(Bild: Cristina Perrenoud)
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Kirche legt der Nachhaltigkeit den Teppich aus

4min Lesezeit

Unter dem Weihnachtsbaum glänzen und glitzern sie in allen Farben, die Geschenkbändeli. Doch was hat ausgerechnet dieses Produkt drei Monate nach Weihnachten in einem Nachhaltigkeitsblog zu suchen? Ein Luzerner Projekt zeigt es.

Cristina Perrenoud

Kann ein Weihnachtsbändeli nachhaltig sein? Nein, würde ich meinen. In letzter Minute noch um das vielleicht sowieso unnötige Weihnachtsgeschenk gewickelt, wird es unterm Weihnachtsbaum abgerissen und in den nächsten Güselsack gestopft. Lebenszeit – je nachdem, ob man das Geschenk schon lange im Voraus oder erst am 24. Dezember, kurz vor Ladenschluss, gekauft hat – zwischen zwei Wochen und wenigen Stunden. Von Nachhaltigkeit keine Spur.

Abfalleimer als Schatztruhe

Anders geht es den alten Weihnachtsbändeli im Maihof-Quartier. Via Quartierzeitung, Pfarreiblatt und im Weihnachtsgottesdienst wurden die Maihöflerinnen und Maihöfler dazu aufgerufen, die alten Weihnachtsbändeli für ein Kunstwerk zu sammeln. Kunst aus alten Geschenkbändeli? Zuerst war ich skeptisch. Wer hat an Heilig Abend nach all dem vorweihnächtlichen Stress und Geschenklirausch schon Zeit und Musse, Bändeli zu sortieren?

Geschänkbändeli im Überfluss. Hier gesammelt als Ausgangsmaterial für etwas Neues.
Geschänkbändeli im Überfluss. Hier gesammelt als Ausgangsmaterial für etwas Neues. (Bild: Cristina Perrenoud)

Doch ich wurde eines Besseren belehrt. Nicht nur zwei, drei Säcke, sondern Berge von alten gebrauchten und ungebrauchten Geschenkbändeli wurden gebracht. Nicht nur aus dem Quartier, sondern aus der ganzen Stadt, aus Kastanienbaum, Horw, Kriens, Sempach und weiteren Gemeinden wurden sie hergebracht. Offensichtlich haben viele den Aufruf zum Anlass genommen, mal wieder Auszumisten – zumindest im Geschenkbändlibereich.

Im Maihof angekommen, wurden die Bändeli nach Farben sortiert, zugeschnitten und dann nach einem an die Wand gepinnten Plan, zu einem Teppich geknüpft und gewoben. Upcycling: statt wegschmeissen, etwas Neues entstehen lassen.

Ohne Unterstützung geht’s nicht

Die beiden Künstlerinnen, Yvonne Blaser und Claudia Riberzani, hätten den Teppich nie alleine knüpfen können – zu aufwendig wäre dies gewesen. Und so haben sie die Maihöflerinnen und Maihöfler aufgefordert, ihnen beim Knüpfen und Weben zu helfen. Mehrmals pro Woche trafen sich von Januar bis März Alt und Jung und arbeiteten gemeinsam am Kunstwerk. Und genau wie bei den Bändeli sprach sich auch dies herum.

Die Kombination aus Weben und Knüpfen gibt dem Ganzen eine Dimension mehr.
Die Kombination aus Weben und Knüpfen gibt dem Ganzen eine Dimension mehr. (Bild: Cristina Perrenoud)

«Wir knüpfen alle unsere Geschichten da mit rein».

Yvonne Blaser und Claudia Riberzani

 

Entstanden sind neben dem bunten Teppich Begegnungen und Gespräche zwischen Menschen, welche ohne dieses Projekt wahrscheinlich nie gemeinsam gebastelt hätten. «Wir knüpfen alle unsere Geschichten da mit rein», haben mir die zwei Künstlerinnen gesagt. Man lernt sich kennen, schwatzt, trinkt Tee und knüpft nicht nur am Teppich, sondern auch neue Kontakte – welche hoffentlich weit über Ostern hinausreichen und damit nachhaltig wirken.

Nachhaltig?

Neben der Wiederverwendung von gebrauchtem Material, sehe ich auch im gemeinsamen Wirken einen Aspekt der Nachhaltigkeit. Sich lokal zu vernetzen bietet Chancen. Chancen auf weitere, lokale Projekte. Übrigens: Der Teppich wird als Werk zur Fastenzeit am 24. März erstmals auf der Treppe der Maihofkirche ausgelegt. Bis nach Ostern bleibt er dort. Was danach mit ihm geschieht, hängt unter anderem davon ab, wie sorgfältig mit ihm umgegangen wird.

Die beiden Künstlerinnen mitten in ihrem Bändelifundus (von links nach rechts: Claudia Riberzani und Yvonne Blaser).
Die beiden Künstlerinnen mitten in ihrem Bändelifundus (von links nach rechts: Claudia Riberzani und Yvonne Blaser). (Bild: Cristina Perrenoud)

Aus dem zentralplus Blog Nachhaltigkeits-Blog

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