Laut dem Swiss Litter Report landen jedes Jahr zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren. (Bild: pixabay)
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Laut dem Swiss Litter Report landen jedes Jahr zwischen 4,8 und 12,7 Millionen Tonnen Plastik in den Weltmeeren. (Bild: pixabay)

Die Reuss als Plastiklieferant der Weltmeere?

8min Lesezeit

Die Badesaison ist in vollem Gang. Die Plätze am See sind belegt und die Pedalos zieren das Seebecken von Luzern. Auch die Reussschwimmer wagen sich in die Strömung. Leider sieht man aber auch immer wieder vereinzelte Pet-Flaschen, welche denselben Weg bestreiten.

Lukas Koller

Die Schweiz als Wasserschloss Europas ist uns allen ein bekannter Begriff, welches viele Vorteile wie frisches Trinkwasser und Stromerzeugung durch die Wasserkraft mit sich bringt. Die dadurch anfallende Verantwortung darf jedoch nicht verschwiegen werden, denn die Reuss endet in der Nordsee und das darin schwimmende Plastik wird wohl kaum vom Grenzschutz aufgefangen. Verschmutztes Wasser landet in den Nachbarsländern und unser leichtsinniges Verhalten geht auf die Kosten der Gesundheit der Bewohner angrenzender Länder.

Vorbild Luzern

Wo nach dem Zweiten Weltkrieg Kriegsmunition versenkt wurde, herrscht heute generell eine hohe Wasserqualität. Der Vierwaldstättersee erfüllt seit einigen Jahren die Vorgaben des Bundes – unter der Berücksichtigung, dass ständige Anpassungen und Verbesserungen der Wasserreinigung notwendig sind, um toxische Elemente in Gewässern optimal behandeln zu können.

Die Wasserqualität des Vierwaldstättersees entspricht seit 2010 den Vorgaben des Bundes.
Die Wasserqualität des Vierwaldstättersees entspricht seit 2010 den Vorgaben des Bundes. (Bild: pixabay)

Plastik als Beilage

Neben schädlichen Verunreinigungen darf auch der Anteil an Kunststoffen in unseren Gewässern nicht unterschätzt werden, denn laut dem Swiss Litter Report setzt sich der Abfall in den Schweizer Seen und Flüssen zu rund 65 Prozent aus Plastik zusammen. Bedenklich ist zudem, dass die meistgefundenen Abfallgegenstände Zigarettenstummel sind, welche eine besonders hohe Konzentration an toxischen Schadstoffen aufweisen und durch den Kunststoffbestandteil in Filtern nicht biologisch abbaubar sind.

Durch solche Verschmutzungen wird das erdölbasierte Plastik immer mehr in unsere Nahrungskette aufgenommen. Dies passiert einerseits ungewollt, indem beispielsweise Tiere diese Stoffe verzehren, die dann Teil der menschlichen Nahrungskette werden – und anderseits durchaus bewusst als Zusatzstoff von Hygieneartikeln, Medikamenten, Kaugummi oder Trockenfrüchten.

Der gefundene Abfall in einem Gewässer im Rahmen des Swiss Litter Reports.
Der gefundene Abfall in einem Gewässer im Rahmen des Swiss Litter Reports. (Bild: ©2018 STOPPP)

Was kann man dagegen tun?

Was schon lange Schlagzeilen machen müsste, wird in den Medien eher minim behandelt. Es gilt, ein Bewusstsein für dieses Risiko zu schaffen. Eine Chance dazu bietet die Sonderausstellung BodenSchätzeWerte im Museum für Urgeschichte in Zug. Neben dem angesprochenen Thema Kunststoff werden vor allem der Umgang mit Rohstoffen, dessen Abbau, die Verarbeitung und Entsorgung anschaulich aufgezeigt; die Rolle der Schweiz als Drehscheibe des Rohstoffhandels wird ersichtlich (zentralplus berichtete).

Bis diese Gurke in diesem Ausstellungsstück bei uns im Laden zum Verkauf bereit liegt, hat sie bereits bis zu 1.4 Liter Erdöl verbraucht.
Bis diese Gurke in diesem Ausstellungsstück bei uns im Laden zum Verkauf bereitliegt, hat sie bereits bis zu 1,4 Liter Erdöl verbraucht. (Bild: ©focusTerra, ETH Zürich/Jon Etter, 2015)

Ein vom Menschen geschaffenes Problem

Wie ich es oben bereits angesprochen habe, besteht ein beträchtlicher Teil des Abfalls im Wasser neben Plastik aus Zigarettenstummeln. Auch daran erkennt man, dass die Ursache der Verschmutzung bei uns liegt. Littering ist längst der Normalfall und man beobachtet solche Situationen täglich.

