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Falls du ein Mann bist: wolltest du schon immer Mann sein? Und immer so bleiben? Falls du aber eine Frau bist: willst du ewig Frau sein? Wagst du einzig im Innersten, der Mann zu sein den du in dir spürst? Hast nie gewagt, dich zu outen? Aus Sorge um deinen Ruf? Aus Angst vor Liebesverlust? Übler Nachrede?

Franziska Greising
In den vergangenen Wochen liess uns das Fernsehen auf diversen Kanälen einen Blick ins Schicksal von Transgenderpersönlichkeiten werfen. Ins Vorher und Nachher. An ihrer Verwandlung in mehreren Schritten hatten operative Eingriffe und hormonelle Produkte mitgewirkt, so dass Behaarung oder Muskelmasse zu- bzw. abnahmen, die Stimme tiefer bzw. höher wurde. Die veränderten ProtagonistInnen scheinen in ihrem umgestalteten Körper mit ihren zumeist neuen Stimmen glücklich zu sein. Umgekehrt erleben es die Partner, als ob die geliebte Person an ihrer Seite gestorben wäre. Der kleinen süssen Ehefrau zum Beispiel bleibt nichts anderes, als den Verlust ihres Beschützers, wie sie vor der Kamera sagt, unter Tränen hinzunehmen.

Stolz auf neues Geschlecht

Mir fiel auf, wie sehr die verwandelten Männer und Frauen es lieben, sich mit den geläufigen Attributen ihres bisher verheimlichten Geschlechts herauszuputzen. Selbst jene Frauen, die bereits in fortgeschrittenem Mannesalter zu Frauen wurden, lassen sich die Fingernägel wachsen und lackieren sie auffällig. Oft ziert sie blondiertes Haar bis über die Schultern hinunter, sie tragen auffälligen Schmuck, ein komplettes Make-up, hohe Stöckelschuhe, sexy Kleider mit zumeist viel Busen im Ausschnitt.
 
Die Transmänner sind um starken Bartwuchs bemüht, stecken gefürchige Hauer ans Ohrläppchen, tragen das Haupthaar möglichst kurz und die Hose möglichst eng. Und während die Frauen beglückt ihre neue Oberweite hervorheben, legt sich einer der Männer ein prachtvolles Geschlechtsteil aus Plastik zu, die Begeisterung stand ihm ins Gesicht geschrieben, wie er sich im Spiegel sah.

Besuch auf der Gemeindekanzlei

Nicht nur die geschlechtsspezifischen neuen Attribute stachen ins Auge, auch die Namen mussten angepasst werden. Aus Andreas wurde Andrea, aus Simone Simon. Komplizierter wird es bei Namen, die kein weibliches Pendant kennen. Und dann der Mut, das Einwohnerbüro aufzusuchen und zu sagen, ich bin jetzt eine Frau, bitte tragt meinen neuen Namen ein! Im islamischen Umfeld würde jemand dafür gelyncht.
 
Obwohl bereits die Antike Hermaphroditen besang, wagten später Transgendermenschen während Jahrhunderten nicht über ihr Leiden und ihre Träume zu reden.
Doch es dämmerte das neue Jahrtausend und 2016 fand die erste Schönheitskonkurrenz für Transgenderfrauen statt. Die schönsten Frauen der Welt betraten die Bühne, und waren allesamt als Jungs zur Welt gekommen. Und ihre Welt war hellblau gewesen.
Und dann trat an einer der herkömmlichen Schönheitskonkurrenzen eines Tages eine alle überragende Schönheit auf und gedachte, als Transfrau ihr Lebensthema vollends aus dem Halbdunkel zu holen.

Der erste Transgender-Ministerin

Im letzten Oktober wurde Audrey Tang zur Digitalministerin von Taiwan ernannt. Sie hatte mit 14 die Schule geschmissen, sich danach das Programmieren beigebracht und bald für Apple gearbeitet. Sie schloss sich der Open-Source-Bewegung an und will als «bürgerliche Hackerin» gesehen werden. Mit 35 Jahren präsentierte sie sich als jüngste Ministerin in der Geschichte Taiwans. Sie führte an den Schulen den Internetunterricht ein, damit die Jugendlichen lernen, Fake von Echt zu unterscheiden. Und sie ist es auch, die die Insel aus Chinas Pranken befreien soll. Doch die Schlagzeilen, sie befassten sich massgeblich mit ihrem Körper. Der Digitalsender von Al-Dschasira etwa fabrizierte ein Video mit dem Titel: The world’s first transgender minister.
 
Eigentlich hatte sich die Forschung schon in den sechziger Jahren mit der Frage befasst, was die geschlechtliche Identität von Menschen ausmacht. Denn immerhin werden im Jahr rund vierzig Kinder mit undeutlich definierbarem Geschlecht geboren. Doch das Tabu blieb erhalten. Denn: Wie, bitte schön, gestaltet sich die Liebe? So fragte auch ich mich vor dem Fernseher. Darüber gab das Fernsehen aber keine Auskunft, obwohl sich zweifellos jede und jeder die zusahen, diese Frage stellten. 2017, nach fünfzehn Jahren Ehe hatte er Ex-Zehnkämpfer Bruce Jenner sein Coming-out als Transgender-Frau. Bruce heisst jetzt Caitlyn und hat kürzlich den letzten Schritt ihrer Geschlechtsumwandlung, die Operation der Geschlechtsteile vollzogen. In Reality-Formaten wie «I am Cait» oder im Buch «The Secrets of My Life» soll Caitlyn (67) ihre Erfahrungen beschreiben.

Angst vor Fettnäpfchen

Wir können Transgenderpersönlichkeiten immer wieder und überall begegnen. Doch nicht sicher sagen zu können, ob «sie» oder «er» da geht oder steht, verunsichert. «Selbst die gut Gesinnten», sagt Fotograf Ohlert, «trauen sich oft nicht, mit Transpersönlichkeiten zu reden. Weil sie Angst haben, ins Fettnäpfchen zu treten. Sie fühlen sich in ihrer Komfortzone gestört.» Er erklärt es als Ergebnis einer Angst, etwas nicht zuordnen zu können, und greift mit blau lackierten Fingernägeln ins identisch gefärbte Haar.

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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