Wie arm war Zug früher wirklich? Blick auf die Alpenstrasse um 1915-1920. (Bild: © Guggenheim & Co, Zürich)
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Wie arm war Zug früher wirklich? Blick auf die Alpenstrasse um 1915-1920. (Bild: © Guggenheim & Co, Zürich)

Ein guter Zug – Sachpolitik ohne Zug-Bashing oder Lobhudelei

6min Lesezeit

Die Mär, wie arm Zug in der Schweiz vor dem Steuerwunder gewesen sei, wird von politischen AkteurInnen jeder Couleur kolportiert. Sie wird aber auch durch permanente Wiederholung nicht wahrer! Zug war in den letzten Jahrzehnten nie das Armenhaus der Schweiz.

Barbara Gysel

Die Mär, wie arm Zug in der Schweiz vor dem Steuerwunder gewesen sei, wird von politischen AkteurInnen jeder Couleur kolportiert. Sie wird aber auch durch permanente Wiederholung nicht wahrer! Zug war in den letzten Jahrzehnten nie das Armenhaus der Schweiz.

Bürgerliche stellen Zug historisch als Katastrophenbucht dar, aus welcher wir uns ab den 1960er Jahren selbständig dank gezielter Steuerpolitik hinausmanövrierten. «Zug war vor 60 Jahren noch der ärmste Kanton der Schweiz. Was haben sie gemacht? Sie haben die Strategie gemacht, wir fokussieren auf gewisse Firmen. Diese Firmen sind gekommen; wir haben uns selber hochgearbeitet. Bern und Fribourg hätten genau so gute Voraussetzungen.» Das war in einer Arena-Sendung im Schweizer Fernsehen zum NFA (10.10.2014) vom Zuger Rechtsaussen-Nationalrat Thomas Aeschi (in Mundart) zu hören.

«Noch vor etwa drei Generationen war die Diskrepanz noch viel grösser, aber umgekehrt. Zug war ein Armenhaus, Bern gesegnet mit Reichtum», referierte der bürgerliche Nationalrat Geri Pfister 2013 beim Lions Club Zug Kolin.

Der Mythos vom Armenhaus Zug hält sich demnach hüben wie drüben hartnäckig.

Zudem beim «Zug-Bashing»: «Vom Armenhaus zur Schaltzentrale» oder «Um 1920 war Zug ein abgeschotteter Agrarkanton – landschaftlich schön mit seinem von Hügeln umgebenen See, aber auch sehr arm.» (Tagesanzeiger 10.2.2012) ist beispielhaft für den Tenor bei KritikerInnen vom Rohstoffhandels- und Finanzplatz. Sie folgern daraus, dass sich Zug nur durch windige und fragwürdige Steuerkniffe und Schlupflöcher zum fragwürdigen Fiskalparadies entwickelt konnte.

Der Mythos vom Armenhaus Zug hält sich demnach hüben wie drüben hartnäckig. Die Ansätze von beiden Seiten sind aber undifferenziert. Fakt ist: Die Steuerstrategie hat gewirkt, aber: Der Kanton Zug war seit dem 20. Jahrhundert nie eigentlich «arm».

Es ärgert mich, wenn faktenfrei diskutiert wird, weshalb ich statistische Evidenz zusammentrug. Die folgenden Daten zeigen das Volkseinkommen pro Kopf in Schweizer Franken – und zwar in einem Ranking, um die Zeitreihen vergleichbar zu halten.

Volkseinkommen pro Kopf

Volkseinkommen pro Kopf
Volkseinkommen pro Kopf


Daraus lässt sich folgendes ableiten: Der Kanton Zug war 1890 auf Rang 5 von damals allen 25 Kantonen (den Kanton Jura gibt es erst seit 1979), war also der fünftreichste Kanton der Schweiz gemäss Volkseinkommen per capita. Der Grund ist einfach: Zug gehörte zu den relativ stark industrialisierten Kantonen (auch die Schweiz zählte zu den Anfängern der Industrienationen in Europa und war nicht einfach nur ein Bauernstaat). Zug hatte zudem wenig Einwohnerinnen und Einwohner und profitierte gerade in der frühen Phase von Zürcher Einflüssen (mit den Spinnereien der Lorze entlang und auch in einer späteren Phase durch Investoren und Unternehmer aus Zürich).

