Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein – oder? (Bild: Jakob Owens)
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Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein – oder? (Bild: Jakob Owens)

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Die Sommerferien haben begonnen – nichts wie ab in den Urlaub und so schnell wie möglich das Weite suchen oder doch lieber nichts tun zu Hause? Literatur-Blogger Adrian Hürlimann ist sich noch nicht ganz sicher.

Adrian Hürlimann

Mitleidig blickt er mir ins Gesicht, die Gartenschere in der Hand. Wild entschlossen, auf die Irritation meiner unruhigen Erscheinung nicht einzugehen. Sein gelassener Blick scheint einen Anflug von Spott zu beinhalten. Wozu all die Aufregung, die unnötige, willkürliche Veränderung, ja Korrumpierung der alltäglichen Verhältnisse? Der Garten, der Sonnenschirm und ein wenig Blau am Himmel – genügt das nicht vollständig, um den Sommer zu würdigen, um an diesem Beispiel vorbildliche Nachhaltigkeit zu demonstrieren, den Verzicht auf Luftverschmutzung, die Schonung des eh schon strapazierten Blutdrucks, all diese Zeit zum Versauen geniessen zu wollen und eventuell gar zur Musse eindampfen zu lassen? Hatte nicht schon Pascal seiner Meinung Ausdruck gegeben, dass alles Unglück des Menschen von der Tatsache herrühre, dass er nicht ruhig auf einem Stuhl sitzen könne? Fast beneide ich ihn ein wenig. Nichtstun, grenzenlose Freizeit, alles ist möglich, und das noch ohne Ende – so erinnerte ich mich an die Sommerferien meiner Kindheit. Glücklichere Zeiten hatte es im Leben kaum je gegeben.

Ich hingegen hatte mit allem Vorläufigen abzuschliessen. Ich bereitete mich auf ein anderes, fernes Leben vor. Es würde zwar nur vierzehn Tage dauern, dann begänne all das wieder von vorn, das ich jetzt krampfhaft zum Pausieren zu zwingen suchte. Vom Packen einmal abgesehen, hatte ich das meiste im Griff, sozusagen erledigt, auf unbestimmte Zeit oder gar ein für alle Mal … Man könnte denken, es gehe ums Testament. Ein bedeutender Einschnitt ins Leben, in meine Existenz klaffte vor mir auf. Rechnungen wollten beglichen sein, Abfallsäcke gefüllt, Jalousien heruntergezurrt, Blumentöpfe gewässert, Kaffetank geleert, Resten im Kühlschrank aufgegessen oder tiefgefroren, letzte Grüsse gemailt, Bekannte von meiner Abwesenheit in Kenntnis gesetzt, Pillen abgezählt, Gebrauchsanweisungen zu wichtigen oder möglicherweise nützlichen Apparaten überflogen.

Und jetzt stehe ich also vor ihm, mit praller Tasche und zusätzlichem City-Bag, programmiert, um auf mein Rad zu steigen und zum Bahnhof zu rasen. War das alles nötig? Wird mein Aufenthalt in Berlin sonnig und warm sein, wie es hier den Anschein macht? Oder vielleicht doch kalt und regnerisch, wie ich es halt auch in Erinnerung habe? Wäre es nicht verlockend, im gewohnten Habitat herumzuplegern und den Tag im fröhlichen Nichtstun verrinnen zu lassen?

Aber nein, ruft die innere Stimme mich zur Räson. Kein Zweifel oder mehr als wahrscheinlich: Frustration würde sich bald einmal einstellen. Alle haben etwas unternommen, haben sich ambitioniert weitergebildet, haben ferne Länder besucht und andere Kulturen kennengelernt oder wenigstens den See gegen das Meer eingetauscht. So würde ich sinnieren in diesem selbst gebastelten Paradies. Auch hier konnte es regnen, schon der letzte Sommer war enttäuschend ausgefallen. Eine räumliche Verschiebung könnte die Wahrscheinlichkeit anderer, besserer meteorologischer Verhältnisse nur überraschend erhöhen. Der konstante Baulärm hierzulande, die immer aggressiver auftretende Abreiss- und Verdichtungswut zugerischer Verhältnisse, war das alles kein Grund, schnellstens das Weite zu suchen? Kann es nicht anderswo nur besser werden? Spielt die Musik nicht sowieso immer anderswo? Ist es nicht erfrischend, belebend und gesund, neue Erfahrungen zu machen? Ist das nicht die wahre, nachhaltige sportliche Aktivität? Heisst es etwa nicht in dem schönen Kirchenlied «All Morgen ist ganz frisch und neu»? Über den Wolken, da muss die Freiheit wohl grenzenlos sein?

Mein Zug fährt allerdings unter den Wolken, aber er verschont mich mit der Ernüchterung des Fluges, der unterhalb alles Wolkigen auf einer grauen, nassen Piste endet. Es ist ja nicht für lange. Anders als die Comedian Harmonists kehre ich bald zurück. Für sie war es härter: «Lebe wohl, gute Reise, und denk an mich zurück!» Was sie verlassen mussten, war dem Weltuntergang geweiht. Dagegen ist mein kurzes Pausieren innerhalb der Normalität nicht der Rede wert. Balkonien oder nicht Balkonien – solche Probleme hätte die Mehrheit der ganzen Menschheit wohl gern. Jetzt packe ich aber mein Bündel und schwinge es auf den Gepäckträger!

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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