Einen der modernsten Bahnhöfe der Schweiz haben die Zuger schon. Nun wollen sie auch im Bereich Mobility Pricing vorpreschen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Einen der modernsten Bahnhöfe der Schweiz haben die Zuger schon. Nun wollen sie auch im Bereich Mobility Pricing vorpreschen. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Mobility Pricing trifft die Falschen

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Der Kanton Zug wird momentan als «Testlauf» des Mobility Pricings benutzt. Dies sollte hinterfragt und in weitere Zusammenhänge gestellt werden, findet Bloggerin Marie-Isabelle Bill. Denn die in der Arbeitswelt gelebte Realität lässt Arbeitnehmern noch wenig Spielraum. So trifft das Vorhaben vor allem das Portemonnaie jener, deren Möglichkeiten heute schon beschränkt sind.

Marie-Isabelle Bill

Zug sieht sich gerne in der Rolle des Vorreiters: Bitcoins und Mobility Pricing sind die neuesten Schlagworte. Dass der Bund ausgerechnet die Kleinstadt Zug für einen «Testlauf» erwählt hat, liegt, neben den aufgeführten Gründen wie der kantonalen räumlichen Begrenzung und dem bestehenden Verkehrsproblem, auf der Hand. Zug ist ein klassischer Pendler-Kanton.

Und viele dieser Pendler, so die vorherrschende Annahme, sind nicht Kleinstverdiener. Man kann es sich also leisten. Mobility Pricing trifft aber wieder mal die Geldbeutel genau derjenigen, deren «flexible Möglichkeiten» sehr beschränkt sind.

Die Gesellschaft braucht einen Denkwandel

Gleich vorneweg: Ich habe keine Lösung parat. Aber ich mache mir doch einige Gedanken über die allgemeine Entwicklung und Tatsachen, von denen ich überzeugt bin, dass sie sehr wohl zusammenhängen, obwohl es auf den ersten Blick nicht so scheint. Ich bin auch überzeugt, dass unsere Gesellschaft nur mit einem allgemeinen Struktur- und Denkwandel mit den Problemen der Zukunft fertigwerden wird. Dumm nur, dass diese Probleme bereits begonnen haben und wir schon mittendrin stecken.

Das Augenfälligste ist wohl das Verkehrsproblem. Alles hat zugenommen: die Anzahl der Menschen (mit Bedürfnissen), der Individualverkehr, der öffentliche Verkehr. Wir alle wünschen grenzenlose Mobilität. Arbeitgeber und offizielle Stellen erwarten dies aber auch von uns. Ein Stellensuchender muss heute bereit sein, einen Arbeitsweg von je zwei Stunden für Hin- und Rückreise auf sich zu nehmen. Das muss zumutbar sein – sagt der Bund.

Eingeschränkte Kinderbetreuung

Heute müssen oft beide Elternteile arbeiten. Die Angebote der familienergänzenden Kinderbetreuung jedoch sind zeitlich ziemlich eingeschränkt. Abends um neun findet sich kaum mehr eine geöffnete Krippe. Und morgens öffnet wohl keine vor sechs.

Das wäre aber nötig, wenn wir Mütter und Väter dazu bringen wollen, nicht während der Stosszeiten unterwegs zu sein. Egal, ob mit dem Auto oder dem öV. Und die neuen Schulzeiten, über die schweigen wir jetzt mal.

Und wenn die Eltern dann wollen? Und allenfalls ein entsprechendes Krippenangebot bestünde? Ach, jetzt haben wir die Arbeitgeber und deren Betriebe ganz vergessen. Mehr Flexibilität soll der Arbeitnehmer zeigen. Die meisten Arbeitgeber zeigen sich hingegen bei den Block- und Betriebszeiten nicht sehr flexibel und 24-Stunden-Betriebe hätten ein massives Problem.

«Wer um acht Uhr morgens im Geschäft, am Fliessband, auf der Baustelle oder im Büro sein muss, hat keine grosse Wahl.»

Mehrkosten der Arbeitnehmer

Wer um acht Uhr morgens im Geschäft, am Fliessband, auf der Baustelle oder im Büro sein muss, hat keine sehr grosse Wahl. Bei unserer 40- bis 44-Stunden-Woche wird es auch schwierig sein, so das Stundensoll erreichen zu können. Frage: Werden unsere Arbeitgeber – wohlgemerkt sind darunter auch einige Politiker jeder Couleur – die Mehrkosten der Arbeitnehmer für pünktliches Erscheinen übernehmen?

Wird «Home Office» wieder Trend?

Das vielgepriesene Home Office benötigt auch Raum, die Küche ist nicht für jeden zum Arbeiten geeignet und Vertraulichkeit ist auch nicht immer gegeben, wenn zwei Kinder um einen herumrennen und die Freundinnen der Frau zum Kaffee daneben sitzen.

Aber wie sieht das mit der Entschädigung aus? Die Schreibende schätzt selber ihr Home Office, aber kennt auch den Preis der ständigen Erreichbarkeit und der mangelnden Abgrenzung. Nur so nebenbei, nicht jeder Arbeitsplatz kann ins traute Heim verschoben werden. Frage: Wird «Heimarbeit» wieder zunehmen?

Verstädterung

Wer mit dem Auto unterwegs ist, soll umsteigen auf den öV. Richtig, wann immer möglich und vernünftig. Carsharing und eines der europaweit besten öV-Angebote sind in diesem Falle ideal. Wir beklagen uns über die Verstädterung und Abwanderung aus den ländlichen Gebieten. Wer da wohnt und vernünftig mit dem öV unterwegs sein will, bezahlt heute schon einen rechten Preis für Auto, Park & Ride und öV-Abonnement.

Frage: Werden die Tickets teurer oder billiger? Oder wird der Staat für die Rechnungstellung von uns ein Bewegungsprofil erstellen, in welcher Form auch immer?

«Wenn ich schwarzsehe, dann werden wohl Nacht- und Sonntagsarbeit wieder normal werden.»

Alternative Arbeits- und Lebensformen

Wenn ich schwarzsehe, dann werden wohl Nacht- und Sonntagsarbeit wieder normal werden. Unsere Familien werden noch weniger zusammen leben, essen, spielen können, denn Arbeitszeit und Arbeitsweg werden noch mehr unseren Alltag mitbestimmen. Einmal mehr wird sich auch die Schere öffnen zwischen Privilegierten und solchen, die keine Wahl haben. In jeder Hinsicht.

Aber es leuchtet auch ein, dass zukünftig die grenzenlose Individualität einzuschränken ist – was nicht zwingend unsere Lebensqualität mindern wird. Aber unsere Gesellschaft wird sich wandeln – müssen, dürfen. Wir werden über alternative Arbeits-, Wohn- und Lebensformen nachdenken müssen: Gefahren bestehen – Chancen bestehen.

Aus dem zentralplus Blog PolitBlog

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