Kundgebung anfangs der 1990er Jahre auf dem Jesuitenplatz zugunsten Margaretha Reichlin, welche in den Grossen Stadtrat einzog und diesen 1994/1995 präsidierte. (Bild: SALU F2 PA 017/1154, Fotografin unbekannt)
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Kundgebung anfangs der 1990er Jahre auf dem Jesuitenplatz zugunsten Margaretha Reichlin, welche in den Grossen Stadtrat einzog und diesen 1994/1995 präsidierte. (Bild: SALU F2 PA 017/1154, Fotografin unbekannt)

1991: «Wenn Frau will, steht alles still»

4min Lesezeit

Der Frauenstreik steht kurz bevor und während in diesem Moment Transparente bemalt werden, argumentieren andere, dass die Gleichberechtigung schon lange erreicht sei. Der Frauenstadtrundgang Luzern erzählt die fiktive Geschichte, wie Irene 1991 in den nationalen Frauenstreik zog und was alles danach mit der Gleichberechtigung passierte.

1991: 700 Jahre Eidgenossenschaft, 20 Jahre Frauenstimmrecht und 10 Jahre Gleichberechtigungsartikel in der Verfassung. Doch die Schweizer Frauen haben nicht vor, nur freudig mitzuwirken und alsdann steht am 14. Juni 1991 die Schweiz auf dem Kopf.

Der Frauenstreik mobilisiert Hunderttausende, sich gegen Ungleichheit in allen Bereichen des Lebens auszusprechen und dafür auf die Strasse zu gehen – auch in Luzern. Nebst dem Streikmotto «Wenn Frau will, steht alles still» kann man in der Stadt beispielsweise «Gleicher Lohn für gleichwertige Arbeit», «Alleinstehende = Ausbeutmaterial» oder «Gleichberechtigung als Chance für die Welt» lesen.

Irene steht am 14. Juni 1991 im violetten T-Shirt auf der Rathaustreppe und streikt. Wenige Jahre später steht sie wieder auf der Strasse und tut ihrem Unmut kund. Diesmal fordern sie und ihre Kolleginnen konkret mehr Frauen in der Politik. Obwohl Irene seit Ende der 1980er die Frauenliste Luzerns wählt, ist ein Gleichgewicht in der Regierung noch lange nicht in Sicht. 1995 kann Irene Luzerns Unabhängige Frauenliste für den Nationalrat zum letzten Mal wählen, danach gibt es sie nicht mehr und die originellen Plakate verschwinden aus der Öffentlichkeit.

Brunner-Effekt wirkt in der Politik

Die 1990er Jahre sind nachhaltig vom sogenannten «Brunner-Effekt» geprägt – wodurch sich der Frauenanteil in der Politik steigern kann. Die Genferin Christiane Brunner, auf deren Nachnamen der Effekt anspielt, ist, federführend beim Streik 1991 und 1993, die offizielle Bundesratskandidatin der SP. Doch die Wahl fällt auf einen Herrn, woraufhin Hunderte auf dem Bundesplatz protestieren und der Gewählte auf sein Amt verzichtet. Auch in Luzern kann man in den Folgejahren der unrühmlichen Bundesratswahl Kundgebungen beiwohnen.

Durch die Erlassung des Bundesgesetzes über die Gleichstellung von Frau und Mann wird 1995 eine wichtige gesetzliche Grundlage gegen Diskriminierung am Arbeitsplatz geschaffen, wozu ein Verbot sexueller Belästigung gehört. Ebenso bildet es die rechtliche Grundlage zur Durchsetzung von Lohngleichheit. Irene arbeitet mittlerweile in einem Treuhandbüro als Sachbearbeiterin mit fast ausschliesslich weiblichen Kolleginnen, in der Chefetage bestimmten drei Männer, wie die Geschäfte zu führen sind.

Vermehrt Frauen an Hochschulen

Das Gleichstellungsbüro des Kantons Luzern widmet sich seit 1995 der Beseitigung von direkter und indirekter Diskriminierung und will mehr Chancengleichheit schaffen. Unter anderem unterstützen deren Projekte die Vereinbarkeit von Familie und Erwerbsarbeit.

Irene arbeitet weiter, versucht sich politisch zu engagieren und stellt sich sehr wohl die Frage, ob ihr dieser Lebensweg Kinder erlaubt. Sie legt Geld zur Seite und ermöglicht sich ein Studium. Seit den 1990ern studieren immer mehr Frauen, sodass 2009 das erste Mal weniger Männer an Schweizer Universitäten immatrikuliert sind.

Luzern hat ebenfalls seit den 1990ern in höhere Bildungseinrichtungen investiert und kann so zu diesen Zahlen beitragen. Im Jahr 2004 zählt die Universität Luzern erstmals über 1’000 Studierende – die 999., die 1000. und die 1001. Immatrikulierten waren Frauen.

Zwischenzeitlich, 2003 – und just auf ihren Abschluss – wird die Mutterschaftsentschädigung beschlossen, die über 14 Wochen 80 Prozent des durchschnittlichen Einkommens vor der Geburt zusichert. Eine Regelung, die ebenfalls in den 1990ern intensiv diskutiert wurde, erstmals Früchte trug und neue Sicherheiten für Frauen in der Gesellschaft versprach.

Sprung in die Gegenwart

Irenes Geschichte endet hier und damit auch der kurze Ausflug in die 1990er. Schweizer Frauen können seither neue Möglichkeiten nutzen. Gleichzeitig bleiben Hürden bestehen und Forderungen unerfüllt, wie Irenes Anliegen – angemessene Vertretung der Geschlechter in der Politik oder Vereinbarkeit von Familie und Karriere.

Deshalb wird Irene nun mit ihrer Tochter am 14. Juni 2019 wieder im violetten T-Shirt auf der Rathaustreppe stehen. Und streiken. Die strukturelle Ungleichheit zwischen Frau und Mann und die vielen Anliegen, die alle Streikenden am kommenden Freitag zeigen, woran zukünftig noch gearbeitet werden muss.

Das Buch «Frauenbewegung, Die Schweiz seit 1968» und das Bundesamt für Statistik dienen als Quelle für den Text.

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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