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Die Illusion vom wahren Bild – sollen Schauspieler «gelöscht» werden?

9min Lesezeit

Unser Kultur-Blogger Edwin Beeler schreibt in seinem neusten Blog über die Wahrheit von Bildern, die man im Kopf hat. Und was, wenn die Bilder unserer Heldenfiguren bröckeln? Wegretuschieren?

Edwin Beeler

Man stelle sich vor, Luzern käme ohne sein Wahrzeichen, den Wasserturm, daher – aus sämtlichen Tourismusbroschüren und Hochglanzansichtskarten wäre er wegretuschiert. Dann könnte ihm auch Satiriker und Werber Frank Baumann keine gelbe Krawatte in einer staatsstreichähnlichen Aktion umhängen, wie er es 1990 tat. Die einen fanden es spassig, die anderen daneben. Für Gesprächsstoff war gesorgt, der Wasserturm existierte. Heute aber existiert nicht mehr, was wegretuschiert ist. Es ist weg vom Fenster, Realität hin oder her. Und gegen Realitätsverlust und Geschichtsverweigerung kommt auch das kollektive Gedächtnis einer älteren Generation nicht an.

Historische Ereignisse anders dargestellt

Die «Grosse sozialistische Oktoberrevolution», deren Ereignis sich kürzlich zum hundertsten Mal gejährt hat, war in Wahrheit ein Staatsstreich. Die Bilder, die wir davon im Kopf haben, hat zehn Jahre später Sergej Eisenstein mit seinem Film «Oktober» erschaffen. Mit dem wirklichen Geschehen haben diese fiktiven Bilder kaum etwas zu tun. Man kann Eisenstein vorwerfen, die Geschichte bzw. deren Darstellung – im Auftrag der siegreichen Bolschewiki – manipuliert zu haben. Die Fiktion siegt über die Fakten. Ein Foto jener Tage zeigt den Redner Lenin auf einem Podest,  scheinbar gebannt hören ihm die Massen zu. Rechts unter ihm steht Trotzki. Der war der eigentliche Organisator des Staatsstreichs und Gründer der roten Armee. Ein anderes Foto zeigt genau dieselbe Szene. Doch Trotzki, Stalins Erzfeind geworden, ist wegretuschiert. Stalin hatte die Macht dazu. Wegretuschiert = nicht existent.

Jahrzehnte später sehen wir Tom Hanks im Film «Forrest Gump», wie er neben John Lennon sitzt oder neben Präsident Kennedy im Weissen Haus steht. Als Zuschauer wissen wir, dass diese Ereignisse nie stattgefunden haben. Der Schauspieler wurde in sogenanntes «dokumentarisches» Original-Filmmaterial hineinmontiert. Doch wir unterhalten uns bestens, ebenso, wenn wir Woody Allens Film «Zelig» anschauen. «Zelig» kommt als Dokumentarfilm daher, ist jedoch eine brillante Satire auf dieses Filmgenre. Talking Heads wie Susan Sonntag oder Saul Bellow spielen sich selber, geben Auskunft über diesen Leonard Zelig – gespielt von Woody Allen selber –, als ob sie ihn gekannt hätten oder sich an ihn – bzw. wie er von den Medien zu seinen Lebzeiten kolportiert wurde – erinnern könnten. Alles erfunden. 

Nicht erfunden ist das rund 350-stündige Videomaterial des Eichmann-Prozesses in Jerusalem, aus dem Eyal Sivan und Rony Brauman ihren Film «Ein Spezialist» montierten. Dieser Film folgt Hannah Arendts These von der «Banalität des Bösen». Den Filmemachern wurde unzulässige Manipulation und Verfälschung der Prozesswirklichkeit vorgeworfen. Vergleiche mit dem ungeschnittenen Originalmaterial und dem fertig montierten Kinofilm belegen, dass beispielsweise Fragen des Staatsanwalts und Antworten von Zeugen aus dem Zusammenhang gerissen und realitätswidrig montiert wurden. Die Filmemacher wehrten sich gegen die Vorwürfe unter anderem mit dem Satz «Wir haben nur einen Film gemacht ... Das Zusammenschneiden von Archivmaterial ist nichts Ungewöhnliches».

