(Bild: Emanuel Ammon/AURA)
Blog Konsum Green

Label oder regional: nicht ganz banal

4min Lesezeit

Auffällig viele Öko-Produkte stammen aus dem Ausland, auch wenn regionale Alternativen vorhanden wären. Eine Spurensuche in Regalen und Konzepten der Nachhaltigkeit.

Sebastian Moos

Wer von Nachhaltigkeit spricht, meint meist den ökologischen Aspekt der Nachhaltigkeit. Also zum Beispiel, wie ein Lebensmittel produziert wurde, ob Pestizide eingesetzt wurden und so weiter. Als ich mir letzthin einen veganen Lupinenburger zum Abendessen briet (wie gesund und öko dies nun wirklich ist, sei dahingestellt), entfachte dies eine spannende Diskussion mit meinem Mitbewohner.

Die zentrale Frage dabei: Wieso kommen so viele Öko-Produkte aus dem Ausland? Und: Was ist hier höher zu gewichten, die Produktionsweise (also z. B. biologische Produktion, Verarbeitung, Inhaltsstoffe) oder die sozialen und wirtschaftlichen Aspekte der Nachhaltigkeit? Als wir die Packung des Lupinenburgers nämlich näher untersuchten, stellte sich heraus: Herkunft aus dem Raum Berlin.

Woher soll das Guetzli kommen?

Wer die Regale in Reformhäusern oder die Vegi-vegan-Abteilung der Grossverteiler anschaut, wird feststellen: Viele Produkte kommen aus Deutschland oder von weiter her. Ich meine hier in erster Linie verarbeitete Produkte – wer Papaya essen will, muss diese fast zwangsläufig importieren (ausser er kann sie vom Tropenhaus Wolhusen beziehen). Da tun sich plötzlich spannende Fragen auf: Esse ich lieber ein Bio-Guetzli aus Frankreich oder meinetwegen aus der Ostschweiz oder ein nicht zertifiziertes Guetzli von Kambly aus dem nahen Emmental, wie der Mitbewohner fordert?

Als Erstes beachte ich die ökologische Nachhaltigkeit – und da lohnt es sich, die Labels sehr genau anzuschauen. Der WWF-Ratgeber zu Lebensmittellabels vergibt dem EU-Bio-Label nur gerade halb so viele Punkte wie beispielsweise der Knospe Bio Suisse und auch IP-Suisse schneidet bedeutend besser als das EU-Label ab. Das lässt schon einmal aufhorchen. Noch schwieriger wird dann die Frage, ob das Bio-Guetzli aus der Ostschweiz oder das nicht-zertifizierte Guetzli aus der Region zu bevorzugen sei.

Das Bretzeli zum Beispiel, mein absolutes Lieblingsguetzli von Kambly, wird laut Selbstdeklaration des Herstellers aus Butter und Mehl aus Trubschachen hergestellt, «die Eier stammen aus der näheren Region». Viel regionaler geht's von Luzern aus gesehen nicht. Sind die Lieferketten direkt und ohne grosse Zwischenhändler, haben die regionalen Guetzli auch von den Transportwegen her die Nase ökologisch vorne.

Einen alten Bekannten vergessen

Wenn ich nun noch die soziale und wirtschaftliche Nachhaltigkeit anschaue, spricht wiederum vieles für die regionalen oder zumindest die Schweizer Produkte: Nur hier kann ich auch direkt politisch Einfluss nehmen auf Arbeitsbedingungen und Produktionsstandards. Das kann ich beispielsweise bei EU-Produkten nur über Konsum oder Nicht-Konsum.

Während des Schreibens frage ich mich gerade, was eigentlich noch für nichtregionale Produkte spricht – und merke im Gespräch mit einer Mitarbeiterin eines Reformhauses, dass ich einen alten Bekannten vergessen habe. Die Mitarbeiterin streicht nämlich zwei entscheidende Punkte für ausländische Produkte hervor, die auch in der Schweiz produziert werden könnten: Erstens der Preis; die kleinen Reformhäuser können hier nicht mit den Grossverteilern mithalten und weichen daher teilweise auf ausländische Produkte aus. Zweitens die Qualität; einige Produkte in Demeter-Qualität zum Beispiel finden sich bisher nur im Ausland.

Abwägen nicht nur beim Gewicht

Ich persönlich werde beim künftigen Einkauf noch einmal verstärkt zu überlegen versuchen: Woher kommt das Produkt? Was könnten Alternativen sein? Könnte ich das Produkt vielleicht auch aus der Schweiz oder bei einer Lebensmittelkooperative beziehen?; und dabei immer abzuwägen: Ist regionale Herkunft oder die Art der Produktion wichtiger?

Was ich nun natürlich beim Bewerten aussen vor gelassen habe: Bevorzugter Geschmack und Gewohnheit können Regionen und Labels leicht überflügeln.

Aus dem zentralplus Blog Nachhaltigkeits-Blog

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