Das nachhaltige Projekt Hakuna Matata kommt schleppend voran, immer wieder geht von Seiten der Arbeiter etwas vergessen oder wird falsch gemessen. Die Effizienz des Westens sucht man in Marokko vergebens. (Bild: Sarah Bischof)
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Das nachhaltige Projekt Hakuna Matata kommt schleppend voran, immer wieder geht von Seiten der Arbeiter etwas vergessen oder wird falsch gemessen. Die Effizienz des Westens sucht man in Marokko vergebens. (Bild: Sarah Bischof)

Mit «Inshallah!» im Schlamassel gelandet

5min Lesezeit

Alles ist möglich, alles ist kein Problem und alles ist machbar. Inshallah! Wow, die Marokkaner scheinen so freundlich. Alles scheint so «im Fluss» zu sein. Doch ist wirklich alles so easy? Wie ist die Realität? Sarah Bischof berichtet aus ihrem Alltag in Marokko.

Marokko, das Gegenteil der Schweiz, dies mein Eindruck als der «Flirt» mit Marokko vor bald drei Jahren begann. In der Schweiz, so hatte ich das Gefühl, wird alles mit Regeln und Gesetzen verkompliziert und «verbünzlisiert». Die Menschen sind in ihrem Alltag vielfach derart festgefahren, dass alles was spontan und unerwartet ist, zu viel ist. Natürlich gibt es auch hier wie immer Ausnahmen!

In Marokko hingegen hatte ich das Gefühl: Alles ist möglich. Regeln gibt es, aber die kann man auch wieder umgehen – sofern man ein gutes Mundwerk oder ein gutes Portemonnaie hat. Die Menschen sind freundlich und immer für einen Teeschwatz zu haben. Fragte man nach etwas, zum Beispiel, ob das Gegenüber einem etwas organisieren sowie helfen könne oder ob eine Deadline eingehalten werde, kommt als Antwort meist: «Inshallah!», was wörtlich übersetzt so Gott will heisst.

Es ist die Redewendung, die du in Marokko am Meisten und überall hörst. Es lässt dich gut fühlen und dein Anliegen scheint erledigt zu werden – doch genauso gut kannst du dich mit dieser Antwort komplett verloren fühlen. Denn: Woran ist man wirklich mit Inshallah? Was heisst das auf meine spezifische Situation bezogen?

Kann mir mein Gegenüber wirklich helfen oder nicht? Man tappt im Dunkeln. Gut möglich, dass der Gegenüber dir wirklich zu helfen versucht und auch helfen kann, doch vielleicht geht das Anliegen auch wieder vergessen oder gut möglich ist es einfach die Verlegenheitsantwort. Ja, man möchte in Marokko (und vielleicht auch in vielen anderen Ländern) das Gegenüber nur ungern enttäuschen. Darum: Inshallah!

Hinter der Fassade von Inshallah

Streifst du als Touristin oder Tourist über die Märkt wird dir an jeder Ecke ein süsser marokkanischer Minzetee angeboten und für jeden bist du «my friend». Überfreundlich – das Spiel der Touristenfalle habe ich natürlich sofort durchschaut und teilweise sogar gerne mitgespielt. Just for fun. Fern von der Tourifalle versuchen wir jedoch in Tamraght im Süden Marokkos einen nachhaltigen Begegnungsort mit einem Bio-Restaurant und Platz für Kultur aufzubauen. Dabei merkten wir wie es wirklich ist – zumindest in unserer Gegend im Süden.

Die Einheimischen sagen gerne zu allem Ja. Grundsätzlich eine schöne Angewohnheit, nur: Wenn man sich dann auf dieses Ja verlässt, nach zwei Tagen immer noch nichts passiert, man dann mal nachfragt und es immer noch Ja heisst, und so weiter...dann beginnt es an den Nerven zu zerren. So aber ist es im marokkanischen Alltag gang und gäbe. Man rennt ständig etwas und jemandem hinterher und hält sich so gegenseitig beschäftigt.

In meinen Augen ineffiziente Zeit, die viel besser genutzt werden könnte – doch in Marokko muss man akzeptieren: Es läuft so und nicht anders. Irgendwann und irgendwie kommt man dann schon zu seinem Ziel. In Marokko habe ich sprichwörtlich gelernt Umwege zu nehmen, anstatt direkte Wege zu gehen.

Ins Schlamassel gebracht

Es ist wie ein Naturinstinkt: Die Marokkaner möchten niemanden enttäuschen. Dabei wäre mir Ehrlichkeit und mal ein Nein lieber. Denn auf «Inshallah» zu vertrauen, hat mich schon öfters ins Schlamassel gebracht. Ein Beispiel ist unser Schuhbusiness. Wir produzieren spezielle, farbige Lederschuhe im Anti-Atlas-Gebirge. Handgemacht, alles auf Einzelaufträge und keine Stangenware.

Das Problem: Unser Schuhmacher kann einfach nicht ehrlich sein. Während Wochen tut er so als hätte er unsere Bestellung im Griff, doch die Deadlines verstreichen, teilweise ist er nicht mal mehr zu erreichen und die Bestellung verzögert sich. Das Fazit ist eine typische Kettenreaktion. Der Endkonsument denkt sich: Was ist denn das für eine unzuverlässige Bischof? Dabei: Ich kann null dafür.

Die Babouches von Maison Darna: Ein wunderschönes Endprodukt, das in der Produktion schwierig zu planen ist. Viel Geduld ist gefragt.
Die Babouches von Maison Darna: Ein wunderschönes Endprodukt, das in der Produktion schwierig zu planen ist. Viel Geduld ist gefragt. (Bild: Bujar Berisha)

Meist stellt sich nämlich heraus, dass der Schuhmacher das qualitativ hochwertige Leder gerade nicht zur Verfügung hat, die Produktion einen Fehler hat oder die Temperaturen entweder garstig kalt oder unerträglich heiss im Ort im Gebirge sind. Alles Gründe, denen wir und auch unsere Kunden mit Verständnis begegnen würden. Wenn wir sie denn wüssten. Wieso diese Notlügen? Verstehen werde ich es wohl nie, doch ich habe gelernt dieser Schwierigkeit vorzugreifen, indem ich von Beginn weg klarstelle: In Marokko weiss man nie, was und wann etwas passiert.

Meist stossen wir auch Verständnis, es gibt jedoch auch «Bünzlis», die für einen anderen Arbeitsfluss in einem anderen Land null Verständnis zeigen. Dann wird es für uns ungemütlich. Dann haben wir einen schlechten Ruf für etwas, wofür wir gar nichts können. Da haben wir sie wieder, die Kettenreaktion!

Aus dem zentralplus Blog Pony Hü: Kulturschock in Marokko

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