Die nackte Darstellerin auf der Rathausbrücke

Im Jahre 2011 wurde eine 30-jährige Pornodarstellerin in Luzern mit dreihundert Franken Busse bestraft, weil sie an einem Samstagmittag bei Januarkälte nur mit Lederstiefeln bekleidet und mit einer Mistgabel bestückt über die Luzerner Rathausbrücke ging: ein Werbefilm-Auftritt für ein Krienser Gastrounter­neh­men. Das Delikt: Erregung öffentlichen Ärgernisses.

Das erinnert an Achternbuschs Film «Das Gespenst». Damals wurde dieser Film von religiösen Kreisen verdammt, weil Achternbusch als Jesus-Darsteller mit seinem Film Gotteslästerung betreibe. Der Kinofilm wurde erst nach einem Bundesgerichtsurteil zur Kinovorführung freigegeben. Es ist meines Erachtens nicht wichtig, Achternbuschs Gespenst-Film gesehen zu haben. Wichtig ist, die Möglichkeit zu haben, ihn zu sehen. Dem erwachsenen Kinopublikum darf durchaus etwas zugemutet werden. In Luzern wurde die Kinozensur übrigens erst 1971 abgeschafft.

Zurzeit wird der Schauspieler Kevin Spacey total «gelöscht», weil er junge Männer sexuell belästigt haben soll.

Edwin Beeler, Filmregisseur

Zurzeit wird der Schauspieler Kevin Spacey total «gelöscht», weil er junge Männer sexuell belästigt haben soll. Ob die Beschuldigungen der Wahrheit entsprechen, ist für die entrüstete Öffentlichkeit nicht von Belang – bisher hat keine gerichtliche Untersuchung bzw. keine Gerichtsverhandlung stattgefunden, und eigentlich müsste bis zur rechtskräftigen Urteilsverkündung die Unschuldsvermutung gelten.

Doch Ridley Scott soll die Szenen seines Filmes «Alles Geld der Welt», in denen Kevin Spacey mitspielt, nochmals neu drehen. Damit soll ein möglicher Flop verhindert werden – aus Angst vor einem Publikum, das den Film aus Abscheu vor den möglichen Untaten des Spitzenstars boykottieren könnte. Die entsprechenden Szenen sollen mit einem anderen Spitzenschauspieler nachgedreht werden. Man fürchtet, das Publikum könne zwischen dem Schauspieler und der Figur, die er verkörpert, nicht unterscheiden.

Doch wen sehen wir auf der Leinwand in den Filmen, in denen Spacey spielt? Sehen wir Spacey, den Grapscher, den Belästiger, den sexuellen Vergewaltiger, den Täter, der er gemäss Vorverurteilung einer fingerzeigenden, vielleicht heuchlerischen Medienkonsumenten-Masse möglicherweise wirklich ist? In Finchers «Seven» jagen die Cops Brad Pitt und Morgan Freeman einen irren, grausamen Mörder. In «House of Cards» sehen wir den durchtriebenen, zu Mord fähigen Spitzenpolitiker Frank Underwood. In «American Beauty» ist ein unter der Dusche masturbierender Lester Burnham zu sehen.

Filme, die man aus dem Verkehr ziehen könnte

Alle diese schrägen Typen und Bösewichte werden von Spacey gespielt. Seine Leistung als Schauspieler ist unbestritten. Wir sehen nicht den Privatmann Spacey auf der Leinwand, sondern dargestellte Figuren. Das Kinopublikum rezipiert sein Spiel. Es will verführt werden, will sich identifizieren, will sich mit seinen Gefühlen der erfundenen Geschichte, die da erzählt wird, hingeben. Und es will sich entsetzen vor Bösewichten, sich gegen sie abgrenzen und diese zur Strecke gebracht wissen. Spacey hat vor allem Bösewichte und schräge Vögel gespielt, ihnen Facetten verliehen, die sie in ihrer Bandbreite nicht nur unsympathisch erscheinen lassen. Ob er sich dabei selber gespielt oder einen Teil seines Wesens hat einfliessen lassen? Film ist, um Godard zu widersprechen, keinesfalls «24 Mal pro Sekunde die Wahrheit», eher «24 Mal pro Sekunde die Illusion».

