Maria Greco gibt den Teilnehmern der «Fair-Führung» Informationsbroschüren mit. (Bild: pgu)
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Maria Greco gibt den Teilnehmern der «Fair-Führung» Informationsbroschüren mit. (Bild: pgu)

Stadtrundgang für faires Konsumieren

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Seit 2014 gibt es die «Fair-Führung» durch Luzern. Auch in diesem Jahr erzählt Maria Greco von den Schattenseiten des Konsums. Zwar bleibt der regionale Bezug der Führung eher oberflächlich, doch die Teilnehmer erhalten praktische Anregungen, ihr Konsumverhalten zu hinterfragen.

Pascal Gut

Es ist halb sieben Uhr am Montagabend am Kapellplatz Luzern. Die Sonne scheint an diesem herrlichen Frühlingsabend ohne Ermüdungserscheinungen auf die Luzerner Altstadt hinab und bietet das ideale Wetter für einen ausgedehnten Stadtspaziergang. Maria Greco, die schon seit zehn Jahren Stadtrundgänge leitet und mit ihrer fröhlichen, offenen Art für eine angenehm-lockere Atmosphäre sorgt, lädt auf eine spezielle Shopping-Tour durch Luzern ein, welche insgesamt acht Stationen umfasst.

In Ihrem Wohnort Zug hat Maria Greco bereits den alternativen Rohstoff-Stadtrundgang geleitet. Ansonsten ist sie vor allem als Sagen- und Geschichtenerzählerin tätig. Die in der realen Gegenwart verortete «Fair-Führung» sei für sie auch eine Art Gegengewicht zur fiktiven Sagenwelt, mit der sie sich sonst beschäftigt. Man merkt von Beginn weg, dass Maria Greco sich der Sache mit grosser Hingabe widmet. Mit Engagement und viel Herz erzählt sie von den Schattenseiten unserer Konsumwelt.

Den Anspruch auf einen hundertprozentig fairen und nachhaltigen Konsum mag sie aber nicht stellen: «Das ist wohl leider unrealistisch. In erster Linie geht es uns darum, den Menschen bewusst zu machen, was alles in diesen Produkten drin steckt und wo es heute für Konsumenten und Konsumentinnen Möglichkeiten gibt, fairere und nachhaltigere Produktionsweisen zu unterstützen. Das allein ist nämlich schon sehr anspruchsvoll.»

Junge Leute erreichen und sensibilisieren

Das Mantra des Stadtrundgangs lautet: «Reduzieren, wiederverwenden, wiederverwerten». Das gilt insbesondere bei der ersten Station auf unserem Weg – dem Handy-Doktor. In der Schweiz sollen rund acht Millionen funktionstüchtige Handys irgendwo in einer Schublade bei Herr und Frau Schweizer zu Hause verstauben, nachdem sie durch neuere und modernere Smartphones ersetzt worden sind. Das sei vor allem deswegen tragisch, da unsere Handys von Menschen in Billiglohnländern unter widrigsten Arbeitsbedingungen zusammengebaut werden und Mineralien beinhalten, für welche Minenarbeiter in Krisenregionen ihrer Gesundheit und ihr Leben aufs Spiel setzten, erklärt Greco.

Maria Greco
Maria Greco (Bild: pgu)

Vor ein paar Jahren sei das sogenannte Fairphone erschienen. Die Firma wirbt damit, dass ihr Produkt gegen Ausbeutung vorgeht und dabei nachhaltig produziert. Doch selbst in den Fabriken, wo das Fairphone hergestellt wird, betrage die Normalarbeitszeit sechzig Stunden pro Woche, so die Führerin des Rundgangs.

Schokolade von verschleppten Kindern

Nach einem Abstecher zum Reisebüro und einigen Tipps, wie wir unsere Ferien nachhaltiger und fairer gestalten könnten, landen wir vor einer «Lush»-Filiale, einem der wenigen Seifenanbieter, die laut Greco keine Produkte mit Palmöl im Sortiment führen. Das billige Palmöl ist Bestandteil der meisten Kosmetikprodukte, findet aber auch sehr oft in Fertigmahlzeiten und Backwaren Verwendung. Jede Sekunde werde Land von der Grösse eines Fussballfelds für eine neue Ölpalmplantage gerodet, erzählt Maria Greco. Besonders betroffen davon seien die sowieso schon bedrohten Regenwälder. Für Konsumenten sei es allerdings gar nicht so einfach, Produkte mit Palmöl zu erkennen, denn für dessen Deklaration würden rund achtzig unterschiedliche Begriffe verwendet, erklärt Greco.

