Eine Familie, welche immer da ist, als Privileg. (Bild: zvg)
Blog

Eine Familie, welche immer da ist, als Privileg. (Bild: zvg)

3min Lesezeit

Gestern teilte eine gute Freundin auf Facebook ein Foto ihres schon perfekt geschmückten Weihnachtsbaumes in der Stube. Sie fragte dazu, wer an Heiligabend noch allein sei. Diese Menschen seien herzlich eingeladen, bei ihnen zu feiern, man möge sich via PN bei ihr melden.

Jolanda Spiess Hegglin

Meine Freundin ist reformierte Pfarrerin, trotzdem, was für eine grossartige Geste!

In einer Zeit, in welcher die Durchschnittsschweizerin gestresst von einem Termin oder Weihnachtsessen zum anderen hetzt, immer in der Angst, das Wunschgeschenk fürs Wunschkind nicht mehr zu bekommen, weil vielleicht jemand anderes schneller war. Oder getrieben vom Anspruch, die schönste aller Weihnachtsbeleuchtungen an der Hauswand installiert zu haben, auch wenn es, wie bei unseren Nachbarn, schlussamend leuchtet und in Regenbogenfarben viermal pro Sekunde blinkt wie in einer aserbaidschanischen Disco.

Geht das allen Eltern so?

Irgendwie ist es bei mir jedes Jahr ähnlich. Trotz einer riesigen Vorfreude ist die Adventszeit eine Zeit von Hektik und Ansprüchen. Jedes Jahr nehme ich mir vor, den Teig für ganz viele verschiedene Guezli mit den Kindern selbst zu machen. Jedesmal kaufe ich ihn mit einem tiefen Seufzer dann trotzdem in der Migros. Hauptsache, die Kinder haben Freude am Ausstechen, auch wenn ich nach dem Backen jedes Mal die Küche renovieren muss.

Und der jährliche Gang zum Toys‘r‘us in Ebikon endet jedes Mal knapp vor einem Nervenzusammenbruch.

Termine für Adventsbasteln, Krippenspielproben, Musikaufführungen, Pfadiweihnachten. Und schliesslich noch den Geburtstag des Tochterkindes mitten in der Vorweihnachtszeit. Die Vorstellung eines Advents mit viel Zeit, Wärme und Ruhe ist irgendwie überholt. Leider. Geht das allen Eltern so?

Eine kleine Flamme

Mir fällt die Geschichte des Hirten Simon ein, welche uns unsere Kindergärtnerin Sr. Grazia vor 30 Jahren erzählt hat. Simon war auf der Suche nach einem verlorenen Schaf und hatte eine Laterne mit vier Kerzen. Er machte anderen Menschen eine Riesenfreude, indem er das Licht weiterverschenkte. Kein Lego, keine HotWheels, nein, ein Licht. Eine kleine Flamme. Wärme und somit auch Freude. Wo wir wieder bei meiner Freundin, der Pfarrerin, wären, welche einsamen Menschen Licht, Wärme und einen Ort zum Weihnachten feiern weiterverschenkt.

Auch wenn ich, so glaube ich, niemanden in meinem näheren Umfeld kenne, welcher alleine Weihnachten feiern muss, so gibt es auch bei uns viele einsame Menschen, bei welchen die Stube nicht so warm ist wie bei uns. Das tut mir leid.

Eine Familie, welche immer da ist, auch wenn alles manchmal viele Nerven kostet, ist mein Privileg. Ich merke sogleich, dass ich mir selbst das grösste Geschenk mache, wenn ich ab und an ein paar Gänge zurückschalten würde. So wird das auch was mit Wärme, Ruhe und Familienzeit.

Termine absagen, Tee kochen, Wolldecke ausbreiten, Wlan deaktivieren, zurücklehnen und dann den drei Kindern die Geschichte des Hirten Simon vorlesen.

Eine besinnliche Weihnachtszeit euch allen!

Aus dem zentralplus Blog Jolanda Spiess: Jetzt reicht's

ZUR BLOGÜBERSICHT
x
Ist Ihnen unabhängiger Journalismus etwas wert? Mit Ihrer Unterstützung helfen Sie zentral+, Beiträge wie diesen zu realisieren.

MEHR AUs diesem Blog