Aktionstag und Landsgemeinde der Luzerner Kulturschaffenden am 8. September 2017. (Bild: Silvio Zeder)
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Aktionstag und Landsgemeinde der Luzerner Kulturschaffenden am 8. September 2017. (Bild: Silvio Zeder)

Keine Gesellschaft ohne Kunst und Fest

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Vor dem Hintergrund der Sparmassnahmen der Luzerner Regierung im Kulturbereich erörtern wir aus philosophischer Perspektive die Verwandtschaft von Kunst und Fest. Heidi Pfäffli-Bachmann spricht im Interview über fehlende Wertschätzung sowie mögliche Wege zur Selbstermächtigung der Kulturschaffenden in Krisenzeiten. 

Eva-Maria Knüsel

Die kunstaffine Denkerin und Vermittlerin Heidi Pfäffli-Bachmann ist seit vielen Jahren in Luzern präsent und schätzt als Kulturkonsumentin die grosse Vielfalt der Luzerner Szene. Eva-Maria Knüsel traf sie zum Interview. 

Aktuell ist die Vielfalt der Kulturszene im Kanton Luzern bedroht von einschneidenden Massnahmen wie beispielsweise der Einsparung der Werkbeiträge sowie Kürzungen bei Institutionen und Projekten der freien Szene. Wie interpretieren Sie das Signal, das davon ausgeht?

Heidi Pfäffli-Bachmann: Das ist ein gravierender Verlust an Wertschätzung für Kulturschaffende. Aber damit verbindet sich auch eine Vernachlässigung des Bildungsauftrags. Kultur und Bildung stehen in einem gegenseitigen Bedingungsverhältnis. Dieses Verhältnis wird nun durch ökonomische Zwänge massiv infrage gestellt und gefährdet. Damit entzieht sich der Staat eines wesentlichen Aspektes der sozialen Verantwortung.

Viele Kunst- und Kulturschaffende empfinden die geplanten Spar- und Abbaumassnahmen der Luzerner Regierung als ungerecht. Philosophisch betrachtet: Wie bildet sich ein Gefühl von Gerechtigkeit in Bezug auf staatliche Aufgaben? 

Pfäffli-Bachmann: Zum Begriff der Gerechtigkeit finden sich die unterschiedlichsten Konzepte. Eines davon stammt von Martha Nussbaum. Sie formulierte einen Katalog von Grundfähigkeiten, die ein gutes menschliches Leben ausmachen. Die Aufgabe von Staat und Politik besteht gemäss Nussbaum darin, günstige Voraussetzungen für die Entfaltung dieser Grundfähigkeiten zu gewährleisten. Staatliche Gerechtigkeit bedeutet in ihrem Verständnis, diese Fähigkeiten für alle zu pflegen und zu fördern.

Nussbaum schreibt: «Ein gutes menschliches Leben besteht darin, die Fähigkeit, seine Phantasie und sein Denkvermögen zum Erleben und Hervorbringen von geistig bereichernden Werken und Ereignissen der eigenen Wahl auf den Gebieten der Religion, Literatur, Musik [und Kunst] einzusetzen. Der Schutz dieser Fähigkeit erfordert nicht nur die Bereitstellung von Bildungsmöglichkeiten, sondern auch gesetzliche Garantien für politische und künstlerische Meinungsfreiheit und Religionsfreiheit.»

Wenn ein Staat diese Pflichten aufgrund von ökonomischen Zwängen vernachlässigt, so zeigt sich darin nicht bloss ein Mangel an Sensibilität und Weitblick, sondern nichts Geringeres als die Beschneidung von Grundrechten durch politische Willkür.

«An der Kunst sparen zu wollen, wäre, als wollten wir aus Gründen der Effizienz den Nachtschlaf rationieren.»

Worauf gründet die Legitimation von Kunst und Kultur in einer Gesellschaft? Welchen Beitrag leisten sie zum Zusammenleben?

Pfäffli-Bachmann: Vielleicht zwei Aspekte dazu: Paul Valéry hat einmal geschrieben: «Ein Kunstwerk sollte uns immer beibringen, dass wir nicht gesehen haben, was uns vor Augen liegt.» Kunst macht also Unterschwelliges sichtbar. Sie schafft einen Zugang zur Wirklichkeit, welcher die eigene Position und die gesellschaftlichen Verhältnisse zu reflektieren und unter Umständen auch zu verändern ermöglicht. Kunst ist damit ein interaktiver Spiegelraum für gesellschaftliche Prozesse. Im Vergleich mit Wissenschaft und Theoriebildung ist er jedoch deutungsoffen und mehrdimensional.

