Vogelschwarm (Bild: pixabay)
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Vogelschwarm (Bild: pixabay)

Was Amseln sich so zu sagen haben

9min Lesezeit

Literaturbloggerin Katja Zuniga hat den Auftrag gefasst, auf Autopilot zu schalten und ihre Umwelt bewusst wahrzunehmen.

Seit zwei Jahren bin ich Mitglied einer Schreibgruppe, die sich regelmässig trifft. Es wird geschrieben, vorgelesen, kommentiert, ganz so, wie es der Gastgeberin oder dem Gastgeber gefällt, denn diese bestimmt die Themen. Der Rahmen wurde von der Kerngruppe festgelegt: 2-3 Schreibanlässe, Kaffeepause zwischendurch und am Ende der Arbeit der gemütliche Teil mit leichtem Essen und ebensolchen Gesprächen. Das letzte Treffen fand bei schönstem Wetter in einem Garten in Herrliberg statt.

Eine Schreibaufgabe lautete: Autopilot. Augen zu, tief durchatmen und Geräusche, Gerüche und Gedanken wahrnehmen... still werden. Wenn die Glocke ertönt – Schreibort suchen und einfach während dreissig Minuten losschreiben. Ohne Unterbruch... So liess ich mich vom Sommermorgen wegtragen und mit der Zeit vergass ich sogar die Satzzeichen!

Horch! Horch! Was spricht die Amsel?

Was Vögel sich so zu sagen haben! Das kannst du dir gar nicht vorstellen, wie schwatzhaft sie sind! Amseln, zum Beispiel, die reinsten Klatschvögel. Nichts gibt es, was eine Amsel wüsste, was sie nicht auch gleich in die Welt hinausposaunte. Ob du es hören willst oder nicht, darauf nimmt keine Amsel Rücksicht.

Und wie es jeden Tag wieder von Vorne losgeht. Dasselbe alte Lied!

Zum Glück können Spatzen mit ihrem Spatzenhirn nicht so melodiös tschilpen. Keine dreihundert verschiedenen Strophen, wie bei einer Amel in ihrer Höchstform.

Und Frauen, jetzt aufgepasst!

Wer redet da von Quasseltanten, von Ratschweibern, hysterischen Plaudertaschen, nicht abstellbaren Dauerrednerinnen?!? Wer spricht so von den Frauen, wer?

Genau! Das muss einmal gesagt werden!

Die Männer sind das! Unsere ach so bedachten, wortkargen oder wortgewaltigen Männer, die den Frauen unterstellen, sie sprächen selbst dann weiter, wenn sie nichts mehr zu sagen hätten.

Und was machen die Vögel den ganzen Tag? Da schwatzen, singen, pfeifen, kuckucken oder krächzen die Männchen pausenlos, während die Vogelweibchen auf der Brut sitzen müssen.

Ist das die moderne Arbeitsteilung’?

Ich weiss nicht so recht.

 

Wer ist der Schönste im Wald?

Aber hören wir doch mal einem Amselmännchen zu, wenn es vom Baum ruft.

Ja, ja, ich weiss, ich bin der Schönste.....

Ja,ja, du hast es mir gesagt...

So,so, das hast du zu einem andern gesagt?

Zeig mir den Vogel!

Ja,ja, jetzt hörst du mir zu.

Ich singe nur für dich,

und auch für dich

und wenn ich schon dabei bin, auch noch für dich.

Wer singt mir jetzt in meinen Gesang rein?

Das darf doch nicht wahr sein? Der doofe Nachbarsvogel mit der gebrochenen Schwanzfeder!

Sing du nur weiter, dir hört sowieso niemand zu. Nein, auch ich hör dir nicht zu! Hörst du? Niemand hört dir zu!

Ja, ja, ich weiss, ich bin der Schönste...

 

Und so geht das den lieben schönen Tag lang, mit diesen Vögeln.

Im Hintergrund rauscht der Bach und singt sein Lied vom ewigen Fluss. Ha,ha, das ich nicht lache. Der ewige Fluss! Hat wohl noch nie was von Geologie gehört. Von versteinerten Bäumen, von ausgetrockneten Meeren.

