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Die menschliche Spur unseres Autoausfluges

6min Lesezeit

Bevor das neue Auto in unsere Familie kam, waren wir sonntags mit den Eltern im Veloanhänger ausgefahren. Die Kleinste bei Mama im Sitzli, wir andern drei angehängt an Vaters Zweirad. Jetzt aber mussten wir alle in den Fond steigen, wie Vater sagte, und Mutter auf den Beifahrersitz.

Wir hatten keine Ahnung gehabt, dass unser Vater Auto fahren konnte wie der Herr Amrein vom nahen Sportgeschäft. Dieser befuhr etwa einmal täglich mit seinem VW-Käfer unsere Sackgasse. Wir räumten kurz die Fahrbahn und bestaunten den Wagen, um gleich danach mit dem Völkerball weiterzumachen.

Vater stülpte vor der Fahrt ein Paar sportliche Handschuhe über, steckte den Zündschlüssel ein, richtete Spiegel und Sitz und losging's.

Kamen wir vom Ausflug zurück, entdeckten wir an der Frontscheibe das Blutbad. Wir fanden zerquetschte Heuschrecken, Blutspuren von Stechmücken und Fliegen, am Gitter vor dem Motor klebten ebenfalls Tausende Tote. Insekten natürlich nur, doch musste Vater sich sofort an die Arbeit machen, um sein schönes neues Auto zu säubern. Mich grauste es am meisten vor dem fremden Blut, das hier und dort haftete.

Mittlerweile wissen die meisten, dass Autofahren der Umwelt schadet. Es fährt fast nur noch, wer muss (ausser den ewigen Klimaschönrednern), alle anderen bedienen sich des öffentlichen Verkehrs oder setzen sich aufs Fahrrad. 

Letzten Samstag jedoch hatte ich schwere Archivschachteln zu transportieren und entschied mich fürs Auto (immerhin mit Gasantrieb). Es war ein Tag voller Blütenzauber, überall Kirschbäume in ihrer weissen Fülle. Nicht nur auf den grünen Matten, nein, auch in der Stadt Zürich gab es Blütenbäume, die entlang einiger Strassenzüge in aller Verschwendung den Frühling feierten.

Sie erinnerten mich an die Blustfahrten, die unser Vater hin und wieder mit uns im neuen Auto unternommen hatte. Über Holzhäusern ins Seetal. Und es fielen mir wieder die Insektenleichen ein. Da wurde mir plötzlich bewusst, dass als Folge meiner Reise nach Zürich, die fast ausnahmslos über Autobahnen geführt hatte, kein einziges Mücklein, keine Heuschrecke, weder eine Fliege noch deren Innereien oder Blutspuren am Glas kleben geblieben waren.

Was ist passiert? Wo sind sie geblieben? Auch letzten Sommer hatte keine einzige Mücke den Versuch unternommen, an mein Blut zu gelangen. Keine einzige! Gut, ich bin nicht traurig darüber. Aber beunruhigt schon. Wo sind all unsere Insekten hingekommen? Die Wespen, die uns früher beim Picknick belästigten? Die Bremsen, die so begehrlich unsere nasse Haut aufsuchten? Die Mücken, deretwegen wir uns noch nach Tagen kratzten? Und wann, bitte schön, habe ich zum letzten Mal eine Fliege gesehen? Und einen Maikäfer erst? Früher kamen die Maikäfer um diese Jahreszeit schon aus den Böden, wir schüttelten sie von Grossmutters Kirschbaum. Kiloweise! Wir sperrten sie in Schuhkartons, um nach der Schule mit ihnen zu spielen, ich spüre es bis heute, wie ihre merkwürdigen Füsse sich an meine Finger klammerten.

