Die Zentralschweiz solle sich rechtzeitig überlegen, wie sie mit dem Wolf umgeht, meint Barbara Gysel. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Die Zentralschweiz solle sich rechtzeitig überlegen, wie sie mit dem Wolf umgeht, meint Barbara Gysel. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Gegen die Angst vor dem «bösen Wolf»

7min Lesezeit

Obschon erst wenige Wölfe in der Schweiz leben, sollten wir uns auch in der Zentralschweiz vertieft darüber Gedanken machen, wie das Zusammenleben von Mensch und Wolf nachhaltig gestaltet werden kann. Ohne die Polemik, die im Zeichen der Aufweichung des Schutzstatus des Wolfes und die erneute Fokussierung auf Abschüsse (wieder) entflammt ist.

Barbara Gysel

Die Gegensätze könnten nicht grösser sein. Liest man die Online-Kommentare und Zeitungsmeldungen zur Rückkehr des Wolfes, stösst man gleichzeitig auf Jubel und Entsetzen. Es geht um die Überarbeitung des nationalen Grossraubwildkonzeptes, die Verhütung von Wildschäden, die Regulierung des Wolfsbestandes und gar die Kündigung der so genannten Berner Konvention. Diese bedeutende Vereinbarung wurde 1979 von 46 Staaten unterzeichnet, um wildlebende Pflanzen, Tiere und ihre Lebensräume zu schützen. Der Wolf gilt im Rahmen dieses Übereinkommens zwar länderübergreifend als «streng geschützt», doch wird zum wiederholten Mal die Lockerung des Wolfsschutzes in Bundesbern diskutiert. Damit wird dem Druck der Schafbesitzer nachgegeben.

So hat auch der Bundesrat leider schon beabsichtigt, aufgrund einer Motion diesen Schutzstatus des Wolfes von «streng geschützt» auf «geschützt» herabzustufen. Dies macht den Weg frei für die Kantone, in ihrem eigenen Ermessen Wölfe zu erlegen. «Die Schweiz schiesst im Vergleich zum Bestand in Europa schon heute die meisten Wölfe ab», sagte Kurt Eichenberger, früherer Projektleiter Grossraubtiere beim WWF Schweiz, dazu. Hinzu kommt, dass es zur Regulierung der Wolfsbestände nicht einmal einen Nachweis gibt, dass dadurch die Verluste von Beutetieren weniger werden. Es sind sogar gegenteilige Situationen etwa in Schweden, Spanien oder den USA zu beobachten, wo durch das Aufbrechen von Rudeln mehr Risse zu beklagen waren. Wenn ein Leittier getötet wird, besteht das Risiko, dass sich das Rudel auflöst und mehrere Einzelwölfe «entstehen». Ein Rudel selbst kann effizient grosse Hirschkühe reissen. Einzelwölfe hingegen, vor allem junge und unerfahrene, können vermehrt auf Schafe gehen.

Auf politischer Ebene kommt dazu, dass verschiedene Politikerinnen und Politiker über eine Motion von Stefan Engler (GR) verlangen, das Jagdgesetz so anzupassen, dass in Zukunft eine Regulation der Wolfspopulation unter Berücksichtigung touristischer, landwirtschaftlicher und jagdlicher Interessen möglich ist. Neben der Jagd und der Landwirtschaft soll also auch der Tourismus stärker einbezogen werden. Die Befürwortenden der verschiedenen Motionen sehen den Wolf demnach in erster Linie als Konkurrent gegenüber den Interessen der Menschen in den betroffenen Regionen.

Was man dem Wolf anlastet, ist insbesondere sein Verhalten, unbeaufsichtigte Tiere wie Schafe oder Ziegen als leichte Beute zu reissen. Jahrhundertelang wurden Schafe auf der Alp von Hirten begleitet und von Herdenschutzhunden bewacht. In unseren Nachbarländern ist dies seit der Rückkehr des Wolfes gang und gäbe. Obschon auch in der Schweiz der Bund und zahlreiche Naturschutzorganisationen in diesem Bereich Projekte initiiert haben, weigern sich viele Schafhaltende hierzulande standhaft, bezüglich dem Umgang mit dem Wolf neue (oder eigentlich alte, bewährte) Wege zu gehen. Stattdessen wird auf Selbstjustiz gesetzt – und Wölfe werden gar auch illegal geschossen.

Diese Abschüsse grundsätzlich zu legalisieren erachte ich als verkehrte Strategie. Schutzmassnahmen und gemeinsame Überlegungen zum Zusammenleben wären weit nachhaltiger, anstatt Partikularinteressen zu verfolgen. Das kommt auch in den Grundsätzen zum Grossraubtier-Management zum Ausdruck, das die Verantwortlichen der beteiligten Interessengruppen gemeinsam entwickelt haben – namentlich der Schweizerische Schafzuchtverband, JagdSchweiz, WWF, Pro Natura, KORA (Verein zur Erhaltung und zum Management der Raubtiere), das Bundesamt für Landwirtschaft (BLW) und das Bundesamt für Umwelt (BAFU). Als erstes Ziel ist wörtlich festgehalten: «Die natürliche Rückkehr und Ausbreitung der Grossraubtiere sowie die Bestandsbildung in der Schweiz ist möglich.» Diese Haltung wird also auch von den Jägern mitgetragen!
Und übrigens: Am Calanda, im Gebiet des einzigen Schweizer Rudels, ist nun der Herdenschutz sehr gut etabliert, und es sind in diesem Jahr fast keine Risse zu beklagen.

