Ein positives Beispiel von einem Live-Auftritt: Jamie Lidell im Luzernersaal am diesjährigen Blue Balls (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Ein positives Beispiel von einem Live-Auftritt: Jamie Lidell im Luzernersaal am diesjährigen Blue Balls (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Beats ab Band: Gilt Knöpfchendrücken als Live-Konzert?

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An Live-Musik ist heute immer weniger «live», weil Bands beim Personal sparen, den Musikern. So was kann man bald nicht mehr Konzert nennen, findet Kulturblogger Mario Stübi.

Mario Stübi

Ich gehe sehr gerne an Konzerte. Ob in Clubs, Sälen oder an Festivals wie das Blue Balls: Ich mag Live-Musik – wenn sie denn «live» ist. Und da sind wir schon beim Thema. Ich behaupte: Seit meinen ersten Konzertgängen als Teenager im Wärchhof, in der Schüür, am Funk am See oder im Hallenstadion hat sich das allgemeine Verständnis des Begriffs Konzert verändert. Drei Beispiele, bei denen für mich die Bezeichnung «live» nicht mehr zutreffend war:

Chromeo (Montreux Jazz Festival, 2010): Die zwei Kanadier machen grossartigen Boogie-Funk aus den 80ern im zeitgenössischen Pop-Gewand und haben sich damit im Geschäft eine eigene Kategorie geschaffen. Ich hab mich sehr auf eine tanzbare Live-Umsetzung gefreut, aber was sehe ich da? Die funky Beats kommen alle auf Knopfdruck und klingen wie auf ihren CDs, P-Thugg und Dave 1 unterstützen nur da und dort mit Gitarre, Bass oder Keys und singen. Und das in Montreux? Enttäuschend. Die Performance ist online, damit klar ist, was ich meine.

Jessy Lanza (Papiersaal Zürich, 2016): Sie, an ihren Tastengeräten und am Gesang, unterstützt von einer Drummerin mit Schlagzeug und Drum Pads. Nur zwei Personen für diese vielschichtigen, anspruchsvollen Postmodern-R&B-Produktionen? Es war natürlich zu wenig, das Grundgerüst kam ab Band, live darüber die Akkorde plus die Drums – wobei sich diese als Playback erwiesen haben: Die Drummerin hat aus Versehen einen ihrer Sticks fallen lassen, der Beat stampfte derweil aber munter weiter. Fail.

Slow Magic (Funk am See Luzern, 2014): Eine der schlechtesten Performances überhaupt musste ich an dem Festival erleben, das ich früher selber mitorganisiert habe (seufz). Die Instrumental-Tracks des Amerikaners liefen allesamt fixfertig von seinem MacBook. Mit der Software hat er teilweise Klänge verändert oder Übergänge erzeugt, vor allem hat er aber dazu getrommelt, was das Zeug hält – und immer gleich klang. Dass er sich nach jedem Stück seine Riesenmaske zurechtrücken musste, um zu sehen, wo Play zu drücken ist, war das Tüpfli auf dem i. Lausig. Dafür hat die Menge getanzt wie an einer Party mit DJ.

 

Slow Magic
Slow Magic

Klänge müssen nachvollziehbar ausgelöst werden

Die Musik dieser Künstler sagt mir zu, aber ihre Konzerte besuche ich bestimmt nicht wieder, es sei denn, sie sind mit einer Band unterwegs. Man könnte jetzt entgegnen, dass gewisse Studioproduktionen zu komplex sind und 14 Nasen oder mehr benötigten, um live umgesetzt werden zu können. Wisst ihr was? Genau das verlange ich von einem Konzert und genau an solchen Konzerten war ich schon.

Eine Horde Musiker, die im Zusammenspiel einmalig und in dieser Form unwiederholbar harmonische Klänge herstellt, und dies fürs Publikum nachvollziehbar (oder zumindest sichtbar). Es geht nicht darum, dass sämtliche Sounds auf der Bühne neu produziert werden müssen, sonst wäre ja auch ein E-Piano tabu. Aber ich will als Besucher einer Live-Show, dass sie zumindest einzeln manuell ausgelöst werden und ich das sehen kann. Aber dafür braucht es halt Hände.

Warum nicht mehr Musiker auf der Bühne?

Und dass immer weniger Hände bzw. Köpfe auf Bühnen stehen, kritisiere ich. Konzerte müssen sich mangels Einnahmen aus dem Verkauf ihrer Musik für Künstler wirtschaftlich immer mehr lohnen, weshalb die Kosten einer Show tief gehalten werden müssen. Und wo spart es sich am effizientesten? Beim Personal, sprich weniger Musiker. Deren Jobs übernehmen Computer mit Software wie Ableton Live. Playback wäre oft die treffendere Bezeichnung.

Bin ich mit dieser Haltung etwa einfach zu alt? Ist die Digitalisierung auch im Konzertbusiness schulterzuckend hinzunehmen? Ich kann die Entwicklung nicht beeinflussen, aber meine Konsequenz dieser Ernüchterung ist, dass ich mich vor dem Ticketkauf sehr genau informiere, was mich erwartet bzw. mit welcher Besetzung ein Act auftreten wird. Natürlich geht das nicht immer, ausserdem lasse ich mich eigentlich ganz gerne überraschen. Aber mit etwas Recherche lassen sich zumindest grosse Enttäuschungen verhindern.

Software ist noch nicht spontan

Genug gejammert, jetzt ein paar positive Beispiele. Ich mag Musiker (!) wie Ed Motta, Dam-Funk, Klaus Johann Grobe oder Jamie Lidell, deren Konzerte in der Nähe ich wenn immer möglich besuche, weil jeder ihrer Gigs anders ist. Songs können während der Performance so oder anders gespielt werden, verlängert, abgekürzt oder zum Spass in einer anderen Tonart. Gute Musiker können das, sie sind eben Musiker und keine Laptop-Performer, sie schauen sich an, kommunizieren analog, wechseln das Tempo, die Abfolge, und vor allem: solieren, so lange ihnen danach ist. Das kriegt bis heute noch keine Software in dieser Spontaneität hin. (Und was Software auch noch nicht kann: Witze erzählen zwischen zwei Stücken. Wie Polo Hofer an seinen Gigs.)

Gerade Lidell hat am Samstag im KKL erneut bewiesen, dass auch komplexe Elektro-Tracks mit einer Standardbesetzung, Einfallsreichtum und Spielfreude problemlos in der gleichen Wucht daherkommen können wie ab CD zu Hause. So geschehen beim perkussiven Synthesizer-Gewitter When I Come Back Around, wunderbar nervös umgesetzt mit Drums, Keys/Hammond, Bass, Gitarre und Lidell am Gesang. Wer macht es ihm nach?

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