Wie neulich, als ich im Zug sass und eine junge Dame den Weg zur Zugtüre bestritt. Zwei Meter neben einem Aschenbecher warf sie die Zigarette auf das Bahngleis. Da frage ich mich wirklich: Geschieht dies aus Gewohnheit oder doch etwa Rücksichtslosigkeit? Um mal bei der etwas freundlicheren Version zu bleiben: Littering ist ein Verhaltensproblem. Durch die Gewohnheit wirft man die Zigarette auf den Boden, nimmt man einen Plastiksack im Einkaufsladen oder trennt man den Abfall nicht.

Ein Zigarettenstummel pro Liter Wasser in Gewässern kann reichen, um tödliche Folgen für die Fische herbeizuführen laut einer Studie der Universität San Diego.
Ein Zigarettenstummel pro Liter Wasser in Gewässern kann laut einer Studie der Universität San Diego reichen, um tödliche Folgen für die Fische herbeizuführen. (Bild: pixabay)

Ich frage mich, wie dieses Verhaltensproblem entsteht. Bei der Abfalltrennung scheuen wahrscheinlich einige den Aufwand. Unter Umständen wurde durch die Konsumexplosion das Litteringproblem auch erst sichtbar, womöglich verstärkt durch den gesellschaftlichen Schub in Richtung Nachhaltigkeit und Umweltschutz. Obwohl eine zukunftsorientierte Richtung eingeschlagen wurde, verbindet nach wie vor ein grosser Teil unserer Gesellschaft Konsum mit Glück und durch das menschliche Glücksstreben steigt die Konsumkurve weiterhin stark an. Auch zu diesem Zusammenhang wird die Sonderausstellung BodenSchätzeWerte eine Veranstaltung Anfang Oktober durchführen.

Wie kann man dieses Verhaltensmuster durchbrechen?

Der überhöhte Konsum ist wohl nicht die entscheidende Ursache für Littering, man steht nur öfters vor der Entscheidung, wo und wie man den produzierten Abfall entsorgen will. Gerade durch die ständige Konfrontation sollte jeder Person bewusst gemacht werden, dass man – auch wenn nur durch einen Zigarettenstummel – die Umwelt belastet. Ein aktuelles Erfolgserlebnis für diese Bewusstseinsbildung lieferten die japanischen und senegalesischen Fans an der Weltmeisterschaft, welche auch nach einer Niederlage im Stadium blieben, um den entstandenen Abfall aller Fans zu entsorgen.

Laut dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) betragen die Reinigungskosten des Litterings in der Schweiz jährlich ca. CHF 200 Millionen.
Laut dem Bundesamt für Umwelt (BAFU) betragen die Reinigungskosten des Litterings in der Schweiz jährlich ca. 200 Millionen Franken. (Bild: pixabay)

Keine Verpackung ist auch keine Lösung

Wenn der Abfall gar nicht erst produziert wird, kann auch kein Littering entstehen. Finanzielle Anreize bieten dazu eine erfolgversprechende Möglichkeit zur Minimierung des Abfalls aus Konsum und Verpackung. Beispielsweise das Pfand auf dem Plastikbecher oder die Gebühr von fünf Rappen, welche vor einiger Zeit auf den Plastiksack erhoben wurde. Man glaubt es kaum, aber mit diesen fünf Rappen konnte die Migros einen Nachfragerückgang von über 80 Prozent bewirken.

Wie man sieht, kann man durch einfache Massnahmen viel erreichen. Ein Verzicht auf die gesamte Verpackung ist jedoch nicht in jedem Fall förderlich, denn wenn dadurch Produkte verderben, verschmutzt dies die Umwelt genauso. Fest steht, man sollte zuerst da ansetzen, wo man mit kleinem Aufwand einen hohen Ertrag erzielen kann. Wie zum Beispiel bei der Pet-Flasche, welche fast zu hundert Prozent recycelbar ist. Gerade dort ist es an uns, ob wir uns am Umweltschutz beteiligen und die Flasche bis zur nächsten Pet-Sammelstelle tragen wollen oder nicht. Ganz nach dem Motto: «Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg.»

Aus dem zentralplus Blog Nachhaltigkeits-Blog

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