Ein Vater soll nach der Geburt für sein Kind da sein können, findet CVP-Kantonsrätin Anna Bieri. (Bild: Fotolia/Boggy)
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Ein Vater soll nach der Geburt für sein Kind da sein können, findet CVP-Kantonsrätin Anna Bieri. (Bild: Fotolia/Boggy)

Vaterschaftsurlaub: Kuschelwochen im Windeln-WK

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Die Einführung eines Vaterschaftsurlaubs ist seit Jahren ein Politikum – aktuell fordert eine Initiative vier Wochen bezahlten Urlaub für Neu-Väter. Die Bevölkerung müsse gewichten, wie viel ihr eine zeitgemässe Familienorganisation wert ist, meint die Zuger CVP-Kantonsrätin Anna Bieri und berichtet von ihren persönlichen Erlebnissen.

Anna Bieri

Endlich Ferien! Als Lehrerin wird mir diese lange Sommerpause manchmal schalkhaft unterstellt und manchmal tatsächlich missgünstig vorgehalten. Ich will mich in diesem Blog nicht über die Freuden und Leiden einer Mittelschullehrerin auslassen. Als Mami eines bald einjährigen Lausbubens hat die «unterrichtsfreie Zeit» sowieso eine ganz neue Bedeutung und einen komplett anderen Inhalt bekommen.

Nicht nur meine Ferienplanung wurde durch meine Mutterschaft auf den Kopf gestellt. Meine neue Rolle lässt meinen Fokus bei Entscheidungen jeweils noch etwas weiter in die Zukunft gehen und beeinflusst meinen Blick auf politische Entwicklungen sowie die Wahl meiner Blogthemen.

Kuschelwochen für Neopapis

Mit Interesse habe ich die Entwicklung der Volksinitiative für einen vierwöchigen Vaterschaftsurlaub beobachtet. Mein CVP-Kollege Nationalrat Martin Candinas ist davor mit seinem Anliegen auf einen zweiwöchigen Vaterschaftsurlaub im Parlament gescheitert. Mit Fokus auf die Finanzierbarkeit, die Realisierbarkeit und als bürgerliche Mittepolitikerin hätte ich den Vorschlag Candinas favorisiert.

Für die Zukunft und damit für unsere Kinder ist es nicht nur wichtig, was direkt gut für sie oder für uns als Familie ist, sondern auch ein gesunder, solider Staat, der langfristig Sicherheit und Wohlfahrt gewährleisten kann. Klar ist für mich, dass die aktuelle Regelung von einem einzigen Tag Vaterschaftsurlaub ein Witz ist. In vielen Fällen reicht dies nicht einmal für die Geburt. Ich sehe in den nachfolgenden Überlegungen von der konkreten Anzahl Wochen ab.

«Die Schweizer Bevölkerung muss sich die Frage stellen, was ihnen die moderne Familie wert ist.»

Beim Vaterschaftsurlaub geht es nicht um Kuschelwochen für Neopapis. Ich selbst war in der luxuriösen Lage, meine im selben Dorf lebenden, sehr fitten Eltern intensiv als Unterstützung zu jeder Tageszeit beiziehen zu können. Dennoch waren mein Mann und ich unglaublich froh, dass er – in der Privatwirtschaft tätig – auf eine grosszügige Vaterschaftslösung seitens Arbeitgeber zählen konnte. Prekär wird es bei Familien, die nicht das erste Kind, sondern bereits ein Geschwisterchen erwarten und nicht in meiner komfortablen familiären Situation sind.

Mutterschaft – Mutterschutz

Als eine der übelsten Forderungen empfinde ich die Idee, den Vaterschaftsurlaub auf Kosten des Mutterschaftsurlaubs auszugestalten. Ja, das wäre kostenneutral. Weitere Gedankengänge stecken definitiv nicht dahinter. Ich selber durfte damals meine Mutterschaftspause dank meinem Arbeitgeber mit unbezahltem Urlaub auf ein halbes Jahr ausdehnen. Ich gestehe Ihnen, ich wäre nach den obligatorischen 14 Wochen weder körperlich noch mental fähig gewesen, ins Schulzimmer zu stehen und meine Arbeit so wie ich, meine Schülerinnen und mein Arbeitgeber es von mir erwarten, abzuliefern – und gleichzeitig meinem Kind gerecht zu werden.

Viele Frauen in meinem Umfeld berichten Ähnliches. Sehr gut verständlich macht es das verwandte Wort «Mutterschutz». Diese 14 (beziehungsweise 16) Wochen sind ein minimaler Schutz von Mutter und Kind. Wer diese Schutzphase antastet, hat meiner Ansicht nach nicht nur keinen Schimmer von Mutterschaft, sondern nimmt die Frage nach der gesellschaftlichen Weiterentwicklung und das Bedürfnis der Wirtschaft von Frauen als Mitarbeiterinnen nicht ernst. Diese Forderung auf Kosten von Mutter und Kind macht mich echt grantig.

Windeln-WK

Egal, wie wir den Elternurlaub quantitativ ausgestalten und was er damit an Kosten verursacht, die Schweizer Bevölkerung muss sich die Frage stellen, was ihnen die moderne Familie wert ist. Sie finden diese Aussage plump? Ein Beispiel: Unserer Bevölkerung ist Sicherheit wichtig. Deshalb spricht sie sich – spreche auch ich mich – immer wieder für eine solide, gesunde und moderne Armee aus. Mit diesem Commitment schaffen wir es seit Jahren, dass sich Arbeitgeber, Arbeitnehmer, Staat und Bevölkerung dafür einsetzen, dass viele junge Schweizer Männer über Wochen ihrem Arbeitsplatz fernbleiben und ihren Dienst ausüben, während sie dabei finanziell getragen werden. Weil uns das wichtig ist. Weil es uns das wert ist.

Armeereformen, welche das Schweizer Militär effizient und clever ausgestalten wollen, aber Diensttagekürzungen zur Folge haben, stossen ausgerechnet bei den Politikern auf Widerstand, welche einige Tage Vaterschaftsurlaub als untragbar für die Wirtschaft und den Staat bezeichnen. Warum setzen wir nicht einen WK anstatt fürs Militär für den Vaterschaftsurlaub ein?

Die Idee vom Windeln-WK mag schräg sein und es ist bestimmt nicht fair, Militär und Vaterschaft gegeneinander auszuspielen. Ich will Ihnen nur zeigen, dass eine für Gesellschaft und Individuum kluge Lösung nicht zum Vornherein als unmöglich bezeichnet werden darf. Wir sind es, welche die Gewichtung machen: Was ist uns wichtig? Was ist es uns wert?

Ich geniesse meine Ferien auch ohne Ausschlafen und Dolcefarniente – dafür im Kinderplanschbecken und mit ausnahmsweise erlaubtem Schoggiglace. Bald hat auch der Papi Urlaub. Darauf freuen wir uns riesig.

Aus dem zentralplus Blog PolitBlog

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