In den Folgejahrzehnten bewegte sich Zug auf Rang 6 bis Rang 8 (1930) – sackte also ab gegenüber Kantonen, die vor allem eine starke chemische, Maschinen- und/oder Uhrenindustrie hatten. Der «Tiefpunkt» war nach dem zweiten Weltkrieg im Jahr 1950 erreicht mit Rang 10 von 25 Kantonen, auch die Pro-Kopf-Verschuldung war hoch. Doch heutzutage weist Japan die höchste Staatsverschuldung auf, aber niemand käme auf den Gedanken, Japan als «Armenhaus von Asien» zu bezeichnen.
Doch Ende der 1950er und Anfang der 1960er Jahre wurde durch die Zuzüge von Firmen der spätere Boom lanciert – die eigentlichen Grundlagen wurden dazu schon 1921 mit der Einführung des Holding-Prinzips gelegt. Die Tiefsteuerpolitik wurde Anfang der 1960er Jahre vorangetrieben durch die begünstigte Behandlung von «gemischten Gesellschaften». Dieser Anreiz zeigte Wirkung, es folgten ab den 1960er Jahren zahlreiche internationale Firmen. Ja, und dann schenkt als Folge die Steuerstrategie ein, das sieht man ab 1970 sehr deutlich: Dann geht's rasant an die Spitze, ab 1975 liegt auf Platz 1, wenn wir den Daten Glauben schenken dürfen.

Das belegt: Die Aussage, Zug sei vor 60 Jahren der ärmste Kanton der Schweiz gewesen, ist falsch bzw. ein verbreitetes Märchen.

Das belegt: Die Aussage, Zug sei vor 60 Jahren der ärmste Kanton der Schweiz gewesen, ist falsch bzw. ein verbreitetes Märchen. Obwalden oder Wallis waren hingegen über lange Zeit hinweg wirklich die Kantone mit dem kleinsten Volkseinkommen. Zug stand immer recht weit vorne. Vielleicht wäre unser katholische Kanton ohne reformierte Unternehmer aus Zürich nicht so weit gekommen? Der Kanton Zug war stark industrialisiert und mitbeteiligt waren wie erwähnt jeweils Zürcher Unternehmer. Nehmen Sie zum Beispiel V-Zug oder Landis & Gyr – alles gehörte zu Reformierten. Der Einfluss von Zürich hat sich aber übrigens später fortgesetzt: Am Entwickeln der Zuger Fiskalpolitik waren bekanntlich Zürcher Anwälte nicht unbeteiligt.

Zug war nicht arm im 20. Jahrhundert. Mittels gezielter Steuerpolitik wuchs der Kanton noch mehr – bis hin zur Spitze. Mittlerweile deklarierte aber sogar der bürgerliche Regierungsrat die Begrenzung des Wachstums.

Die Frage bleibt doch, wie es Zug schaffte, schon vor der steuerpolitischen Privilegierung von gemischten Gesellschaften überdurchschnittlich zu sein? Offenheit muss dazu gehört haben, was sich heute fortsetzt. Wir haben aktuell den höchsten Anteil an Ausländerinnen und Ausländern in der Zentralschweiz. Im 20. Jahrhundert kannte Zug zudem im Gegensatz zu Luzern kaum Kulturkämpfe zwischen Schwarzen (den Liberalen) und Roten (den Katholisch-Konservativen). Bei uns lebten schon in den 1920er Jahren mehr BürgerInnen anderer Kantone als Zuger KantonsbürgerInnen.
Und so zeigt sich: die Zuger Erfolgsgeschichte ist mehr nur als Steuerpolitik. Setzen wir auf bewährte Offenheit und Innovation!

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