Den Wolf können wir nämlich schlicht nicht aufhalten, er wird früher oder später wieder – auch in der Zentralschweiz – Bestandteil unserer einheimischen Fauna werden, wie er es über Jahrhunderte war, bevor er in den 1870er Jahren auch am Alpenrand ausgerottet wurde. Im April 2013 hat etwa eine Studie aufgezeigt, dass der Kanton Schwyz für Wölfe attraktiv sein dürfte. Wir sprechen immer von kleinen Wolfspopulationen, denn nur bestimmte Gebiete bieten dem Wolf die nötigen Lebensgrundlagen und Wildbestände, und Wölfe brauchen Platz. Nun, da er sich aber regelmässig zurückmeldet und seit 2013 erstmals in der Schweiz Junge grosszieht, sollte ihm eine Chance gewährt werden, sich hierzulande wieder zu etablieren.

Für Menschen stellt der Wolf notabene keine Gefahr dar, er ist scheu, meidet unsere Nähe und hält sich von Siedlungen fern. Es sind Ammenmärchen, wenn suggeriert wird, man müsse sich beim Wandern mit Kindern vor dem «bösen Wolf» fürchten (siehe zum Beispiel hier). Obwohl während der vergangenen 30 Jahre die Wolfspopulation in Europa zugenommen hat, nahm die Zahl der Unfälle mit Wölfen ab. Die Umstände, unter welchen es zu Wolfsangriffen kommen kann, wurden untersucht: Meist ging es um Tollwut. In Europa leben rund 20'000 Wölfe. Statistisch gesehen ist im letzten Jahrhundert weniger als ein tödlicher Fall pro 10 Jahre zu verzeichnen.

«Den Wolf können wir nämlich schlicht nicht aufhalten.»

Zeit also, dass sich die Politik zu einem sinnvollen Umgang mit dem Thema Wolf auch bei uns in der Zentralschweiz Gedanken macht – nicht alle Kantone sind bei uns gleich weit. Weder Verteufelung noch Romantisierung sind dienlich. Damit das Zusammenleben funktioniert, braucht es unterschiedliche Massnahmen – und zwar mehr als nur Munition. Nebst Aufklärungsarbeit braucht es genügend Investitionen in einen ausreichenden Herdenschutz etwa mit Hunden, Eseln und Hirten. In der Zentralschweiz ist das Kompetenzzentrum Herdenschutz Zentralschweiz in Betrieb. Es bietet interessierten Alphirten Hilfestellung zum Schutz ihrer Tiere vor Wolfsübergriffen. Neben der Beratung zur Tierhaltung gehört dazu auch die Vermittlung von Hirten und Herdenschutzhunden.

Wölfe selbst sind intelligent und lernfähig: Werden angemessene Schutzmassnahmen der Schafbestände in ihren Lebensräumen getroffen, jagen sie ihre natürlichen Beutetiere und helfen so mit, ein natürliches Gleichgewicht und einen gesunden Wildtierbestand zu erhalten. Dennoch: Die beteiligten Organisationen aus Jagd, Naturschutz und Schafhaltung stellen sich nicht gegen Abschüsse von «schadenstiftenden Einzeltieren», falls sie nötig werden: Eine Population soll sich aber reproduzieren können.

Aus ökologischer Sicht spielen Grossraubtiere wie der Wolf eine zentrale Rolle. Von Grossraubtieren erlegte Beutetiere bilden eine Nahrungsquelle für andere Wildtiere, Insekten und Mikroorganismen. Wildbestände (Reh, Hirsch, Gämse, etc.) werden reguliert und die Tiere damit scheuer und gesünder. Epidemien bei den Beutetieren werden seltener. Auch nehmen durch das angepasste Verhalten der Beutetierbestände, Verbissschäden im Wald ab, was der Waldverjüngung zu Gute kommt. Über die Grossraubtierarbeit wird zudem darauf hingewirkt, dass die Sömmerung von derzeit rund 250'000 Schafen in den Schweizer Alpen in nachhaltigere Bahnen gelenkt wird. Daher sollten wir den Gesamtbestand nicht gefährden.

Einst waren Wölfe Kosmopoliten mit dem grössten Verbreitungsgebiet. Auch heute werden sie sich kaum an Kantons- und Landesgrenzen halten. Die Zentralschweizer Kantone sind daher gefordert. Die Föderalismuspolitik des Bundes darf nicht auf Kosten der Artenvielfalt, des natürlichen Gleichgewichtes, des Tierschutzes und von internationalen Konventionen gehen!

Aus dem zentralplus Blog PolitBlog

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