(Bild: Sarah Bischof)
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Wenn für dein Kind ein Tier geopfert wird

6min Lesezeit

Für ein gesundes Neugeborenes opfert man im Islam ein Schaf und teilt es mit Ärmeren. So die muslimische Tradition. Für Sarah Bischof eine neue Welt, die sie in Marokko respektieren möchte. Wie es dann allerdings ist, wenn für die eigene Tochter tatsächlich ein Schaf geschlachtet wird, im neusten Blog.

«Määh, määäh!» – Dort, wo sonst die Tomaten und Bananen wachsen, hauste auf einmal eine verstörte kleine Schafherde im Garten meiner marokkanischen Familie. Wer nun denkt, «Jö, härzig!» oder «Wäh, grusig!», die verrückte Sarah hat ein neues «Haustier» bekommen, täuscht sich. Und wenn – dann nicht ich, sondern meine kürzlich geborene Tochter. Doch nix von Bauernhofromantik.

Diese vier friedlich Heu vor sich hin mampfenden Tiere wurden als Opfergabe auserkoren. Einmal im Jahr, nämlich zum Höhepunkt des Haddasch (der Wallfahrt nach Mekka), ist das islamische Opferfest «Eid ul-Adha». Das bedeutendste Fest im islamischen Kalender neben dem Fastenbrechen am Ende des Ramadans.

Dabei opfern gläubige Muslime rund um den Globus, sofern es finanziell möglich ist, zur Feier des Festes ein Tier – meist ein Schaf. Das Schöne dabei: Es wird geteilt. Nicht nur im Familienkreis wird miteinander geteilt und gespeist, sondern aus der Tradition heraus wird mindestens ein Viertel des Tieres an Ärmere verschenkt.

Der Alltag steht still

Rund um dieses Fest steht alles Kopf. Geschäfte kann man im Monat der Feier vergessen. Ferien sind in Marokko grundsätzlich rar, die Sechs-Tage-Woche ist der Normalfall. So beziehen viele ihren jährlichen Urlaub für das Fest, reisen zu ihren Familien, was nicht selten weite Strecken sind, und bereiten sich auf die Feierlichkeiten vor.

Vielfach bleibt so der lokale Metzger oder Gemüsehändler gerne zwei bis drei Wochen geschlossen. Sprich, man muss sich im Vornherein eindecken – sofern man nicht nur Schaf essen will. Offiziell rief der König für dieses Jahr zwei Feiertage aus. Wie vor dem Beginn des Ramadans konnte man meinen der Weltuntergang kündige sich an.

Richtiggehende Menschenmassen in den Läden und viele Regale vor Ladenschluss wie leer gefegt – denn für das Fest will man allen einen reichhaltigen Tisch präsentieren. Auch die Bankomaten sind über Tage leer. Viele Angestellte machten die «Brücke», und so wurden aus zwei offiziellen Feiertagen einige inoffizielle mehr.

Schafe ab 200 Franken

Vor den Supermärkten und auf dem Souk gibt es neben Tomaten, Zwiebeln oder frischen Feigen nun auch Schafe zu kaufen. Ab 2’000 Dirhams (umgerechnet 200 Franken) bis in undenkbare Höhen kriegt man ein Exemplar – je nach Rasse und Grösse. Transportiert werden sie mit zusammengebundenen Hufen auf offenen kleinen Lastern, ja sogar auf Motos.

Das Schaf ist los, wahrhaftig! Von den Dächern, den Balkonen und den Gärten «määht» es überall. Dort werden sie mit Stroh und anderem bis zum Fest «gestopft». Die Schafe meiner marokkanischen Familie wurden erst zwei Tage vor dem Fest gebracht. An einem besonders hübschen, braunhaarigen Exemplar hing ein Schild mit dem Namen meiner Tochter, Luna. Es sollte also wirklich ein Schaf zum Dank der Geburt meiner Tochter geopfert werden.

Wo blieb das Schaf für Luna?

24 Stunden vor dem Schlachten wird das Tier nicht mehr gefüttert. Beim Akt selber gilt: Das Tier darf nicht leiden. Auch wird ein Schaf nicht vor den Augen der anderen getötet. Heute passiert dies in den meisten Familien im Beisein eines Metzgers. Und so hingen am Mittwoch vor zwei Wochen auf einmal drei gehäutete, kopflose Schafskörper in der Garageneinfahrt, um auszubluten und zu trocknen bevor sie zurechtgeschnitten werden.

(Bild: Sarah Bischof)

Drei? Und wo war das Vierte? Ich wollte mit meiner Tochter den Moment des Schlachtens morgens um 9.30 Uhr verschlafen. Das war dann aber auch der Fehler … Was ich nicht wusste: Nach Tradition muss die Person, für die das Tier geopfert wird, währenddessen in der Nähe sein. Und damit wurden alle anderen Schafe geschlachtet – bis auf das für Luna. Das stand also noch friedlich grasend im Garten.

Ganze Familie im Einsatz

So ein Schaf zu schlachten hat es in sich. Die ganze Familie ist involviert. Nach dem Schlachten muss der Boden vom Blut befreit und die Innereien mit dem Messer geputzt werden, Einige Teile werden eingefroren, andere sofort gekocht beziehungsweise weiterverarbeitet, der Kopf wird jemandem im Quartier zum Barbecue machen gebracht, und, und, und.

Höre ich mich um, sind die Meinungen über das Fleisch gespalten. Der eine liebt die Zunge, der andere den Kopf, der Dritte will es nur auf dem Barbecue essen, der Vierte isst aus Anstand mit und der Fünfte tut so als ob. Jedenfalls ist die Gefriertruhe nun rappelvoll. Gegessen wird das Fleisch über das ganze Jahr verteilt. Auch wenn in den nächsten Tagen alles nach Schaf riechen wird.

Schafskopf-Barbecue (Bild: Sarah Bischof)

Und was ist mit Lunas Schaf passiert? Das Schlachten wurde auf den nächsten Morgen angesetzt, doch es passierte nichts. Ich dachte schon das Schaf sei zum Leben bestimmt, als es am Mittag an der Tür klingelte. Ich versuchte dieser Tradition mit Dankbarkeit zu begegnen und bedankte mich währenddessen mit einer kleinen Reinigungszeremonie in meinem Zimmer. Das Fleisch verschenkten wir allesamt an Familien und an Kinder ohne Eltern, die sich zum Fest kein Schaf leisten konnten. Das Schaf von Luna, ein Schaf mit Sinn.

Aus dem zentralplus Blog Pony Hü: Kulturschock in Marokko

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