Wir dachten immer, die Insekten seien sowieso da. Und fragten uns, wozu eigentlich? Damals waren sie zahlreich und belästigten uns oft so sehr, dass wir sie totschlugen. Dass sie aber nach und nach verschwinden und sogar aussterben, an so etwas dachten wir nicht. Waren einfach froh, wenn sie mal wegblieben, uns in Ruhe liessen. Doch jetzt scheinen sie wahrhaftig für immer der Ausrottung nah zu sein. Leise und unbemerkt. Denn wer zählt schon Insekten! Wer sehnt sich nach dem ausbleibenden Summen einer Stechmücke in einer Sommernacht! Doch es scheint, die Insekten, diese kleinen rechtlosen Kreaturen, halten alles Leben in der Luft und im Boden letztlich im Gang. Ohne sie keine blühenden Wiesen, keine Milch, kein Fleisch, kein Honig, weil keiner mehr da ist, der Blüten und Gräser befruchtet, ohne sie stinkende Wälder voller Kadaver und Kot, weil diese niemand zum Verschwinden bringt. Ohne sie keine Vögel, da es ihr Futter nicht mehr gibt. 

Die Angelegenheit ist viel komplexer, ich weiss. Dennoch mache ich mir Sorgen, wenn 54 bis 72 Prozent der Käfer, Schmetterlinge, Mücken oder Bienen, auch der Spinnen, Libellen und anderen Hautflügler, der Gliedertiere und Raupen aus der Welt verschwinden, ohne dass wir einen Gedanken daran verschwenden. Ja, ohne dass wir es überhaupt merken. Beispielsweise kenne ich Leute, die eine Art Federballschläger besitzen, mit dem sie Jagd auf einzelne Fliegen und Wespen machen, die in ihre Küche eindringen und auf einen gedeckten Tisch hoffen. Doch bevor sie ihn, ihrem Geruchssinn folgend, gefunden haben, verbrennt sie die elektrische Fliegenklatsche mit bösartigem Knistern. Und es folgt ein Jubel, als hätte man auf einen Schlag sieben Terroristen samt Kalaschnikow erwischt. 

Meine Recherchen haben mir jedoch auch gezeigt, dass gewisse Leute Jagd auf Insekten machen, um sie zu erforschen. In der Freizeit mit ihren Netzen durch Wald und Wiese stolpern, immer auf der Suche nach den scheuen Flügelwesen. Eines Insektenforschers grösster Traum soll es sein, eines Tages ein Exemplar zu finden, das noch unentdeckt ist, noch keinen Namen hat, so dass sie ihm den ihren übertragen und ihm einen Ehrenplatz in ihrer Sammlung verschaffen könnten. 

Einer dieser Entomologen war Vladimir Nabokov, der grosse Erzähler aus Russland. Er hatte sich mit seinen Romanen und ebenso mit seiner Schmetterlingsforschung unsterblich gemacht. In kurzen Hosen, hohen Kniesocken und dem unvermeidlichen Netz ging er auf die Pirsch. Das Musée cantonal de zoologie in Lausanne bewahrt seine mehrere tausend Schmetterlinge umfassende europäische Sammlung auf. Ich fürchte, es werden viele darunter sein, die es heute nicht mehr gibt. Gewiss sind die Bläulinge dabei, die Nabokov mehr als alle andern liebte. Auf dem Sterbebett soll er mit Tränen in den Augen bedauert haben, dass die Flugzeit eines bestimmten Falters angefangen habe. Er hätte ihn so gern noch einmal erjagt, um wiederum dessen seidige Schönheit zu bewundern.

Auch in Luzern gibt es im Natur-Museum am Kasernenplatz eine kleine aufsehenerregende Dauerausstellung von Faltern und Schmetterlingen von überirdischer Grazie, oder Käferschönheiten, deren blau-, manchmal grünschillerndes Outfit niemanden unbeeindruckt lässt. Ausserdem bevölkern gespenstische kleine Horror-Heugümper oder Ungeheuer im Käferpanzer das Dachgeschoss. Sie sind hinter Glas zu sehen, einige in einer märchenhaften Inszenierung mit Lupen vergrössert, so dass man ihre Gesichter erkennen kann. Diese bizarren Fressapparate mit riesigen Augen. Antlitze von Abkömmlingen aus sehr, sehr ferner Zeit, in der der Mensch noch keine Spuren hinterliess.

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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