Symbolbild (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Symbolbild (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Von Engeln die keine sind – Erinnnerungen an Körperstrafen in der Schule

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Primarlehrer prägten ganze Generationen – ganz besonders in einer Zeit, als Körperstrafen noch erlaubt waren und Linkshändige mit dem «Dreckshändli» schrieben. So auch bei Bloggerin Katja Zuniga-Togni. Sie erhebt ihre erste Lehrerin am Rotsee in den Engelstatus und wird viele Jahre später enttäuscht. Engel sind offenbar auch nur Menschen.

Man kann nicht sagen, dass meine Mutter rechthaberisch war. Sie hatte ganz einfach immer recht. So auch mit ihren Lebensweisheiten.

«Von nichts kommt nichts!», sagte sie, ob man nun etwas besonders gut oder besonders schlecht machte. Dieser Spruch war immer treffend. War ein Aufsatz besonders gut gelungen, kam die lobende Antwort: «Von nichts kommt nichts.» War er missraten, folgte derselbe Spruch, einfach mit einem tadelnden Unterton. Geradezu fatalistisch sprach sie dieses Verdikt aus, und es begleitet mich heute noch. Nur bin ich mir nicht immer sicher, ob ich den Spruch tadelnd oder lobend verwenden soll.

Eine spezielle Begebenheit liess mich diesbezüglich ratlos zurück.

Tatzen am Rotsee

Ich wuchs mit drei Brüdern am Rotsee auf. Gleich neben dem Kindergarten befand sich das kleine Schulhaus Innerschachen mit zwei Klassenzimmern. Eines für die erste und zweite Klasse, jeweils von einer Frau regiert, ein anderes für die dritte und vierte Klasse, die von einem jungen Lehrer geführt wurde.

Auf der Unterstufe wirkte lange Zeit Schwester Posenta. Nicht nur ihre Nonnenkleidung flösste Respekt ein. Schwester Posenta hatte kaum aus Liebe zu Kindern diesen Beruf ergriffen. Sie disziplinierte eine grosse Kinderschar auf engstem Raum mit ihrem strengen Blick und einem gelegentlichen Griff zum Rohrstock.

«Diesmal hat der Bruno Tatzen bekommen. Er hatte vier Fehler beim Abschreiben von der Wandtafel!», berichtete der älteste Bruder am Mittag.

Schwester Posenta wurde pensioniert und ich kam zu Frölein Balmer in die Schule. Auch mein nur sechzehn Monate älterer Bruder war im selben Zimmer, einfach eine Klasse höher. Frölein Balmer war für mich eine Erscheinung des Himmels: blonde Haare, sanft, geduldig, nie ein lautes Wort, das pure Gegenteil von meiner Mutter, die mit vier lebhaften Kindern recht gefordert war. Sie war so gekleidet, wie man es von einem Frölein erwartete: knielanger Jupe, zugeknöpfte Bluse im Sommer, Rollkragenpullover im Winter, helle Farben. Und doch nicht zu fröhlich, damit man das Frölein auch ernst nahm, was bei beschwingter Kleidung schwieriger gewesen wäre.

Glich meine Kindergärtnerin mit ihren kurzen dunklen Haaren und der resoluten Art noch eher meiner Mutter, war meine Erstklasslehrerin völlig anders. Unauffällig, still und gewissenhaft. Auch die Schulstunden verliefen ereignislos – ihr Unterricht war sogar langweilig, aber ich fühlte mich in ihren Schulstunden geborgen. Ich freute mich stets auf den Montag und die Ferien kamen mir jeweils viel zu lang vor. Da ich die Kleinste war, sass ich stets in der vorderen Reihe.

Aufgehoben

Einmal in der Woche marschierten wir in Zweierreihe in die Turnhalle ins Dorf, ein Fussmarsch von 30 Minuten, der zu den Sportstunden hinzugerechnet wurde. Das Einlaufen erübrigte sich so und der Rückweg wurde zum Schlussspiel.

An einem Nachmittag hatten wir die grauen Bodenmatten ausgelegt, um darauf unsere Purzelbäume zu rollen, als ich mich irgendwie verletzte. Ich habe keine Ahnung mehr, wie es passiert war, ich weiss nur noch, dass Frölein Balmer mich auf den Mattenwagen hinaufhob und ich mich dort ausruhen durfte.

Ein Leben lang war ich ihr dankbar wegen dieses kleinen Vorkommnisses, hatte sie mich doch beschützt. Im wahrsten Sinn des Wortes fühlte ich mich bei ihr gut aufgehoben, als sie mich auf den Mattenwagen bugsierte.

Das hätte meine Mutter nie getan! Vier Kinder, die sich zuweilen stritten und oft eine Schürfung oder eine Beule von den Spielnachmittagen im nahen Wäldchen nach Hause brachten – wie konnte man da ein einzelnes trösten? So haben wir früh gelernt, dass Tränen etwas für Schwächlinge waren und Schmerzen vorbeigehen, wenn man sie nicht beachtet.

