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Begrüssen Sie, was da kommen soll

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Unser Literatur-Blogger über das biblische Geschehen rund um Weihnachten und was er davon hält.

Der Hochfrequenz-Run auf die Warenwelt hat auch diesen Advent pünktlich begonnen, wie immer mit nicht abzusehendem Lichterglanz und Flimmerputz, den sattsam bekannten Blechansammlungen vor den Innenstadt-Warenhäusern, den stalldrängig-wildentschlossenen Kolonnenfahrern und ähnlich überflüssigen Wohlstandsirrungen. Vor einem halben Jahrhundert stand ich mit einigen AktivistInnen einer Gruppe Dritte Welt im Hungerstreik vor der Reformierten Kirche, um gegen den Weihnachtskonsumrummel und den Missbrauch von Kindheitserinnerungen zu protestieren, mit Politischem Nachtgebet und Predigten über Camilo Torres, den kolumbianischen Priester mit der Waffe in der Hand, zu welcher Maschinenpistole ich den wirkungsvollen Staccato-Sound ab Tonband von der Kanzel herab erschallen liess. Die Aktion hat die Welt nicht verändert, im Gegenteil: Heute bleiben die Raubritter der Konsumwelt durchschnittlich drei Stunden in einem Einkaufstempel wie der Mall of Switzerland, und zur Hohen Zeit der schlittenfahrenden Weihnachtsmänner dürften es wohl vier Stunden sein.

Heuer gibt es noch weniger zu lachen als in den vorangehenden Jahren, deucht mich. Trump, punkto Timing und Bezugnahme auf aktuellste Wund- und Wehleidigkeiten stets netzkundig und explosiv, nimmt ausgerechnet Jerusalem ins Visier, die am aufmerksamsten gelikte Destination des Weihnachtsgeschehens neben Bethlehem. Ganz ins winterlich verkitschte Design des marktkonform zugerichteten biblischen Geschehens passt auch die eiskalte Szenerie der Flüchtlingscamps auf Lesbos und Samos, die meine Anteilnahme konkreter anstachelt als die zahllosen Bettelbriefe im Postfach. Klirrendes Eis schlägt mir aus der täglichen Zeitung entgegen, die bestens in die starrgraue Wetterlage passt, besonders, wenn sie am Boden des Briefkastens angefroren ist. No Billag hat neuerdings 57 %, die Genossenschafter der Zuger Gartenstadt votieren mit 43 zu 1 für den Abriss ihrer Wohnblocks, den letzten zahlbaren im Kanton. Der Wunsch nach Tempo 30 kann nur Erfolg haben, wenn zuvor eine wissenschaftliche Erhebung seinen Sinn erhärtet hat, welches einen Kredit von 50'000 Stutz auslöst. Wird das alles erfolgreich zu verdrängen sein während der Tage, da die Einkaufs-Adipodie zu einem gesetzlich verordneten Boxenstopp verbrummt sein wird? Gibt es zum Jahreswechsel neben dem selbstauferlegten Diktat kasteiender Vorsätze auch einmal etwas Erfreuliches, Aufbauendes zu gewärtigen? Gibt es irgendwo Grund zu Hoffnung oder wenigstens Aussicht auf Lustgewinn?

Doch, das gibt es. Aus dem Autoradio ertönt eine 57-jährige Liveaufnahme von Stanley Turrentine im Minton's, New York. Zufällig erstandenes Mitbringsel der Mitfahrerin Katja. Die Seele fliegt im Groove des unerhörten swingenden Geschehens, der Fuss tremoliert auf dem Gaspedal ob der verzwickt-synkopischen Frontlinie, Atem und Herzschlag stocken im Gleichtakt. Doch, es gibt ein Leben nach dem winterlichen Tiefpunkt, und es hat auch wieder einen Sinn. Und es geht weiter im Aufwärtstrend. Eine erfreulich grosse Zahl von Adventsflüchtigen steht vor dem Lokal mit der beschlagenen Scheibe, das sich bis zum letzten Platz füllt. Schluss mit Weihrauch!

Es muss einmal gesagt sein: Die Lesungen in der Loge Luzern, vor allem die des Kollektivs Beauties & das Biest, sind seit Jahren ein Highlight der Kleinbühnenszene. Hausherr André Schürmann und Mitstreiter und Chefmoderator Max Christian Graeff – Letzterer ab sofort aus dem Wuppertaler Exil wirkend – haben ein hochprozentiges Publikum geschaffen, das mit Vorfreude und redseligem Nachklang bei Wein und Eintopf der Marke Graeff Wort, Gesang und Harmonium inhaliert und dankbar mit zwischenrufender Anteilnahme samt Gelächter an den richtigen Stellen kommentiert. Wir gehören auch dazu. Die Adventsausgabe steuert dem exzellenten Ruf Graeffs eine schmetternde Hymne an das Lesen bei, zum Nachsummen einladend per Popmelodie, die jeder kennt – aber nicht so. Kompagnon Christov Rolla navigiert sein Harmonium durch gelebte Episoden seiner anteilnehmenden Nachbarschaft, personifiziert in einer Milf, die ihm General Guisans Reden auf Vinyl vermacht hat. André Schürmanns leidvolle Erfahrungen mit im Café angerollten Babies samt Lenkerinnen stehen punkto Zwerchfellbeben dem Gesamtmix kaum nach, wobei überhaupt zu vermelden ist, dass die Performanz dieser Lesebühne dem aktuellen lahmarschigen Kabarett einen kraftvollen Tritt in selbigen Arsch zu verpassen notorisch spielend schafft. Da gibt es kein repetitives Gewieher aufs Zeichen. Exemplarisch dafür etwa die mimische Parforceleistung, die Sandra Künzi beliebt macht, wenn sie Hodlers Holzfäller – eine Anspielung auf die Sammlung des Kunsthauses – leibhaftig nach- und durch den Kakao zieht, was aber den VIP-Gast des Abends, Heinz Stahlhut, kaum in Verlegenheit bringt, sondern zum schlagfertigen Gegenangriff motiviert. Die Überraschung gerät perfekt, wenn nun der Sammlungskonservator die minutiösest detaillierende Zauberberg-Episode der ersten Begegnung Hans Castorps mit einem Grammophon zum Besten gibt, um der aufgefrischten Ergötzlichkeit die Wiedergabe des «après-midi d'un faune» folgen zu lassen, alles aufgenommen von uns, der Wortgemeinde, in meditativer Begeisterung – und mit Lust auf mehr im kommenden Monat (16. Januar). Die Moral ist erheblich gestiegen, wenn wir auf die nasskalte Strasse treten. Doch, so kann die Kirche im Dorf bleiben. Wenn auch niemand mehr mit einem Hungerstreik davor für eine wohltuende Ohrfeige ins Gesicht der Harmoniesucht sorgt. Jedenfalls, wenn die Tannenzweige und der blinkende Lamettazauber in der Kehrichtabfuhr gelandet sind.

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