Wie das Kind auf wundersame Weise im Schnee überlebt hat. (Bild: Pirmin Bossart)
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Wie das Kind auf wundersame Weise im Schnee überlebt hat. (Bild: Pirmin Bossart)

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Es war eine blonde Frau, die sprach. Das Kind konnte die Worte nicht verstehen. Es sah, wie sich ihre Lippen bewegten, doch hören konnte das Kind nichts. Einmal nahm die Frau das Kind an der Hand. Sie gingen zusammen auf einen Hügel, es war sonnig und die Gräser kitzelten seine nackten Beine. Darum lachte das Kind, als plötzlich Schneeflocken fielen.

Christine Weber

Die Frau liess seine Hand los und ging weg. Das Kind war jetzt alleine auf dem Hügel. Von weitem sah es eine Gruppe Männer auf sich zukommen. Sie waren mit Handschellen aneinander gefesselt und wirkten sehr traurig. Einer nach dem anderen trotteten sie im Schneegestöber an ihm vorbei. Kaum waren sie hinter den Bäumen verschwunden, wurde das Kind von einer Schneewehe erfasst und augenblicklich zugedeckt. Es vergass alles und wurde von allen vergessen.

Wie das Kind gefunden wird

Es war an einem klaren Tag, als der Winter zu Ende ging, aber noch immer eine Schneedecke lag. Eine Gruppe Kinder zog einen Schlitten den Hügel hinauf. Plötzlich blieben sie stehen, vor ihnen wölbte sich ein Buckel unter der glatten Schneefläche. Eines der Kinder schubste mit dem Fuss dagegen und bückte sich, um besser zu sehen. «Schaut, da liegt etwas vergraben», rief es.

Die Kinder begannen vorsichtig, den Schnee zur Seite zu kratzten. «Es ist ein Kind», riefen sie und gruben weiter. Zuerst legten sie den Kopf frei und stellten fest, dass es ein Mädchen war. Seine  Augen waren geschlossen und den Kindern schien es, dass es etwa gleich alt sei wie sie selber. Doch niemand von ihnen erinnerte sich daran, dass ein Kind in den letzten Jahren aus dem Dorf verschwunden wäre. Sie schauten in das Gesicht mit den geschlossenen Augen, dann legte ein Junge seine Wange auf die des Mädchens. «Sie ist warm, das Kind lebt noch», sagte er.

Die Kinder gruben den Körper ganz aus. Das Mädchen trug einen Jupe und ein kurzärmeliges Shirt. «Sie muss ein paar Monate hier gelegen haben», überlegten sie und schauten ratlos auf den Körper im Schnee. Dann packten sie das gefrorene Kind vorsichtig an Armen und Beinen. Seine Glieder waren so steif, dass sie jeden Moment zu zerbrechen drohten. Endlich lag es auf dem Schlitten und die Kinder machten sich mit ihrem seltsamen Fund auf den Heimweg.

Wie das Kind vom Schnee essen konnte

Im ersten Haus des Dorfs klopften sie an die Tür. «Wir haben im Schnee ein totes Mädchen gefunden, das vielleicht gar nicht gestorben ist», sagten sie und eine freundliche Frau liess sie ins Haus. Sie trugen das Kind mit den gefrorenen Gliedern in die Stube und setzte es an einen Stuhl nahe beim Feuer. Dann schickte die Frau die Kinder nach Hause und sagte zu ihnen: Alles kommt in Ordnung. Später taute das Mädchen auf und war wieder lebendig. Die Frau liess es in Ruhe. Sie brachte ihm Tee und etwas zu essen, bis es wieder kräftig war und lustig wurde.

Das Kind blieb bei der freundlichen Frau. Es ging mit den anderen zur Schule und alles war gut. Niemand fragte danach, was passiert war und wenn, dann sagten die Leute: Damals ist der Schnee gekommen und hat den Kopf des Mädchens mit warmem Nebel eingehüllt. Im Mund des Kindes hat sich ein Hohlraum gebildet und dort sei immer Schnee hineingefallen, so dass es die ganze Zeit davon essen konnte. Darum habe es auf wundersame Weise überlebt.

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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