Ein Boeing B-17 Bomber genannt «Flying Fortress». (Bild: zvg)
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Ein Boeing B-17 Bomber genannt «Flying Fortress». (Bild: zvg)

Ein Gespräch über Bäume und Bomber

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Wenn Erwachsene dem Kult der Kriegsspielzeugmodelle verfallen, ist Regression angesagt. Gedanken zum Zweck ihres Einsatzes gibt es ebenso wenig wie die Umstände, die zu diesem hin führen. Erwachsen und verantwortlich fühlt sich niemand mehr und die Verdrängung unbequemer Tatsachen fällt leicht. Ein Beispiel.

Als ich gestern die Lokalzeitung aufschlug, musste ich an diese Zeilen aus Brechts Gedicht für die Nachgeborenen denken:

Was sind das für Zeiten, wo
Ein Gespräch über Bäume fast ein Verbrechen ist
Weil es ein Schweigen über so viele Untaten einschliesst!

Es ging da zwar nicht um botanische Betrachtungen, aber um ein Verschweigen von Untaten schon. Zum x-ten Male wurde im Städtchen Zug zu Betrachtungen über einen Bomberabsturz vom 16. März 1944 geladen und referiert. Die Notwasserung einer «Flying fortress» bescherte Zug damals einen Hauch von Weltgeschichte, die da um den passiv dahindämmernden Kleinstaat im Auge des Hurrikans dahingewitterte.

Wie in dem Science fiction-thriller «The thing from another world» war da ein stählernes Mitglied einer Bomberflotte vom Himmel herab in den Zugersee gestürzt, die Fallschirme der zehn Besatzungsmitglieder hinter sich lassend, derweil Pilot Robert W. Meyer an Land schwamm und beim Wöschhüsli in der Altstadt vor den staunenden Bewohnern auftauchte.

Zaungast der Weltgeschichte

Auf den Tag genau 75 Jahre nach diesem denkwürdigen Vorfall hat nun Stadtpräsident Karl Kobelt an besagter Stelle eine Gedenktafel eingeweiht. Feierlich besang er «das Handeln der Menschen von damals», insbesondere des Piloten, das von Mut, Selbstlosigkeit und Verantwortungssinn zeuge und uns heute noch zum Vorbild dienen könne.

Soweit, so beeindruckend. Nebst diesen schönen Tugenden und guter schwimmsportlicher Kondition war für Meyer und seine Mannschaft vor allem allerhand Geschicklichkeit vonnöten, um dem aggressiven Flabbeschuss der Schweizer Armee auszuweichen, welche die Befreier mit Schüssen willkommen zu heissen und herunterzuholen pflegte.

«Schüsse auf die Befreier» lautet denn auch der Titel der gründlichen Studie, die Historiker Peter Kamber 1993 zum Thema der unabsichtlichen und absichtlichen Notlandungen und Abstürze der alliierten Luftflotten über der Schweiz im Weltkrieg vorgelegt hat.

Wer hat da Vorbilder?

Wo genau die Vorbildfunktion der unfreiwillig notgewasserten Gäste zur Geltung gekommen sei, erschliesst sich dem Geschichtsfreund nicht ohne Weiteres.  Die pflichtschuldige Ausführung des militärischen Auftrags kann allerdings zum Vorbild dienen – aber nur im Falle der Amerikaner. Heute, nachdem «neutrale» Haltung der Feigheit gründlich verdrängt worden ist, möchte man den Einsatz des Lebens für uns rehabilitiert, ja sogar bewundert sehen.

Damals aber wurden die alliierten Befreier kaltblütig vom Himmel geholt und «interniert», was einem Status gleich kam, der unter demjenigen eines Kriegsgefangenen fungierte. Im Oktober 1940 zählte die Schweiz 40'000 «Internierte», die von 12 Bataillonen bewacht wurden. Wer zu fliehen versuchte – und genau das war den alliierten Fliegern im Auftrag befohlen worden –, wurde in grauenhafte Zwangsarbeitslager eingesperrt, bis zu sechs Monate, von sadistischen Fröntler-Kommandanten schikaniert und bei Fluchtversuchen angeschossen oder umgebracht.

Die entsetzlichen sanitarischen und schlicht menschenverachtenden Zustände etwa im Gefangenenlager Wauwilermoos – Vergewaltigungen wurden mit dem Gelächter der Wachsoldaten quittiert – fanden erst Ende 1944 ein Ende, als das neue Straflager Hünenberg eingerichtet wurde. Die peniblen Verhältnisse, die denen in einem Nazi-KZ nicht nachstanden, fanden damit ein Ende, die Schüsse auf die Fliehenden aber nicht.

Appeasement made in Switzerland

Diese von einem diffusen und verlogenen Neutralitätsdoktrin des damaligen Bundesrates diktierte Luftreinhalteverordnung gegen die Befreier Europas vom grauenhaftesten Regime, das dieser Globus je gesehen hat, taugt eher nicht zur Vorbildlichkeit. Seit Kamber und seit dem Bergier-Bericht wissen wir, dass diese am Himmel vorexerzierte Neutralitätshaltung vor allem der Folklore einer mit Symbolpolitik und Militärmanövern sedierten helvetischen Bevölkerung zuzudienen hatte.

