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Blog Musik
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In ihrem ersten Blog schreibt Nadine Rumpf, Programmverantwortliche im Luzerner Südpol, wie wichtig Networking für ihre Arbeit ist – und was der Alkoholkonsum damit zu tun hat. 

Nadine Rumpf

Seit ich in der Musikszene arbeite, denken meine Freunde, dass ich meine Arbeitszeit damit verbringe, Konzerte zu besuchen und viel Bier zu konsumieren. Obwohl ich nicht das Gefühl habe, dass sich die Alkoholgewohnheiten von Musikschaffenden von anderen unterscheiden, besuche ich tatsächlich sehr viele Shows. Zum einen möchte ich Künstler live erleben und zum anderen vor allem die Leute kennenlernen, die dort arbeiten. Zusammengefasst heisst das: «Networking».

«Networking» ist ein essenzieller Bestandteil meiner Arbeit, denn schliesst man erst einmal Freundschaft, vereinfacht sich die geschäftliche Kollaboration dahinter. Jedoch darf dem Wort Freundschaft in diesem Fall nicht immer zu viel Bedeutung gegeben werden, denn sind wir einmal ehrlich: das Musikbusiness inkarniert die Coolness schlechthin und dementsprechend bleiben auch diese «Freundschaften» oft sehr «cool».

 Das Musikbusiness inkarniert die Coolness schlechthin und dementsprechend bleiben auch diese «Freundschaften» oft sehr «cool».

Um das Networken zu vereinfachen, werden immer wieder Festivals veranstaltet, an denen sich die ganze Szene trifft. So zum Beispiel auch am alljährlichen M4Music, das Anfangs April im und um den Schiffbau Zürich stattgefunden hat. Dieses Datum ist der wichtigste Termin all jener, die in der Schweizer Musikszene tätig sind oder das zumindest von sich behaupten. Natürlich stehen an diesen Anlässen die Showcases im Vordergrund, um die lokalen und internationalen Stars von morgen zu präsentieren.

Das Klassentreffen der Schweizer Musikszene 

Neben all den Musikfans die sich ein Ticket für das Festival ergattern, treffen sich auch über tausend Musikarbeitende, welche sich zum alljährlichen Klassentreffen chic machen. So traf ich zum Beispiel das Team Schüür, das Team B-Sides und das Team vom Radio 3-Fach, die Labels Red Brick Chapel und Little Jig und Musiker wie Long Tall Jefferson und GeilerAsDu.

Für mich war es das erste Mal, dass ich am M4Music dabei sein durfte. Ich kenne solche Conventions nur aus meiner Zeit in Frankreich und bewegte mich deshalb an jenem Freitagmittag mit einem etwas mulmigen Gefühl auf den Vorplatz des Schiffsbaus.

Aber ob Frankreich oder Zürich, das Vorgehen fürs Networking bleibt gleich und ich versuchte, ein bekanntes Gesicht in der Masse zu erkennen. Denn, kennt man jemanden, geht es ganz schnell. Man kann sich das wie eine Sogwirkung vorstellen in die man hineingezogen wird.

Der gemeinsame Nenner: die Bar

Diese Person stellt einem eine weitere Persönlichkeit vor, man verknüpft im Kopf möglichst schnell Name und Gesicht mit dem jeweiligen Arbeitsort, Küsschen links, Küsschen rechts, charmant lächeln. Man tauscht sich aus, fachsimpelt über das Musikgeschehen und die aktuelle Kulturpolitik und lacht über Witze, die man eigentlich nur halb lustig findet. Bald verlagert man sich dann an den gemeinsamen Nenner: die Bar.

Denn, es ist einfacher, cool hinter der Sonnenbrille lächelnd, 7 CHF für ein Bier auszugeben, als sich mit einer unangenehmen Stille konfrontiert zu sehen. Dankend und ohne Sonnenbrille, dafür mit den obligaten Augenringen von der Nacht zuvor, lässt man sich einladen. Gleichzeitig überlegt man, immer noch charmant lächelnd, wie sich das Gespräch elegant beenden lässt. Zu sagen hat man sich im Moment tatsächlich nichts mehr, doch zugeben würde das niemand.

Während ich den ersten Tag damit verbrachte, Nadine und Südpol Luzern auf verschiedene Arten zu betonen und zu erklären, stand ich am zweiten Tag voller Mut wieder auf der Matte vor dem Schiffbau. Nun kannte ich viele Leute und die Angst vor dem alleine Herumstehen hatte ich hinter mir gelassen. Man diskutiert über die must-have Bands, man erfährt welchem Booker man vertrauen darf und bei wem man garantiert über den Tisch gezogen wird.

Hinter Coolness und Lederjacke

Nach zwei Tagen M4Music stand ich erschöpft an einem Konzert und fragte mich, ob die neuen Freunde an meiner Seite tatsächlich nur oberflächliche Geschäftspartner werden oder ob sich vielleicht trotzdem ein paar Freundschaften ergeben. Denn hinter Coolness, Lederjacke und Sonnenbrille verstecken sich oft tolle Menschen, die, genau wie ich, froh sind, dass man nach dem dritten Bier einfach sich selbst sein kann.

Ironischerweise dachte ich in diesem Moment an all jene, die sich vorstellen, dass ich meine Arbeitszeit mit Konzerten und Bier verbringe. Ich denke immer noch nicht, dass es in der Musikbranche einen höheren Alkoholkonsum gibt als anderswo, aber es macht das Networken definitiv einfacher.

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