SUS, IF-Lehrpersonen und Lehrplan 21 – wer blickt in der modernen Schule noch durch? (Bild: Cel Lisboa)
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SUS, IF-Lehrpersonen und Lehrplan 21 – wer blickt in der modernen Schule noch durch? (Bild: Cel Lisboa)

4min Lesezeit

Gehen wir mit der Zeit, wenn wir mit der Zeit gehen? Ist meine Ausbildung nichts mehr wert? Wer kann mir all die neuen Fremdwörter erklären? Diese und andere Fragen stellt sich unsere neue Literatur-Bloggerin Katja Zuniga-Togni in ihrem ersten Beitrag über die Schule von heute.

Katja Zuniga-Togni

Das soll mir einer erklären. Da gehe ich jetzt schon auf die sechzig zu, aber keine Spur von weiser werden! Dabei habe ich in der Schule immer aufgepasst. Ich schrieb brav meine Prüfungen in der Primarschule und brachte zweimal jährlich ein Zeugnis nach Hause. Auch am Alpenquai war der Unterricht nicht wesentlich anders, nur die Prüfungen wurden jetzt Wochen im Voraus angekündigt. Irgendwie bestand ein Zusammenhang zwischen Lernen und guten Noten.

Nach dem vierten Gymi wechselte ich an das Lehrerinnen- und Lehrerseminar. Wahrscheinlich hiess es einfach Kantonales Lehrerseminar Luzern, obwohl mehr Mädchen das Diplom anstrebten. Diese Zeiten sind vorbei – aus Lehrerinnen und Lehrern wurden Lehrpersonen, aus Schülerinnen und Schülern SUS und aus den Lehrerseminaren pädagogische Hochschulen. Die Prüfungen wurden ersetzt durch Tests und die Zeugnisnoten ergänzt durch Elterngespräche.

Stets auf dem neusten Stand

Vor einem Test, der dann im Zeugnis zählt, ermittelt man den Wissensstand der Schüler mit Lernkontrollen. Darunter versteht man in der Allgemeinen Didaktik mit den projektierten Zielsetzungen eines Unterrichtsprozesses korrespondierende Massnahmen, die den Erfolg der Lernvorgaben möglichst objektiv messen und sicherstellen sollen. In der formativen Evaluation wird demnach aktiv auf ein laufendes Programm Einfluss genommen mit dem Ziel, die zuvor fixierten Ziele auch tatsächlich bestmöglich zu erreichen. Das kann man ja noch verstehen, wenn man Didaktik studiert hat.

Aber «wenn du denkst, du denkst, dann denkst du nur, du denkst...», sang Juliane Werding schon 1975, und da war sie ihrer Zeit voraus. Wo ist hier das Programm? Ist ein Lernprozess nicht etwas Individuelles? Kann man dem mit Qualitätskontrollen überhaupt gerecht werden? Muss man alles kontrollieren?

Die Schule ist zum Geschäft geworden, längst schon haben geschäftsführende Rektoren die Leitung übernommen und wir Lehrpersonen figurieren im Organigramm irgendwo weit unten. Ein Rektor muss auch keine Ahnung von Pädagogik haben, nein, das kann sogar seine Objektivität beeinträchtigen, denn er muss eine Schule nach dem neuesten Stand führen.

Summativ, formativ, was?

Wer den Massstab für eine gute Schule festlegt, weiss ich nicht. Aber wir haben sie, die gute Schule, und ich unterrichtete sogar an der besten. Wörter wie Qualitätssteigerungen und Evaluationen lassen auf eine Fliessbandarbeit schliessen. Wer an der PH studiert hat, weiss, dass man Lernkontrollen in summativ und formativ aufteilt. Selbstverständlich kommen auch diese Begriffe aus der Wirtschaft. Bei der formativen Lernkontrolle werden im Unterschied zur summativen Kontrolle, die nur den Vergleich zwischen «ist» und «soll» ermittelt, aufgrund der ermittelten Ergebnisse Interventionen oder gegebenenfalls Korrekturen laufender Massnahmen vorgenommen, um die Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung zu erhöhen.

Die Ware «Lernende» muss durch vermehrte Evaluationen homogener gestaltet werden.

Leider kommt es immer noch vor, dass sich Schülerinnen und Schüler – pardon, SUS – nicht berechnen lassen. Die Ware «Lernende» muss durch vermehrte Evaluationen homogener gestaltet werden, damit die Arbeitsabläufe standardisiert werden können. Das erfordert eine Menge Weiterbildungen seitens der Lehrenden. In den vergangenen Jahren habe ich kontinuierlich mehr Überstunden geleistet und zahlreiche Sitzungen und Weiterbildungen über mich ergehen lassen, ohne je das Gefühl zu haben, ich sei ausgelernt.

Damals und heute

Wie konnte ich doch nur vor 38 Jahren vor eine Gesamtschule im Entlebuch stehen und diese vier Klassen in einem Zimmer von einem Postgebäude unterrichten, ohne Heilpädagoginnen, Zusatzlehrpersonen und auch noch ohne Turnhalle? Wurde ich diesen Kindern gerecht? Habe ich sie genug gefördert?

Jetzt kommt Gott sei Dank der Lehrplan 21, der mit seinen unzähligen Kompetenzen vollends dazu führen wird, dass die Schule im neuen Jahrtausend abhebt. Wohin der Flug führt, müssen nur noch die Lehrplangestalterinnen und Lehrplangestalter wissen. Hoffen wir, die Landung möge angenehm sein. Was Kompetenzen sind, erkläre ich Ihnen gern beim nächsten Mal.

Übrigens: Meine Eltern waren noch nie meinetwegen an einem Elterngespräch – nicht umsonst brauche ich Nachhilfestunden.

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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