Eine Familie, welche immer da ist, als Privileg. (Bild: zvg)
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Eine Familie, welche immer da ist, als Privileg. (Bild: zvg)

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Neulich, an einem sonnigen Morgen in einem ländlichen Kanton, auf einer Staatsanwaltschaft. Wegen «Ä dümmeri Scheeesäää as die muesch sueche» und «Uf die sölled mal es dutzend Chüe abäschiiisse» hatte ich Anzeige erstattet. Ich rechnete mit fast allem. 

Jolanda Spiess Hegglin

Der Staatsanwalt, ein grosser Mann mit kinnlangen, schnurgeraden braunen Haaren, bat mich ins Verhörzimmer. Auf dem Weg dorthin war auf der linken Seite ein Vorraum mit einem einzelnen Stuhl, auf welchem der Beschuldigte sass. Toni. Er erhob sich und streckte mir die Hand entgegen.

Ich stand wie versteinert da. Der junge Mann, keine zwanzig, war ein Stück kleiner als ich, trug kurze, rötliche Haare, volles Gesicht, eine Flaschenbodenbrille, hinter welcher ich seine Augen nicht sah, weil die Gläser von innen angelaufen waren, er schwitzte. Er trug ein Edelweisshemd, Hosenträger, darunter einen dicken Bauch. Und eine dunkelgrüne Bundfaltenhose, welche weit über dem Bauchnabel zugeknöpft war.

Er streckte mir noch immer die Hand entgegen, ich grüsste ihn freundlich, sein Händedruck war so kraftlos wie der eines Greises.

Was während dieser Sekunden, welche mir wie Stunden vorkamen, geschah, werde ich nie vergessen und schiesst mir jedes Mal, wenn ich einen Wutbürger anzeige, in den Kopf:

Ich schämte mich, den jungen Toni angezeigt zu haben. Ich schämte mich in den Boden. Es tat mir so leid, wie er dastand, vom Staat bestellt, und nun vom Staatsanwalt im Vorraum abgeholt und vorgeführt. Schuld daran war, in diesem Moment und aus meiner Perspektive, allein ich.

Tonis Gefühl von Gemeinschaft

Nach dem Personalienabgleich und einem fünfminütigen Vortrag des Staatsanwaltes, warum er zur Vergleichsverhandlung eingeladen hat und was hier erlaubt, nicht erlaubt oder erwünscht ist, gab er Toni das Wort.

Toni erzählte, dass er es schwer im Leben hatte und noch immer hat (dies erzählen übrigens 90 Prozent der Beschuldigten, welche ich an den Verhandlungen treffe). Er sei in der Schule stets gemobbt und verdroschen worden, das glaubte ich ihm sofort, die Situation war so authentisch, gleichzeitig aber doch so surreal. Und unerträglich. Darum mein Mitleid. Sein Vater sei Präsident der SVP im Dorf, er kenne halt nichts anderes, als über die Linken zu schimpfen. Und da ja alle seine Facebookfreunde (er nannte sie bloss «Fründe») über mich geschimpft hätten, habe er das auch gemacht. Er fühlte sich dazu gedrängt, auf Facebook mitzumachen, es den anderen gleichzutun. Dies habe ihm ein Gefühl der Gemeinschaft gegeben. Ihm war nicht bewusst, dass er virtuell dasselbe Verhalten an den Tag legte wie seine Schulkameraden früher auf dem Schulweg. Als sie den kleinen Toni gemobbt und verdroschen haben.

Ich konnte ihm unmöglich böse sein.

Er wolle demnächst den Hof und die Schnapsbrennerei des Vaters übernehmen. Mit einem Strafregistereintrag könne er das nicht.

Toni weinte.

Er nickte, immer wieder. Am Schluss sogar ganz energisch

Der Staatsanwalt und ich schauten uns mit grossen Augen an, ich schnappte nach Luft. Nun hatte ich das Wort. Ich nutzte meine 5 Minuten, um Toni zu erklären, was eine Filterbubble auf Facebook ist und wie er sich aus dieser virtuellen Gefangenschaft befreien kann. Andere Seiten abonnieren, die rechtsextremen Hetzerseiten disliken, alle Eidgenossen-Gruppen verlassen. Noch nicht gerade den Counterspeech wagen, doch aber immerhin andere Meinungen akzeptieren und vor allem: nicht gleich ausrasten. Es war ein Kurzvortrag in Demokratieverständnis, Staatskunde und Toleranz. Er nickte, immer wieder. Am Schluss sogar ganz energisch.

Der Staatsanwalt meinte nun, dass wir zum Schluss der Verhandlung kommen müssten und ich nun zu entscheiden hätte, was weiter geschieht. Strafbefehl (keinen Hof und keine Schnapsbrennerei für Toni) oder eine andere Lösung. Normalerweise frage ich in diesem Moment zurück, mit welchen Kosten der Beschuldigte im Fall einer Verurteilung zu rechnen hätte. Diesen Betrag, im Durchschnitt sind es tausend Franken, soll der Beschuldigte jeweils wohltätig spenden, worauf ich den Strafantrag dann zurückziehe, er also keinen Strafregistereintrag bekommt.

Bei Toni war alles anders, das war von Anfang an klar.

Unsere Vergleichsvereinbarung könne aus dem Versprechen von Anstand und der Schenkung einer Flasche Selbstgebranntem bestehen, schlug ich vor. Toni strahlte und unterschrieb den Vertrag, ich den Rückzug.

Der Sünneliaufkleber auf dem Subaru

Wir verliessen die Staatsanwaltschaft, er war sichtlich erleichtert, hat aufgehört zu schwitzen. Wir gingen zum nahe gelegenen Parkplatz, wo Toni seinen alten Subaru parkiert hatte. Er öffnete den Kofferraum und griff nach einer Literflasche selbst gebranntem Williams. Er hätte immer ein paar Flaschen dabei, sagte er. In dem Moment, als er mir die Flasche in die Hand drückte, schaute er beschämt an die Fahrertür, sein Strahlen im Gesicht war weg. An der Tür haftete ein überdimensionierter SVP-Aufkleber. Er sagte nichts dazu, aber Toni wirkte in diesem Moment noch viel jünger, als er ohnehin schon war. Er war verlegen, schaute nun auf den Boden. Er verabschiedete sich.

Als ich heute auf Tonis Facebookprofil war, bemerkte ich, dass er nicht mehr in den rechten Hetzergruppen drin ist. In keiner einzigen. Dafür zeigt er nun seinen Subaru auf dem Titelbild. Der Sünneliaufkleber ist weg.

Aus dem zentralplus Blog Jolanda Spiess: Jetzt reicht's

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