«Ein echter Indianer kennt keinen Schmerz, und du zählst auch zu den echten Indianern», dachte ich bei mir, «weil du so viele Brüder hast und Indianerinnen in den Büchern keine Hauptrolle spielen!» Ich biss die Zähne zusammen.

«Ich bin keine jammernde Squaw!»

So wuchs ich in einer Welt ohne Mitleid auf und Frölein Balmer war in meiner Fantasie meine stille Beschützerin. Bestimmt war auch ihr dieser Moment, als sie mich auf den Mattenwagen hob, in ewiger Erinnerung! Bestimmt dachte auch sie an mich, wenn ich wieder mal meine Tränen runterschluckte und meine Schmerzen in Gedanken zu ihr schickte, damit sie mich tröstete!

Fräulein Hagen bringt Farbe in den Unterricht, aber leider nur rot

Leider verliess Frölein Balmer schon nach zwei Jahren das kleine Schulhäuslein am Rotsee und ich bekam eine neue Zweitklasslehrerin. Fräulein Hagen hatte blonde kurze Haare. Ihr Gesicht war meistens cholerisch gerötet und sie schrie uns Kinder täglich an.

Eines Nachmittags waren wir am Schreiben, als Kurtli an ihr Pult treten musste. «Nein, so geht das überhaupt nicht! Schon wieder hast du das Wort falsch abgeschrieben!», meckerte sie Kurtli an, der an ihr Pult getreten war. «Alles mit Tinte verschmiert! Das kommt davon, weil du mit der linken Hand schreibst», keifte sie. «Dieses Geschmier!»

Wahrscheinlich dachte sie sehnsüchtig an ihren früheren Schulort, wo Körperstrafen noch erlaubt waren und sie den Kindern jeweils auf die Finger schlug, wenn diese den Stift zum Schreiben in das «Dreckshändli» nehmen wollten.

Hier in Ebikon war der Fortschritt ausgebrochen und es gab keine «Dreckshändli» mehr. Linkshändigkeit wurde mehr als rehabilitiert und jede linkshändige Person bekam eine Aura von unterdrückter Genialität.

Die Körperstrafen waren jetzt verpönt und wurden ihrerseits bestraft. Allerdings dauerte es einige Zeit, bis sich die neue Haltung in allen Schulzimmern in den hintersten Kantonswinkeln durchgesetzt hatte. So sah ich Jahre später noch, wie mein Klassengspänli vom Aushilfslehrer dermassen eins «um die Ohren» kriegte, dass er wie ein k.o. geschlagener Boxer im Ring zu Boden ging.

Doch kommen wir wieder zu Kurtli, der mit tintenverschmierten Fingern neben dem Lehrerpult stand und darauf wartete, bis sich Fräulein Hagen beruhigt hatte. Er trottete mit dem Heft niedergeschlagen an seinen Platz zurück und eine angespannte Stille legte sich über das Klassenzimmer. Alle versuchten, noch schöner zu schreiben und noch weniger zu schmieren.

«Frölein Hagen
Ich kann es nicht wagen
Sie zu fragen
Ob getragen …
sonst geht es mir an den Kragen …»


Meine Gedanken gingen fremd, aber ich machte keinen Mucks.

Fräulein Hagen korrigierte die Rechenhefte. In diese durften wir mit Bleistift schreiben, mussten das Resultat doppelt mit Lineal unterstreichen. Es war für viele wesentlich schwieriger, die Häuschen zu treffen als das richtige Resultat. So auch für Kurtli, der im mündlich Rechnen sonst unschlagbar war.

Plötzlich, wir waren alle vertieft in das Schönschreiben, flackerte das Gesicht am Lehrerpult und das Rechenheft von Kurtli flog diesem mit einem gezielten Wurf an den Kopf.

Fräulein Hagen donnerte los: «Kein Häuschen hast du getroffen! Nicht ein einziges!»

Kurtli, der vor lauter Schreck das endlich sauber hingekriegte Wort wieder verschmierte, bekam ebenfalls einen Wutanfall, packte das hingeworfene Heft und schmiss es zurück Richtung Lehrerpult. Fräulein Hagen, die keinen Widerspruch duldete, erstarrte. Eine Ader trat an ihrer Stirn hervor, ihr ganzes Gesicht verfärbte sich dunkelrot. Langsam erhob sie sich. Ich stopfte mir mit den Fingern die Ohren zu und verkroch mich unter dem Pult.

Sehnsüchtig dachte ich an mein glückliches erstes Schuljahr zurück, als die Welt noch in Ordnung war und Engel unterrichten durften. Nie schrie Frölein Balmer uns an. Nie liess sie uns mucksmäuschenstill vor der Tür zum Schulzimmer stehen, bevor sie uns hineinliess. Bei Fräulein Hagen machte ich einmal aus Angst in die Hosen, weil sie mein Strecken übersah und ich es nicht ohne ihre Erlaubnis wagte, auf das WC zu gehen. Nie sagte Frölein Balmer ein böses Wort zu uns und selbst gegenüber Kurtli war sie geduldig und hilfsbereit.