Derweil die Rüstungsexporte von Sulzer und Oerlikon-Bührle wie auch das Wegsehen bei den Kohletransporten durch den Gotthard, die Milliardenkredite, der J-Stempel und der Goldhandel das Dritte Reich gnädig stimmen sollten und vorauseilend auf Schonung im Falle von dessen Sieg setzten. Erst im Oktober 1944, als es klar wurde, dass das 1000-jährige Reich auf dem Schutthaufen der Geschichte landen würde, bequemte sich die Landesregierung zu einem Exportverbot.

Dies, nachdem Churchill ernsthaft die Bombardierung der Gotthardbahnlinie erwogen hatte. Die vereinzelten Bombenabwürfe, etwa auf Schaffhausen (40 Tote) waren als Warnzeichen trotzig ignoriert worden, die hiesigen Opfer ebenso in Kauf genommen, wie die von Fliegerabwehr und Flab ab- und totgeschossenen Kampfflieger. Die konsequent befohlene Verdunkelung passte da bestens ins Bild, oder besser: in die Bildstörung. Bei Einsätzen gegen Deutschland flogen jeweils bis zu 1000 Maschinen. 250 stürzten über der Schweiz ab oder mussten notlanden. 36 Todesopfer wurden allein auf dem US-Militärfriedhof Münsingen beigesetzt.

Hoffen auf Dachau

Wie die Stimmung vor dieser Wende ausgesehen hat, mag etwa aus den Protestverlautbarungen eines Oberst Bircher erhellen, der die notgelandeten Offiziere in Adelboden eines schändlichen «anglo-amerikanischen Sex-Appeals» bezichtigte und die davon angetanen Schweizerinnen der Hurerei.

Kein Zweifel: solche Sittenverrohungen würde das Reich zuverlässig ausmerzen, oder – noch besser – das Straflager Wauwilermoos, in das besagter Commander Samuel Byer, der es gewagt hatte, mit einer Schweizerin zu flirten, postwendend abgeschoben wurde. Und «Gräuelmärchen», wie man die Artikel in Peter Suravas «Nation» nannte, die den Holocaust publik zu machen suchten, erstickte die Zensur im Keim. Die lautstarken Fröntler hatten schliesslich noch 1942 auf die falsche Seite gesetzt und dieser mutigen Zeitung hübsche Grüsse zukommen lassen wie den folgenden: «Eure Pritschen in Dachau sind schon vorgewärmt!»

Baumschule

Und damit wären wir wieder bei Brechts Zeilen vom Gespräch über Bäume. Dieses Gespräch kann auch Jahrzehnte später noch «fast einem Verbrechen» gleichkommen, wenn Folklore und Vereinsmeierei in naiver Kriegsspielzeugbegeisterung jeder Aufarbeitung der traurigen Vergangenheit voll ins Gesicht schlagen.

Bespassung der naiv und unterbelichtet gebliebenen «Nachgeborenen» mittels Spieltrieb und Kriegstechnik-Begeisterung samt Anekdotencabaret kommt durchaus dem entlarvenden Bild des Augsburger Poeten nahe, dessen Geburtsstadt durch die Bomben unbeirrbarer Befreier von Todesmaschinen wie den dortigen Messerschmitt-Werken erlöst worden ist.

In den alliierten Bombenangriff vom 16. März 1944 auf die süddeutschen Städte Augsburg, Ulm und Friedrichshafen waren 740 Flugzeuge involviert. 23 davon kehrten nicht zur Basisstation zurück. Sieben gingen in der Schweiz herunter, vier davon mussten notlanden, drei stürzten ab. Eine davon, eine Boeing B-17 «Flying Fortress», war von deutschen Kampfflugzeugen über Augsburg getroffen worden.

Die Boeing steuerte die Schweiz an und konnte auf dem Zugersee notwassern. Ein Besatzungsmitglied kam um, die anderen konnten sich mit dem Fallschirm retten. Sie wurden bis zum Ende des Kriegs in der Schweiz interniert. Sergeant Carl J. Larsen gelang zweimal die Flucht, das erste Mal wurde er in Genf gefasst, beim zweiten Mal kehrte er zu seiner britischen Basis in Great Ashfield zurück.

Die B-17 sank leicht beschädigt auf den Grund des Sees. Erst 1952 wurde sie geborgen, renoviert und ausgestellt und später verschrottet. Eines der vier Triebwerke postierte der «Bomber-Schaffner» schliesslich vor seine Tankstelle zwischen Choller und Alpenblick. Als Kind habe ich es dort oft gesehen. Die B-17 und die B-24, genannt «Liberator», hatte ich als Modelle zusammengebaut, sie hingen über meinem Bett. Viel später erfuhr ich, dass die Schweiz ohne diese mächtigen Bomber nicht überlebt hätte. Europa übrigens auch nicht.

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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