Luzern lag mal an einem Palmenstrand, vor vielen, vielen, ganz vielen Jahren.

Als noch keine Vögel sangen.

 

Der Urschrei

Ob Dinosauriers singen konnten?

Das Lied des Archeopteryx.

So hätte das geklungen:

 

Ja,ja, ich bin der Erste...

Seht mich an!

Wartet, Moment mal, ich plustere mich mal auf...

Wartet, Moment mal, ich steh auf den Fels...

So, seht ihr mich alle?

Jetzt bin ich der erste und der, der am weitesten oben steht.

Ihr Reptilien , ihr Staubfresser.....

Hoppla, ich verlier das Gleichgewicht! Hoppla!

Kräftig mit den Armen rudern, vielleicht fall ich dann nicht...

Was passiert jetzt? Wo bleibt der Boden unter meinen Füssen?

Wow! Ich schwebe... wow, ich fliege....

Ja,ja, ich bin der erste, der fliegen kann!

 

Alles geht den  Bach runter

Und der Bach rauscht und er rauschte schon, bevor sich das erste Reptil in die Lüfte erhob und zu einem Vogel wurde.

Und der Bach rauscht sein ewiges Lied von Fluss, der bachab geht.

Und als ob Gott meine Sätze lesen könnte, lässt er jetzt die Glocken erklingen und gibt ihnen Gewicht.

päng,päng

kein bimmeling

kein Schellenursli

da müssen schon mehrere starke schwarze Männer her, um so eine Glocke zu giessen

schleppen sich hustend in die Fabrik und arbeiten im Russ

ein ewiges Feuer schwelt

ein Hitze

da wirst du nicht alt

da hustet du in der Nacht plötzlich das Laken blutig

und die Glocken, die du giesst,

ertönen zu deiner Beerdigung

 

Eine S-Bahn fährt schnell vorbei,  man sieht die Gedanken dar Fahrgäste noch in den Bäumen hängen;

da, da ist ein solcher Gedanke, gleich neben einer Amsel

Diese singt das Lied vom ewigen Passagier

 

Hängende Gedanken

Fahrer, der du vorüberfährst

Du hast etwas verloren

Als du zum Fenster hinausschautest

In die blühenden Bäume und grünen Wiesen

Du hast mich gesehen,

eine singende Amsel

und dein Blick blieb an mir hängen

verbunden mit deinen Gedanken

danke, lieber Vorbeifahrer,

dass ich deine Gedanken weiter denken darf

manchmal sind sie schön

traumhaft

sehr entspannt

und ich singe mich in Trance

manchmal sind sie düster

dann muss ich sie den Raben zum Krächzen geben

und manche Gedanken, die holt zum Glück der Kuckuck

gerade jetzt kannst du ihn hören

erschlagen von einer Glocke

und wieder auferstanden aus seinem Nest

 

Balde, balde, ruhest du auch!

Eine streunende Katze

unauffällig spaziert sie unter den Büschen durch

und tut so, als ob sie noch nie einen Vogel gesehen hätte

hab acht, Amsel,

schliess deine Augen beim Singen nicht

und wenn es den Anschein macht, die Katze sei am Einschlafen,

weil sie so unbeteiligt tut,

dann musst du dich am meisten vor ihr in acht nehmen

dann sind die Katzen am gefährlichsten

wenn sie so tun, als ob sie nie etwas tun würden

 

der Bach rauscht immer noch

schon ein bisschen ewig, dieses Rauschen

viel ewiger als das Glockengeläut

ewiger als er Vogelgesang

ewiger als der Klang der Schienen, wenn ein Zug drüberfährt

ewiger als der Archeopteryxflug

ewiger als die versteinerten Bäume

ewiger als die Gedanken

die an den Bäumen hängen,

entlang der Gleise zerstreut sind

und darauf warten, dass jemand sie in seinen Kopf hineinlässt

und sie weiter denkt

bis in alle Ewigkeit

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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