Als ich später Lehrerin war, dachte ich oft an die ersten zwei Schuljahre zurück. Auch ich wollte für die Kinder ein verständnisvoller Engel sein, der sie gegen die bösen Erwachsenen beschützte. Gerade die Mütter haben oft keine Ahnung von den Wünschen ihrer Kinder und wollen nur ihre eigenen Träume in den Sprösslingen verwirklicht sehen, und ungeduldige Lehrpersonen, die nicht immer das nötige Mitgefühl gegenüber den Kindern zeigen, gibt es genug.

Was nach einem halben Jahrhundert bleibt

Der Zufall wollte es, dass ich mit 57 Jahren meine ehemalige Erstklasslehrerin traf. Ein halbes Jahrhundert trennte mich damals von meinem ersten Schultag. Durch eine gemeinsame Bekannte war ich an ihre Adresse gelangt und schrieb ihr nach Südfrankreich, wo sie inzwischen lebte. Bei einem Besuch bei ihrer Schwester in der Schweiz lud sie mich zu einem Kaffee ein und mit etwas Herzklopfen erschien ich pünktlich zu unserem Treffen.

«Du kannst Rosmarie zu mir sagen!», meinte sie. «Wir sind ja eigentlich Kolleginnen, obwohl ich schon längst pensioniert bin.» Fast entschuldigend erzählte sie mir, dass sie noch mit vierzig einen Mann kennengelernt und ihn geheiratet habe. Ihren Frölein-Status aufzugeben, ist ihr offenbar nicht leichtgefallen. Mit jedem Satz aus ihrem Mund wurde sie für mich etwas irdischer.

Sie kicherte unsicher, als ob sie nie geheiratet hätte und in Südfrankreich lebte. Sie war alles andere als weltgewandt. Sie erzählte mir von ihrer Zeit als Primarlehrerin, die nicht sehr glücklich verlaufen war. «Weisst du, die Unterstufe, die konnte ich ja noch meistern, aber dann wechselte ich an die Sekundarstufe und die Kinder gehorchten mir nicht mehr! Es war eine einzige Katastrophe!»

Und dann, als ob sie wüsste, dass ich sie in meiner Erinnerung zu einem Engel erhoben hatte, stiess sie sich gleich selber von der Wolke. «Ja, das ist herzig, dass du mir geschrieben hast. Nach fast fünfzig Jahren, als du zu mir in die Schule gingst!» Sie musterte mich, doch ihr musternder Blick blieb teilnahmslos. «Interessant! Ich kann mich allerdings gar nicht mehr an dich erinnern! Nur an deinen Bruder mit den Kraushaaren, der hatte in allen Fächern eine 6!»

Ich spürte, wie mich eine Welle der Ernüchterung überrollte und sich meine grenzenlose Bewunderung in grenzenlose Enttäuschung und Ablehnung verwandelte. Auch ich hatte in allen Fächern eine 6, doch das war ihr scheinbar keine Erinnerung wert. «Kannst du dich wirklich nicht mehr an mich erinnern, Rosmarie?», dachte ich verzweifelt. «Ich war ein Jahr lang so fleissig gewesen, hab nie Probleme gemacht, nie neben die Häuschen geschrieben! Ich hab mir solche Mühe gegeben!»

Wieder gingen meine Gedanken fremd. «Zum Glück bin ich nicht deinetwegen Lehrerin geworden!», redete ich mir zu. Der Lehrerberuf war eine Zwischenlösung für mich, da ich ein Studium an der Universität anstrebte, zu dem es aber nie kam. Der Beruf wurde zur Berufung und die Zwischenlösung zu etwas Dauerhaftem.

Das Treffen mit Frölein Balmer stimmte mich sehr nachdenklich. Wie konnte es nur sein, dass sie sich nur noch an meinen älteren Bruder erinnerte? Wie hat sie nicht merken können, wie wichtig für mich war? Das Leben kann so ungerecht sein. Zudem mein älterer Bruder sich praktisch nicht mehr an die Zeit bei ihr erinnern konnte.

Was war da mit meiner Wahrnehmung schiefgelaufen? Passierte mir das etwa auch in den vielen Jahren, als ich an der Unterstufe unterrichtete? Habe ich die stillen und fleissigen Schülerinnen und Schüler überhaupt zur Genüge wahrgenommen? Bin ich ihnen gerecht geworden?

Wie stimmt jetzt mein Credo, dass von nichts nichts kommt?

Die Begegnung mit meiner Erstklasslehrerin war kein Jahr her, als Rosmarie ihrem Gatten in den Himmel folgte und endgültig zum Engel wurde.

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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