Wer vorverurteilend mit dem Finger zeigt, soll konsequent sein. Dann gehören auch Polanskis Filme weggesperrt oder jene von Fassbinder, von dem kolportiert wird, dass er mit seiner Crew und seinen Schauspielern mehr als unzimperlich umgegangen sei. Eisensteins «Oktober», zur Zeit seiner Entstehung als wahres Abbild der Geschehnisse geltend, müsste der historischen Wahrheit entsprechend neu gedreht werden. Und alle Filme von Woody Allen müssten aus dem Verkehr gezogen werden, spätestens, seit wir als Teil der moralisch entrüsteten Öffentlichkeit gehört oder gelesen haben, dass ihm «sexuelle Belästigung» vorgeworfen wird, oder seit seiner Ehe mit seiner vormaligen Adoptivtochter (man erinnere sich an die Schlammschlacht zwischen Allen und seiner damaligen Frau und langjährigen Hauptdarstellerin Mia Farrow).

Rache an Darstellerin

Vergessen wir auch nicht die Filme von Werner Herzog mit Klaus Kinski (der, wie unlängst den Medien zu entnehmen war, seine Tochter Pola sexuell missbraucht haben soll) – sie müssten weggesperrt oder mit einem anderen Darsteller neu nachgedreht werden. Und natürlich müssten auch die von Harvey Weinstein produzierten Filme auf den Index, weil nun medial bekannt ist, was «inside Hollywood» hinsichtlich «sexueller Belästigung» wahrscheinlich oder vielleicht eventuell (sprich: gerüchteweise) wohl jede und jeder wusste. Peter Jackson hat wenigstens einer Darstellerin gegenüber sein Bedauern ausgedrückt: Er hat zugegeben, dass er ihr die zuerst versprochene Rolle in «Lord of the Rings» nicht gab, weil ihn der Produzent Weinstein unter Druck gesetzt hatte. Weinstein wollte sich an der Schauspielerin rächen, weil diese sich nicht von ihm sexuell ausbeuten liess.

Ein Mega-Star und Medientycoon ist fast unantastbar.

Edwin Beeler, Filmregisseur

Die Arbeit bei Filmdreharbeiten, vor allem, wenn es sich um eine Serie mit mehreren Staffeln handelt, dürfte es einem Hauptdarsteller verunmöglichen, sein wahres, privates Gesicht völlig zu verstecken. Vermutlich wussten Studios, Produzenten, Regisseure, Crew und Schauspiel-Kolleginnen und -Kollegen, mit wem sie da arbeiten. Und vermutlich wusste ganz «Hollywood» auch, wer Harvey Weinstein wirklich ist. Und vermutlich wurde dieses «Wissen» unter den Teppich gekehrt. Ein Mega-Star und Medientycoon ist fast unantastbar. Doch sobald ein Dominostein fällt und der bislang Unantastbare stürzt, stürzt er tief, und er ist nur noch ein Monster.

Doch da draussen in der Provinz laufen wohl noch viele Monster herum, geschützt von ihrer Anonymität und der Sprachlosigkeit und Scham ihrer Opfer. Ein solches Monster war beispielsweise Gottfried Leisibach, bis 1949 Direktor des Kinderdorfes Rathausen. Seine sadistischen und sexuellen Übergriffe wurden nicht bestraft, er wurde am Ende einer langwierigen Untersuchungs­proze­dur nur entlassen. Ein kleiner Trost, dass die Wahrheit früher oder später aus der Teppich-Etage, unter die sie gekehrt wurde, doch hervor ans Licht kommt.

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