(Bild: Sarah Bischoff)
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Ins «Tajine-Näpfchen» getreten

5min Lesezeit

Zucker so gross wie die Teekanne, Brot anstatt einer Gabel und die besondere Regel beim Tajine-Essen: andere Länder, andere Essgewohnheiten. Sarah Bischof über die Tischkultur Marokkos und wieso manch einer aus den Marokkoferien als vermeintlich gackerndes Huhn nach Hause kommt.

Hungern muss in Marokko niemand. Selbst mit den Ärmsten wird geteilt. Gastfreundschaft wird in Marokko sehr hoch gehalten. Und das heisst: üppige Tische für Gäste. Die Frauen oder Hausangestellten stehen dafür stundenlang in der Küche. Denn marokkanische Speisen sind aufwendig und müssen teilweise stundenlang kochen, um ihr Aroma zu entfalten. Während wir im Westen etwa Couscous als schnell zubereitetes Essen betrachten, wird er hier im Dampf stundenlang zubereitet.

Auch die Tajine, der traditionelle Lehmtopf und das Hauptkochutensil einer jeden marokkanischen Familie, muss so lange garen, bis alles schön verkocht ist. Was dagegen nicht auf den Tisch kommt, ist Humus – vermeintlich gehört das in marokkanischen Restaurants in der Schweiz auf die Karte, doch die Kichererbsenpaste ist eine libanesische Spezialität.

Ein Riesengeköche – auch wenn das meiste bei solchen Einladungen dann wieder abgeräumt wird, denn essen mag man diese Menge niemals. Ich weiss sogar von Geschichten, wo ärmere Familie beim Nachbarn Geld ausleihen mussten, nur um dem Gast einen vollen Tisch anbieten zu können.

Was? Du isst kein Fleisch?

Die Mahlzeit beginnt meist mit dem sogenannte «Gouter», dem Tee plus Gebäck, der normalerweise in marokkanischen Familien vor dem Sonnenuntergang serviert wird. Der weltbekannte marokkanische Tee: zuckersüss. Bevor ich nach Marokko reiste, wusste ich nicht, dass so grosse Zuckerwürfel überhaupt existieren. Der Würfel – fast so gross wie die Teekanne. Der Tee gebrüht aus Grüntee und frischer Minze, gesüsst mit XXL-Zuckern – und dann natürlich die Kunst des Einschenkens: am besten von weit oben herab exakt das kleine Teeglas treffend.

Ist man zu einem Essen eingeladen, kommt also das Süsse zuerst. Und das kann durchaus dauern: Die üppigen Hauptspeisen werden meist erst um 22 Uhr serviert. So spät zu essen, ist hier komplett normal. Für mich heisst das: Vorher was Kleines essen, sonst verhungere ich. Und: Als mehrheitliche Vegetarierin macht es die Geschichte nicht viel einfacher. Manche schauen dich schräg an, wenn du sagst, dass du kein Fleisch isst. «Et du poulet?» (übersetzt: und Poulet?), fragen sie dann allen Ernstes oft. «Non, aussi pas de poulet.»

Zweimal täglich Tier auf dem Tisch

Ein Essen ohne Fleisch, Fisch oder zumindest Eier oder Käse zählt nicht. Während es in meiner Familie niemals jeden Tag Fleisch gab, kommt hier eigentlich zwei Mal täglich ein Tier auf den Tisch. Nicht gerade einfach, wenn du Handwerker im Haus hast, die du verpflegen musst. Einmal hat ein Arbeiter nichts gegessen, weil es im Sandwich ein (!!!) Salatblatt hatte.

Viele Surftouristen berichten: «Ich esse in Marokko so viele Eier wie sonst nie.» In der Tat gibt es viele Eierspeisen: Marokkanisches Ei mit Tomaten zum Frühstück, Omeletten, hartgekochte Eier, Eier in der Tajine oder als Crêpes. Manch einer ist wahrscheinlich schon gackernd nach Hause gekommen. 

Schlechte Nein-Sagerin muss büssen

Zurück zum Essgelage: Ich erinnere mich an mein erstes Essgelage im Clan meines Partners. Tee mit Gebäck und Nüssen, Vorspeisen aus Rohkost, Muscheln, Linsen und hausgemachtes Brot, ein Riesenfisch mit Gemüse aus dem Ofen, ganze Hähnchen mit Pommes und zum Abschluss Früchte. Alles wurde mir zum Probieren vor die Nase gesetzt, aus Höflichkeit konnte ich nicht (bis auf das Fleisch) ablehnen.

Danach war mir dermassen schlecht, dass ich die ganze Nacht über nicht schlafen konnte. Was mit den Resten passiert? Das weiss ich nicht so genau. Meist landen sie in einer Tajine vor der Haustüre, wo sich die Strassenkatzen über sie hermachen. Katzen werden geduldet, Hunde verscheucht – so zumindest verhält sich die Mehrheit.

Der Tajine-Fauxpas

Während in Indien ausschliesslich mit der rechten Hand gegessen wird, benutzt man in Marokko meist Brot statt Gabel. Das weisse Fladenbrot ist wohl das Nahrungsmittel Nummer 1. Für umgerechnet 10 oder 15 Rappen erhält man ein frisches Fladenbrot, welches mit dem Töff und einem Riesenkorb auf dem Gepäckträger in die Läden verteilt wird.

Teilt man sich dann eine Tajine, worin Gemüse, Fleisch, Fisch, Eier, Linsen, Mandeln, Zwiebeln – sprich: fast alles – geschmort werden können, muss man eines beachten: Jeder hat sein Stück vom Kuchen, äh von der Tajine. Dir gehört exakt das Stück vor dir und nicht mehr oder weniger. Ich kann mich noch gut an die entsetzten Blicke erinnern, als ich nach der Bohne meines Gegenübers fischte. Nie mehr werde ich das tun.

Noch geregelter geht es ab dem 17. Mai zu und her. Der Ramadan, die Fastenzeit der Moslems, steht vor der Tür. Bis zum Sonnenuntergang wird auf jegliches Vergnügen des Lebens verzichtet: Essen, Trinken, Zärtlichkeiten oder etwa Rauchen. Was es heisst, an einem Ort zu sein, wo (fast) alle fasten – darüber im nächsten Blog.

Aus dem zentralplus Blog Pony Hü: Kulturschock in Marokko

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