Luzerner Fasnächtler am Güdismäntig. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Luzerner Fasnächtler am Güdismäntig. (Bild: Emanuel Ammon/AURA)

Ein immer seichteres Gesamtbild der Luzerner Fasnacht

5min Lesezeit

Die Luzerner Fasnacht ist ein wichtiges Kulturereignis für kreatives Schaffen. In ihrer heutigen Ausgestaltung sei sie aber lahm, findet Blogger Mario Stübi. Wo bleibt das Ungewohnte und Irritierende?

Mario Stübi

Die Luzerner Fasnacht ist ein jährliches Kulturereignis mit grösstmöglichem Identifikationscharakter für die hiesige Bevölkerung und Motor eines vielfältigen Kreativschaffens während des Jahres von Gross bis Klein. In ihrer heutigen Ausgestaltung finde ich sie aber – gemessen an ihrem Publikumserfolg – erstaunlich lahm.

Ob ich Fasnächtler bin? Hm, auf einer Skala von 1 bis 10 würde ich mich bei 4 einstufen: Seit Kindesbeinen bin ich jedes Jahr dabei, heuer sogar erstmals am Urknall (ich verabscheue frühes Aufstehen). Ich finde Verkleiden lustig (Budget pro Sujet um die 50 Stutz, darum Brockenhäuser bevorzugt), mag sämtliche Kombinationen von Kafi, Tee und Obstbränden (mit Schlagrahm obendrauf!) und schnorre gerne dummes Zeug mit Hinz und Kunz in den Gassen und Beizen der Altstadt. Selbstreflektierend sollte ich mich mit Fasnachtskritik also nicht zu weit aus dem Fenster lehnen. Gleichzeitig bin ich Einheimischer und somit automatisch Teil der fünften Jahreszeit. Was stört mich also daran?

Organisatorische Normierung

Zum Beispiel, dass dieser Volksanlass seitens der Verantwortlichen durch und durch eine Männerdomäne ist (oder sind die Verantwortlichen des Lozärner Fasnachtskomitees, der Zunft zu Safran, der Wey-Zunft, der Maskenliebhaber-Gesellschaft und der Fidelitas Lucernensis etwa nur als Typen verkleidet?). Oder dass sich die gesellschaftspolitische Aussagekraft der vielen Sujets an den Umzügen mit «brav» bis «irrelevant» zusammenfassen lässt. Wenn Flachheit einen Höhepunkt haben kann, ist es die Fasnachtszeitung Knallfrosch – zuverlässig, jedes Jahr (zentralplus berichtete). Und dass ich eine organisatorische Normierung feststelle, einen Verlust an inhaltlicher Vielfalt. Ich möchte dies an drei Beispielen veranschaulichen.

  • Ausgelagerte, professionelle Herstellung von Grinden und Kostümen statt Eigenkreationen: Wenn Berufs- und Familienleben die Woche komplett vereinnahmen und Vereinsengagements mehr belasten denn beflügeln, müssen Kleid und Grind der Guuggenmusig halt bestellt werden statt gebastelt.
  • Wey-Tagwache nicht mehr auf dem Löwenplatz: 2013 hat der Start in den Güdismontag auf den Kapellplatz gewechselt. Dieser Ort hat zwar nichts mehr mit der Herkunft der Zunft zu tun, liegt aber näher am Bahnhof und ist damit für Auswärtige bequemer zu erreichen.

«Ein immer seichteres Gesamtbild der Luzerner Fasnacht.»

  • Rüüdige Samschtig immer publikumsintensiver: Gäbe es das Monsterkonzert am Güdisdienstag nicht, der Samstag davor würde ihn gemessen am Volksaufkommen überflügeln. Meine Erklärung dafür geht mit Punkt 1 einher: So eine Feierei unter der Woche steht quer in der Landschaft einer durchgeplanten 100-Prozent-Job-und-Familien-Woche, darum lieber den üblichen Ausgangsmodus eines gewöhnlichen Wochenendes wählen mit Auskatern am Sonntag.

Keine Umkehrung des Alltags mehr

Diese Sammlung an Eindrücken mündet für mich in ein immer seichteres Gesamtbild der Luzerner Fasnacht, immer weiter weg von verändernder Kreativität, Umkehrung des Alltags oder vom «grössten und längsten kulturellen Freiraum dieser Stadt», wie es Joël Mayo, langjähriges Mitglied der Fasnachtsgruppe Domus, am letzten Neubad Talk schön auf den Punkt brachte. Die Fasnacht spielt sich vielmehr nach dem immer gleichen Muster ab. Oder warum ist das «Stöhrspiel» heute immer noch so verdammt lustig wie vor über 15 Jahren, als es auf Radio 3FACH über den Äther ging?

Zeitpunkt für Neues noch nie so günstig

Aber Schluss mit dem Geklöne und Gejammer. Fasnacht ist Tradition und ohne Menschen keine Tradition. Fasnacht ist in erster Linie also du, ich, wir alle. Und wir alle sind es, die sie verändern können, wenn wir denn wollen. Ich wünschte mir darum für 2018 mehr Innovation, mehr Ungewohntes, Irritierendes und Störendes und weniger alles in gewohnten Bahnen.

Als mittelmässiger Fasnächtler kann ich nicht sagen, was das sein könnte. Aber es gibt so viele Kultur- und Kreativschaffende, die aus Desinteresse dem närrischen Treiben fernbleiben. Der Zeitpunkt, Neues in diesen Brauch einzubringen, war noch nie so günstig. Überrascht mich und die ganze Fasnachtsgesellschaft!

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