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Wenn Moor eigentlich more meint

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Hier wimmelt es zwar nicht vom Heiderauche, wie Annette von Droste-Hülshoff in ihrem Moorgedicht schreibt, aber von sichtbar gewordener Gewinnmaximierung sehr wohl, von Profilstangen, die um gut erhaltene, von Gärten und Pärken umgebene biedere Einfamilienhäuser der Vorkriegszeit stehen, die lautlos, aber überdeutlich verkünden, dass da mehr herauszuholen ist aus dem bescheidenen Grundstück, das unverschuldet in eine inzwischen rar gewordene Hanglage mit Seeblick gerutscht sein muss.

Sechs Apartments liegen da mindestens drin, auch wenn der kleine Block auf beschränkter Grundfläche zum Kubus tendieren müsste. Die Vorschrift, die zwei Stockwerke vorgibt, lässt sich mit Raffinesse und allerlei Tricks wie Maisonette oder Attika effizient erweitern, das Untergeschoss buddelt man tief unters gewachsene Terrain. Wo einst ein paar Parkplätze auf der Quartierstrasse genügten, baut man eine üppige Tiefgarage unter die Immobilie, die damit mobil, nämlich mobilitätstauglich, gemacht wird, vor allem im aussichtslosen Untergrund.

Aber in einer Umgebung in Hanglage steht man eben auf Augenhöhe mit diesem von vorn durchaus einsichtigen Untergrund. Und da bin ich bei der Frage, wieso es schaurig ist, übers Quartier zu gehen. Diese grosszügig angelegten Unterflurcontainer für die fahrbaren Untersätze sind eben genau von der Vorderseite her zugänglich, will sagen erfahrbar, die nach jeder Fahrbewegung nach drinnen oder draussen diskret und benutzerfreundlich mit einem riesigen Garagentor verschlossen werden.

Wenn der Quartierbewohner, die Quartierbwohnerin es unternommen hat, sein oder ihr Wohnquartier zu durchstreifen, vielleicht mit einem Hund an der Leine oder gar einen Kinderwagen vor sich herschiebend, so blickt er oder sie unentwegt an riesige Garagentore, deren gleichförmige Langweiligkeit von einer neuen Art der Privatsphäre kündet, welche die gewohnte Biederkeit der Mäuerchen und Gartentore ins anonyme Digitalzeitalter katapultiert hat.

Sie erinnern an leere Kinoleinwände, auf deren Filme man umsonst wartet. Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr, so hat ein anderer Dichter geradezu prophetisch sinniert. Es sind denn auch keine Häuser, die hier gebaut werden – die werden vor allem abgerissen –, sondern Apartmentblöcke. Die Gärten werden zu Abstandsgrün, Bäume gibt es keine mehr, die widersprechen dem neuen Gartenreglement: Höhe gleich zweimal Abstand zum Nachbargrundstück.

Bald wird mein Quartier dem benachbarten gleichen, das heute schon brave neue Welt spielt wie die Hänge über Brissago. Verdichtung lautet der Euphemismus, der scheinheilig die angebliche Schonung der Grünflächen vor den Agglomerationen bemüht, um der heimlifeissen Profitmacherei ein sozialverträgliches Mäntelchen umzulegen. Gepflegte Privatheit war hier schon früher massgebend, kaum etwas lud zum Flanieren ein, öffentliche Räume gab es ebensowenig wie besucherfreundliche Parkplätze.

Dennoch atmete mein Quartier an den Hängen über der Zuger Altstadt so etwas wie Lebensqualität. Die mag auch heute noch vorhanden sein, schliesslich kostet hier jedes neugebaute Zimmer eine Million, aber ins Private verlagert und unsichtbar gemacht. Weder Stewi noch Swimmingpool fällt da noch in mein Auge, und ich frage mich, wie lange es dauert, bis die ersten Wachhäuschen und Barrieren gated villages umfrieden.

Friedvoll jedenfalls für diejenigen, die sich die Zuger Hanglage leisten können. Das sind nicht wenige und sie kommen aus aller Welt, sehe ich doch vielenorts jahrelang geschlossene Läden und Vorhänge, die anzeigen, dass die Benutzer dieser Räume vor allem digital anwesend sind, indem ihr Kapital steuergünstig angesiedelt worden ist. Dass dieses abgelagerte Kapital auch eine ästhetische Komponente aufweisen kann, wird hier offensichtlich.

Es ist durchaus charmant, so charmant wie die abweisenden Tiefgaragentore. Es wurde eben nicht für alle Zeiten abgelagert, sondern, volatil und allzeit bereit, lediglich parkiert. Plakatprovokateur Klaus Staeck warnte einst die Genossen: «Deutsche Arbeiter! Die SPD will euch eure Villen im Tessin wegnehmen!» Das war 1972. Inzwischen betrifft es genauso den Lago di Zugo wie den Lago Maggiore.

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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