(Bild: Peter Forster - Creative Commons Attribution-Share Alike 2.0 Generic)
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7min Lesezeit

Pablo Haller schreibt in seinem neuen Text über das Leben der Barracones, Frauenhüften und Zigarrenrauchen. Eine literarische Ausfahrt auf dem Zuckerrohrzug.

Pablo Haller

1
ich möchte mit dem zuckerrohrzug fahren
sag ich da wo die strasse die gleise kreuzt
«das dürfen nur die, die hier arbeiten»,
lacht anacaona – mir doch egal!

das signal blinkt rot & rot
hinter uns kommt er von links
keucht wie ein erregter alter
der jemandem entgegenrennt

2
ich will mit dem zuckerrohrzug fahren
zwischen den stauden tauchen
verloren gehen in tropischem rauschen
tuckern durch ein meer von halmen
dahinter uferhügel, wie frauenhüften
üppig, mager, was von allem
geschwungen schwarz im abendblau

ha! ha! ha hoi!

3
für mich unvorstellbar:
ein land ohne züge
doch dann
kam der zuckerrohrzug

4
führe ich mit dem zuckerrohrzug
zöge ich an einer feinen zigarre
dampfte mit dem kamin um die wette
zum frohen tschuu-tschuu der lok
eine gorda heizte ein
die fluchte wie ein alter seebär

ha! ha! haddock!

5
wir bretterten über die maroden schienen
westwärts, westwärts
wo die sinkende sonne gold verheisst
ich heulte mit dem horn um die wette
wie ein läufiger kojote

a-uuu! a-uuu!

6
tschtsch-tschtsch-tschtsch
gäb die lok den rhythmus vor
für den verhunzten bolero
der ein müder arbeiter
aus seiner gitarre zupfte

problemas ahora tengo yo
tendré que pagar la yerba
que otro chivo se comió
porque yo no fui
por mi madre que yo no fu*

7
führe ich mit dem zuckerrohrzug
säh ich die verdammten dieser erde

die in hudeln und fetzen
müde mit macheten stauden schlagen
von links, von rechts, von links, von rechts
unter der sinnlosen brutalität der sonne

ich röche schweiss & clerin, das benzin des plantagenarbeiters
tschtsch-tschtsch-tschtsch

säh elende gestalten, die nicht mal mehr ihre namen haben
blitzendes augenweiss am rand der brennenden felder
zwischen zwei ernten

aus dem knistern
aus der hitze
aus zig nervös züngelnden orangetönen, schwarz umrahmt
heulte wie aus einem geist geprügelt
einem gespenst, das sich nicht verjagen lässt
«hier wird immer 1820 sein!»

8
in der morgendämmerung
rauchende asche anstelle von tau
verkohlte wüste, dahinter hügel, jeder ein sinai
hier wäre einst ein gelobtes land gewesen
leere blicke aus schädeln über die haut gespannt ist
die verdammten zögen weiter
& der grabesatem trujillos bliese die schwärzesten
die ausgemergeltsten von ihnen zurück über die grenze
wo sie hergekommen sind
um ein bescheidenes glück zu machen
in den barracones der bateys
zu zehnt auf ebensovielen quadratmetern
zwischen verwittertem holz
unter rostigem wellblech
die von sonnenaufgang
bis sonnenuntergang
müde die stauden schlagen
von links, von rechts, von links, von rechts
dann & wann regnete es
aus einer trägen propellermaschine
pesdizide

ich säh sehnige männer
die abends die destillierte zuckerrohrmilch trinken
clerin, das benzin des plantagenarbeiters
bis sie sich selber nicht mehr kennen

was für probleme ich jetzt habe
ich will doch nicht für das grass bezahlen
dass ein anderer bock frass
weil ich wars nicht
ich schwör auf meine mutter ich wars nicht*

9
nein!
ich will nicht mehr mit dem zuckerrohrzug fahren!
nein!
ich will das nicht sehen!
weck mich auf, anacaona
im traum kann ich die augen nicht schliessen!
wer ist dieser mann, bernardino?
warum lässt er diese bündel aus knochen und lumpen
einfach niederschiessen?
was ist das für ein altes europäisches dorf
gebaut mit ziegeln aus blut
zusammengehalten vom lehm verheizter leben
für nichts, nichts
& wieder nichts?
warum ist das geld hier so flüssig?
warum ist die luft hier so trocken
dass es nie bis nach unten kommt?
wie regen in arizona

tschtsch-tschtsch-tschtsch
das verräterische herz
unter den dielen der zivilsation
tschtsch-tschtsch-tschtsch

nein! nein! nein!

weck mich auf, anacaona
ich häng in einer schleife fest!

10
ich will nicht mehr mit dem zuckerrohrzug fahren!
jedes tschtsch
ist ein peitschenhieb auf mein trommelfell
die morschen dielen der zivilisation knacken

wenn ich sehe was ich sehe
vom zuckerrohrzug aus
will ich kein mensch mehr sein

kein mensch wie jene in feinen stoffen
die die arbeiter auspressen
wie sie die zuckerrohre auspressen
die die ausgelaugten wegwerfen
wie sie die zuckerrohre wegwerfen, die ihre schuldigkeit getan haben
kein strassenköter würde so was einem andern antun, keiner!

nein! nein! nein!

tschtsch-tschtsch-tschtsch
das verräterische herz
unter den klaffenden dielen der zivilsation
tschtsch-tschtsch-tschtsch

sag mal, gorda
womit fährt diese höllenmaschine?
sie öffnet den ofen:
verbranntes fleisch und bleiche gebeine
sie sind der treibstoff

ich will nicht mehr mit dem zuckerrohrzug fahren!
ich kann keine ausgemergelten kinder sehen
kranke kinder mit fliegen auf den augen
keine kraft zu blinzeln
keine medizin, keine papiere
in eine sackgasse geboren

tschtsch-tschtsch-tschtsch
unter den gleisen bricht der boden ein
tschuu-tschuu!
wie trostlos kann ein tschuu-tschuu sein?

*aus: «Por mi madre que yo no fui», Marino Perez (Der Vater des bitteren Bachata).

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