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Zum ersten Mal wohne ich für längere Zeit ausserhalb meiner Heimat. Ich fühle mich als Ausländer, obwohl Kenia als ehemalige britische Kolonie eine lange weisse Vergangenheit hat. In Nairobi werde ich deshalb fast täglich mit hohen Erwartungen konfrontiert, die ich nicht erfüllen kann.

Wenn ich durch die Strassen von Nairobi spaziere, ziehe ich zahlreiche Blicke auf mich. Als Weisser errege ich Aufmerksamkeit und wecke Begehrlichkeiten. Bettler fragen nach Geld, Reiseführer wollen mir eine Safari in den Maasai Mara Nationalpark aufschwatzen, Gemüse- und Früchtehändler und Blumenverkäufer drängen mich zum Kauf ihrer tatsächlich verlockenden Waren. Manche fragen sogar nach einem Job. Die Beispiele zeigen: Als Weisser werde ich zuerst einmal als ausländischer Tourist und potentielles Einkommen gesehen.

Dabei gibt es in Nairobi neben Somalis und Indern viele Europäer und Nordamerikaner, die teilweise seit zehn Jahren und mehr in der Grossstadt leben. Sie arbeiten als Diplomaten für ausländische Botschaften und Regierungen, für zahlreiche international tätige Unternehmen und Organisationen sowie Tochtergesellschaften von Multis aus der ganzen Welt. Dazu kommen die diversen Praktikanten, Volontäre und Studenten, die auch nicht nur die zahlreichen Attraktionen Ostafrikas besuchen und wie ich beispielsweise bei NGOs engagiert sind.

Vielleicht ist gerade diese Internationalität – zusammen mit den vielen kenianischen Arbeitsmigranten, die in Nairobi ihr Einkommen verdienen – ein Grund dafür, dass gewisse Personen ihre Zurückhaltung im Umgang mit Fremden abgelegt haben. An diese direkten und manchmal unverblümten Konfrontationen habe ich mich in der Zwischenzeit gewöhnt.

Markt statt Mall

Vor Praktikumsbeginn habe ich mir vorgenommen, in den drei Monaten meines Aufenthalts möglichst viele Kontakte mit der einheimischen Bevölkerung zu knüpfen und so aus den geschützten und abgeschlossenen Wohngegenden für Expats und Reiche auszubrechen.

Die Wohnquartiere der unterschiedlichen Gesellschaftsschichten sind räumlich klar getrennt. Ein Austausch zwischen den vielen in den noblen Stadtquartieren Karen, Runda, Lower Kabete oder Muthaiga lebenden vermögenden Menschen und den einfachen Arbeitern oder Verkäufern findet deshalb nur begrenzt statt. Unter den Expats und Praktikanten wollen sich einige aufgrund der kurzen Aufenthaltsdauer überhaupt nicht integrieren. Ein oberflächlicher Austausch findet da höchstens im Büro oder im Gespräch mit Hausangestellten statt.

Im Alltag habe ich versucht, trotz des unberechenbaren und hektischen Verkehrs in Nairobi das Velo zu benutzen. Bisher ging alles gut, obwohl ich oft gewzungen bin, die Schnellstrassen oder verstopften Hauptstrassen zu nutzen. Die Velowege sind meistens durch Fussgänger belegt. Daneben fahre ich mit den Mototaxis (Piki-Pikis) und Kleinbussen (Matatus) und lasse mich nicht nur per Auto in der Stadt herumchauffieren. Oft schlendere ich auch zu Fuss durch die Strassen in meinem Quartier oder durch das Stadtzentrum, das gewisse Expats aufgrund des schlechten Rufs angeblich aus Angst kategorisch meiden.

Die räumliche Trennung der Gesellschaftsschichten offenbart sich auch im Einkaufsverhalten. Während sich viele Expats ausschliesslich in durchgestylten Malls wie Westgate, Karen Hub oder Two Rivers mit Nahrungsmitteln eindecken, kaufe ich auch ab und zu bei Händlern auf einem kleinen Stadtmarkt Gemüse und Früchte. Für das geliebte Brot oder Joghurt suche auch ich aber immer wieder die Shoppingcenter auf.

Eingangsbereich der eben erst eröffneten Two Rivers-Mall.
Eingangsbereich der eben erst eröffneten Two Rivers-Mall. (Bild: mag)

Einblick in den Alltag in Nairobi

Um einen vertieften Einblick in den Alltag von Einwohnern Nairobis zu erhalten, setzte ich mir zum Ziel, in einem lokalen Sportklub Fussball zu spielen. Der exklusive Parklands Sports Club ist eigentlich nur für Mitglieder zugänglich. Er verfügt über einen Fussball- sowie zahlreiche Tennisplätze, mehrere Squashhallen, ein grosses Fitnesscenter, eine Wellness-Anlage sowie ein Schwimmbecken. Das Fussball-Team als Aushängeschild des Klubs geniesst einen Sonderstatus. Deshalb konnte ich mittrainieren, ohne als Mitglied in den Klub gewählt worden zu sein.

