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Vor zwei Monaten ist mein Freund gestorben. Ich habe ihn x-Mal angerufen, auf seinen Anrufbeantworter gesprochen und um einen Rückruf gebeten, erfolglos. Ein mitgehörter Monolog.


Christine Weber

Wie die mich da angefragt haben, habe ich natürlich die Arbeit angenommen. Politische Interviews mit Prominenz aus der Wirtschaft. Ich rufe die Leute an und frage Sachen, quetsche sie aus, das ist echt anspruchsvoll. Früher arbeitete ich bei einer Wochenzeitung, das war auch ganz schön schwer. Da musst du liefern und recherchieren und machen und laufen, dass Gott erbarm. Ein Jahr war ich dort und am besten hat mir einer der Journalisten gefallen, der mich unter seine Fittiche genommen hatte. Er hatte langes Haar und einen schleichenden Gang. Ausser ihm hat sich bei der Zeitung keiner für meine Geschichten interessiert, aber das ist normal, so läuft das nun mal, da kannst du dir die Hacken ablaufen wie du willst.

Vor zwei Monaten ist mein Freund gestorben. Ich habe ihn x-Mal angerufen, auf seinen Anrufbeantworter gesprochen und um einen Rückruf gebeten, erfolglos. Und irgendwann, nach mehreren Wochen, haben mir seine Verwandten eine Postkarte geschickt: Helmut ist gestorben, Sie brauchen nicht mehr anzurufen. Das war ein echter Schock, ich bin völlig abgetaucht, konnte nichts mehr machen, habe tagelang nichts mehr gegessen und vor dem späten Nachmittag bin ich eh nicht aus dem Bett gekrochen. Jetzt kann ich dieses Praktikum bei einer Wirtschaftszeitung machen, jedenfalls kenne ich den Chefredaktor und er hat gesagt, ich soll ihn heute anrufen, er schaue und kümmere sich und wer weiss, vielleicht macht er das auch. Aber jetzt rufe ich noch nicht an, ich warte, ich mache das später, wenn meine Stimmung besser ist.

Helmut ist in der Küche umgekippt, nichts Verwunderliches bei einem Epileptiker. Aber der Anfall war diesmal so stark, dass er einen Herzinfarkt ausgelöst hat und also ist Helmut  umgekippt und sofort gestorben. Eigentlich wollte Helmut nach Kuba, auf eine Ferienreise und ich habe ihm das ausgeredet, obschon er mich eingeladen hätte. Aber ich stellte mir dann vor, dass er dort einen epileptischen Anfall hätte, dass er auf der Strasse liegt und ich kann ja kein Spanisch. Bis ich erklärt hätte, was er hat – da wäre er längst abgekratzt. Jetzt mache ich mir Vorwürfe, denn dort wäre ich ja vielleicht dabei gewesen und in seiner Berliner-Küche war er ganz alleine. Nach ein paar Wochen schaffte ich es, sein Grab auf dem Friedhof zu besuchen, die Beerdigung hatte ich ja verpasst und das belastet mich extrem. Darum habe ich eine Karte auf sein Grab gelegt, um Helmut wissen zu lassen, warum ich nicht zu seiner Beerdigung gekommen bin: Helmut, deine Weiber haben mich zu spät informiert!

Aus dem zentralplus Blog Literatur-Blog

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