Einen anderen Aspekt verdeutlicht Peter von Matt, indem er auf die Wesensverwandtschaft von Kunst und Fest hinweist: «Wie es keine organisierte Gesellschaft gibt ohne Fest, gibt es auch keine organisierte Gesellschaft ohne Kunst.» Diese Verwandtschaft manifestiere sich bei Fest und Kunst als ein «Akt der Verschwendung». Aber diese «Verschwendung» sei eine notwendige, denn, so von Matt weiter: «Wer dagegen antritt, tritt an gegen die menschliche Natur. [...] Die Verwandtschaft der Kunst mit dem Fest macht deutlich, dass ihre innerste Mitte [...] ein Ereignis der Freiheit ist.»

Damit entzieht sich die Kunst jedweder Ökonomisierung. An der Kunst sparen zu wollen, wäre, als wollten wir aus Gründen der Effizienz den Nachtschlaf rationieren. Die entsprechenden Folgen können wir uns – in beiden Fällen – ausmalen.

Welcher Handlungsspielraum bleibt dem Einzelnen gegenüber übergeordneten Entscheidungen? Was ist zu tun?

Pfäffli-Bachmann: In anderen Bereichen wird mit zivilem Ungehorsam von Einzelnen und von Institutionen das Schlimmste verhindert (wie das zur Zeit in den USA geschieht bezüglich der unmenschlichen Ausweisedekrete). Kulturschaffende benötigen für ihre Arbeit zeitliche und räumliche Freizonen, welche ihnen durch finanzielle Unterstützung ermöglicht werden. Bei Verweigerung dieser Unterstützung wird es darum gehen, einerseits mit Protesten und Aktionen auf die Missstände aufmerksam zu machen, wie das ja in letzter Zeit bereits auf vielfältige und äusserst fantasievolle Weise geschehen ist. Aber es gilt wohl auch, sich nicht in einer Opferrolle zu verfangen, sondern sich dieser Freiräume – auch gegen Widerstände – aktiv zu bemächtigen.

Wie versteht die Philosophie den Begriff der «künstlerischen Freiheit»? Was beinhaltet sie und wo sind ihre Grenzen?

Pfäffli-Bachmann: Künstlerische Freiheit ist weniger eine Gegebenheit als vielmehr etwas, was man sich nimmt, ja sich nehmen muss! Oft wird sie als autonome Entfaltung des persönlichen Schaffens verstanden. Sie kann sich unter anderem auch als Aufbegehren gegen politische und gesellschaftliche Zwänge äussern. – Kunst, in allen ihren Ausprägungen, ist wohl immer dieser Akt der Freiheit. Grenzen künstlerischer Freiheit wären Verletzungen der Rechte Anderer, wie zum Beispiel das Persönlichkeitsrecht und die Privatsphäre.

Im Hinblick auf kultursoziologische Phänomene – wann werden Krisensituationen produktiv?

Pfäffli-Bachmann: Der Effekt einer Krisensituation zeigt sich oft als Politisierung – auch des kulturellen Feldes. Das ist nicht nur unproblematisch. Denn dabei besteht die Gefahr der Einschränkung des künstlerischen Freiraumes durch Instrumentalisierung.

«Möglicherweise könnten vor allem junge Kulturschaffende in andere Kantone abwandern».

Und was braucht eine lebendige und vielfältige Kulturszene in Luzern am dringlichsten? 

Pfäffli-Bachmann: Den Mut und das Durchhaltevermögen, trotz dieser Widrigkeiten weiterzumachen, den Weg der Kunst bedingungslos zu verfolgen. Und vielleicht hilft durchaus auch ein Blick über die regionalen Grenzen hinaus? Dort draussen lassen sich ja unter Umständen Verbündete finden?

Wagen Sie zum Schluss eine Zukunftsprognose für den Kulturkanton Luzern?

Pfäffli-Bachmann: Möglicherweise könnten vor allem junge Kulturschaffende, die auf staatliche Unterstützung angewiesen sind, um ihre Projekte überhaupt in Gang bringen zu können, in andere Kantone abwandern. Das hätte eine Verarmung der hiesigen Kulturlandschaft zur Folge. Wir können bloss hoffen, dass sich die Verantwortlichen noch eines Besseren besinnen beziehungsweise dass die Kulturschaffenden einen genügend langen Atem haben.

Heidi Pfäffli-Bachmann studierte an der Universität Luzern Philosophie und Religionswissenschaft. Sie ist Gründungsmitglied der philosophischen Praxis Luzern und unterrichtete an Gymnasien. Sie ist Mutter zweier erwachsener Söhne und lebt in Luzern.

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