«Max Havelaar zahlt zwar seinen Bauern einen Mindestpreis, doch auch dieser allein reicht den Menschen nicht zum Leben.»

Maria Greco, Leiterin der «Fair-Führung»

Natürlich darf auf dieser Führung der Schweizer Exportschlager nicht fehlen: die Schokolade. In dieser Disziplin sind wir immerhin unangefochtene Weltspitze. Aber ob wir darauf wirklich stolz sein können? Rund 60 Prozent des weltweiten Kakaoanbaus finde in Ghana und der Elfenbeinküste statt und für die Arbeit auf den Plantagen würden häufig verschleppte Kinder eingesetzt, so Greco. 250 Franken betrage der Preis eines solchen Kindes. Heute würden nur vier Prozent der Schokolade sogenannt fair produziert. «Max Havelaar zahlt zwar seinen Bauern einen Mindestpreis, doch auch dieser allein reicht den Menschen nicht zum Leben», erklärt die Zugerin. Die gute Nachricht: Es gebe immer mehr kleine Produzenten, die auf fair produzierte Schokolade setzen.

Neue Kleiderlabels vereinfachen das Leben der Konsumenten

Nachdem wir selbst mit gutem Gewissen ein Stück echter Fairtrade-Schokolade (Choba Choba) haben kosten dürfen, geht es gestärkt zur nächsten Station auf unserer Reise – dem Kleidergeschäft Glore. Dass ein Grossteil unserer Kleidung nicht fair produziert ist, überrascht heute wohl niemanden mehr. Doch habe sich auch in diesem Bereich in den letzten Jahren einiges getan. Es gibt für Konsumenten neue Hilfsmittel, um herauszufinden, wo fair und nachhaltig produzierte Kleider angeboten werden und wo nicht.

Neben dem Firmencheck von Public Eye (auch als App erhältlich) gibt es wie im Lebensmittelbereich Zertifikate, die faire und nachhaltige Produktionsweisen festschreiben – so etwa die Fair Wear Foundation (FWF), zu deren Mitgliedern auch Glore gehört. Ebenfalls sehr gute Noten in Sachen Nachhaltigkeit und Fairness erhalte die Coop Naturaline, erklärt die Tourführerin.

Ansonsten gilt auch bei Kleidern: «Reduzieren, wiederverwerten und wiederverwenden».

Das Problem mit dem Fleisch

Wassermangel in vielen Regionen Afrikas ist ein allseits bekanntes Problem, allerdings nicht, wenn es um den Anbau von Gemüsesorten und Früchten geht, die später die Regale in unseren Supermärkten füllen. Ähnliches gilt für die Fleischproduktion. Während sich derzeit in einigen Regionen Afrikas und Asiens Hungerkatastrophen abspielen, würden etwa dreissig Prozent der weltweiten Anbaufläche für Tierfutteranbau verwendet, so Greco.

Immerhin braucht es für die Produktion des wöchentlichen Kilogramms Fleisch, das bei uns im Schnitt verzehrt wird, 7 bis 16 Kilogramm Getreide für die Tierfütterung. Den grössten Anteil des Tierfutters macht Soja aus. In Brasilien, dem grössten Sojaproduzenten, werden zwecks Gewinn von Anbaufläche Menschen von ihrem Land vertrieben und Regenwälder abgeholzt. Maria Greco empfiehlt deswegen, öfters sowohl Fleisch als auch Gemüse und Obst beim regionalen Produzenten zu beziehen. Sinnvolle regionale Bezugsquellen gibt’s auch im Internet (siehe externe Links).

Zuletzt erhalten alle noch einen Poschtizettel mit einigen Tipps fürs nachhaltige Shoppen in Luzern.

Die Verbindung aus Kritik an den umweltschädlichen und ungerechten Produktionsweisen unserer Konsumgüter einerseits und den konstruktiven Ratschlägen für das eigene Konsumverhalten andererseits machen die «Fair-Führung» zu einem gewinnbringenden Anlass, auch wenn der eigentliche Bezug zur Stadt Luzern eher oberflächlich bleibt.

Aus dem zentralplus Blog Nachhaltigkeits-Blog

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