Besonders beeindruckend fand ich die Aussagen von jungen arbeitslosen Kenianern, die für die Trainings zu Fuss oder mit dem Bus pro Weg zwei Stunden benötigen und die hoffen, bei diesem Klub von einem Scout entdeckt zu werden.

Manuel Gautschi

Da der Sportklub nur ein paar Strassen von meinem Wohnort entfernt liegt, wollte ich mich eines Tages an der Rezeption erkundigen, ob ich beim Fussball-Team mittrainieren dürfe. Das Sicherheitspersonal an der Zufahrt hinderte mich am Eintritt, informierte mich aber über die Trainingszeiten und leitete meine Anfrage an den Trainer weiter. Bereits am darauffolgenden Tag konnte ich am Training mit dreissig fussballbegeisterten Kenianern im Alter zwischen 15 und 45 teilnehmen.

Fussball als einzige Perspektive

Ich bin nun nicht nur weit und breit der einzige Weisse auf dem nur teilweise mit Gras bewachsenen Platz, ich lerne auch viel über die lokalen Lebensrealitäten sowohl der Junioren als auch der Senioren. Vom Familienvater mit einem eigenen Unternehmen zum arbeitslosen Highschool-Absolventen spielen alle in einem Team. Dieser generationenübergreifende Austausch beeindruckte mich ebenso wie die Solidarität unter den Spielern, die auch mich freundschaftlich willkommen hiessen.

Besonders beeindruckend fand ich die Aussagen von jungen arbeitslosen Kenianern, die für die Trainings zu Fuss oder mit dem Bus pro Weg zwei Stunden benötigen und die hoffen, bei diesem Klub von einem Scout entdeckt zu werden. Fussball ist eine der wenigen Perspektiven, die sich ihnen bietet. Und diese Woche wurde tatsächlich ein Spieler von den Boston Revolutions, einem Team aus der ersten amerikanischen Division, zu einem einmonatigen Trainingslager eingeladen. Was für eine Chance!

Suche nach einem passenden Coiffeur

Nicht nur sportliche Aktivitäten sind für mich in Nairobi ein Hindernislauf, auch alltägliche Aktivitäten werden plötzlich zu einer unerwarteten Herausforderung. Zum Beispiel die Suche nach einem geeigneten Coiffeur. Ich hatte es in der Schweiz verpasst, meine Haare noch einmal schneiden zu lassen. Dafür machte ich nun in Nairobi eine zusätzliche Erfahrung: Coiffeure hat es wie Sand am Indischen Ozean. Es gibt allerdings einen Haken. Die meisten können die Haare nur mit der Maschine und nicht mit der Schere schneiden. Letzteres ist bei den dicken afrikanischen Haaren unmöglich. Ich erkundigte mich also bei meinen Arbeitskollegen nach einem Tipp. Sie empfahlen mir wenig überraschend, mich in einer der grossen westlich geprägten Malls umzuschauen.

Der Hinweis auf ein altehrwürdiges Shoppingcenter im indisch geprägten Quartier Parklands war besonders hilfreich. Im Erdgeschoss sind ein halbes Dutzend Salons eingemietet. Ich hatte meine Frage, ob sie denn auch mit der Schere schneiden, noch nicht fertig gestellt, da legte mir ein älterer Herr schon einen Mantel um den Hals, machte meine Haare nass, zückte Schere und Kamm und legte los.

Oft werde ich dabei als Milchkuh gesehen, die mit ihrem Geld am besten ganz Kenia beglücken soll.

Manuel Gautschi

Milchkuh aus den Alpen

Schwierigkeiten beim Kontakt mit den hier lebenden Menschen entstehen besonders durch vorherrschende Vorurteile und Stereotypen. Oft werde ich dabei als Milchkuh gesehen, die mit ihrem Geld am besten ganz Kenia beglücken soll. Dass es Weisse gibt, die nicht im Geld schwimmen, übersteigt teilweise die Vorstellungskraft von einzelnen Kenianern. Ich wurde bereits gebeten, einen namhaften Betrag für eine Kirche zu spenden, eine dreijährige Ausbildung in Graphic Design in der Höhe von 900 US-Dollars zu bezahlen oder die Weihnachtsgeschenke einer Familie zu finanzieren. Dass Gespräche früher oder später immer auf Geldfragen hinauslaufen, ist manchmal schon etwas frustrierend.

Am besten verstehe ich mich heute mit jenen Menschen, die dank ihrer Bildung der Welt aufgeschlossen gegenüberstehen und sich über mein Interesse an Kenia, über meine Fragen zu Kultur und Politik freuen und gerne darüber diskutieren. Solche Gespräche sind aber nur möglich, wenn jemand bereit und in der Lage ist, den hier lebenden Menschen in ihrem Alltag und in ihrer Freizeit zu begegnen und auch neugierig bleibt, um mehr über die Lebens- und Denkweisen der Kenianer und Kenianerinnen zu erfahren.

 

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