterhaltung und Gelächter.

Bei all diesen Kontroversen rund um verschiedene Regelauslegungen aber nie ernsthaft diskutiert worden ist jene der (übertriebenen) Härte und das damit verbundene (Hin-)Fallen der Spieler. Selbstverständlich hat sich auf dem Feld sehr vieles verändert in den letzten 20, 30 Jahren. Das Spiel wurde merklich schneller, die Spieler werden immer athletischer, die Taktiken der Trainer immer ausgeklügelter und die Technik eine immer wichtigere Komponente des Spiels. Durch diese gesteigerte Intensivität eines Fussballspiels wird auch immer öfters gefoult und die Topspieler kriegen auf die Socken, teils als Einschüchterung gedacht, teils weil sie einfach zu schnell und zu wendig für ihre Gegenspieler sind. Bei all dem sticht aber ins Auge, dass Spieler wie Iniesta, Messi und neustens auch Neymar immer öfters hinfallen und zwar auch dann, wenn sie nicht überhart und regelwidrig angegangen werden, oder noch bevor dies überhaupt geschieht.

So war mir diesbezüglich auch das Finale des Confed Cups ein Dorn im Auge. Das Spiel war intensiv, ruppig und von vielen Zweikämpfen geführt. Die meisten dieser Zweikämpfe waren zwar hart, aber regelkonform. Was nun aber wirklich stört und als Tendenz im modernen Spitzenfussball schon seit längerem Einzug hält, ist die Tatsache, dass die Spieler immer öfters nach dem Prinzip der Selbstjustiz handeln und den Ball bei jeder noch so kleinen, unsanften Berührung des Gegenspielers gleich selbst in die Hand nehmen (um den Freistoss, den sie zugesprochen erhalten wollen, gleich auszuführen), ihre Aktionen vorschnell abbrechen in der (mittlerweile oftmals schon gerechtfertigten) Hoffnung, dass der Schiedsrichter die Aktion sowieso gleich unterbrechen und dem scheinbar Gefoulten ohnehin einen Freistoss zusprechen wird.

Mir leuchtet ein, dass Spieler wie Ribéry, Robben oder eben auch Messi – um nur einige dieser «Vielgefoulten» zu nennen – vor Verletzungen geschützt werden sollten und somit auch die Gefahr vor ernsthaften Blessuren reduziert werden kann. Diese absoluten Klasse-Spieler haben für ihre Vereine eine immense Bedeutung und stellen oftmals gar die Lebensversicherung für ebenjene dar, was man bei Barca immer wieder augenfällig demonstriert bekommt, wenn Messi mal fehlt. Barca hatte bislang keinen Plan B, will heissen: Ohne Messi war man meistens nur noch halb so torgefährlich wie mit dem «Besten Spieler der Welt». Doch zur «erfolgreichen» und Spielfluss hemmenden Selbstjustiz-Praxis, dass sich die Spieler ständig vorschnell fallen lassen, auch wenn gar (noch) kein tatsächliches Foul von ihrem Gegenspieler begangen worden ist, tragen vor allen Dingen auch die Schiedsrichter selbst bei. Sie pfeifen mehr denn je jede Berührung eines Gegenspielers kurzerhand ab und bestätigen so die Spieler in ihrer ungerechtfertigen Annahme, bei ihrer Spekulation auf Foul.

Dabei fällt auf, dass von dieser pedantisch-kleinlichen Regelauslegungen meistens spielstarke, auf Ballbesitz pochende Mannschaften, wie etwa im Klubfussball der FC Barcelona oder auf internationaler Ebene die spanische Nationalauswahl profitieren. Dies führt einerseits zu weniger Spielfluss und mehr Unterbrechungen, womit die Attraktivität von Spielen dieser Teams eindeutig abnimmt. Andereseits animiert dies schnelle und wirblige Spieler dazu, immer gleich das Foul zu suchen, anstatt sich wirklich durchzusetzen und eine Aktion durchzuziehen. Was zwar harmlos klingt, wird zu einem ernstzunehmenden Problem im Spitzenfussball.

Die besseren, sprich wendigeren Spieler werden bevorzugt, kampfstarke und unzimperliche Zeitgenossen, die zwar hart aber grundsätzlich fair spielen, hingegen immer öftes zurückgepfiffen. Fussball war immer auch ein Kampfsport, bei dem der Behauptung, aber auch der (Rück-)Eroberung des Balles eine zentrale Bedeutung zukommt. Wenn genau diese Möglichkeit aber immer öfters durch Scheinfouls und ungerechtfertigte, vorschnelle Schiedsrichterpfiffe unterbunden wird, so leiden letztlich nicht nur der Spielertypus «Kämpfer» und «Wadenbeisser» sondern letztlich der Fussball als Ganzes darunter. Fussball wird zum Rasenschach, bei dem Bauern fressen das Non-Plus-Ultra sein soll.

Dass dies auch anders sein kann und trotzdem (oder gerade deswegen) attraktiver Fussball gespielt werden kann, zeigen die südamerikanischen Profi-Ligen par exellence. Dort wird nicht jede noch so mikrige Körperberührung abgepfiffen und Grätschen gehört dort zur Tagesordnung. Es wird hart und leidenschaftlich um jeden Zentimeter gerungen, die Spieler grätschen sich um und helfen sich wieder auf die Beine, da sie ihren Kampf in Aktionen auf dem Platz kämpfen und nicht wie die europäischen Topspieler ihre überschüssige Energie in persönliche Animositäten und Tätlichkeiten nach strittigen Schiri-Entscheiden investieren.

Natürlich ist mir bewusst, dass diese Einschätzung viele Pauschalisierungen vornimmt, doch die Tendenz der Schwalben-Falle ist evident. Deshalb an alle Schiedsrichter. Pfeift wieder vermehrt einfach nur die klaren und offensichtlichen, weil Spiel benachteiligenden Fouls ab und fällt nicht jedes Mal auf diese peinliche Schwalben-Falle rein. An alle Klassespieler: Spielt wieder mehr Fussball, zieht die Aktionen durch und sucht euren Vorteil wieder mehr in realisierten Toren, denn in zugesprochenen Freistössen irgendwo in der Belanglosigkeit der eigenen Platzhälfte.

 

Bené Koller

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