Bild 1: Pussyhat von Virgina Köpfli, 2017, Sammlung Museum Burg Zug
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Bild 1: Pussyhat von Virgina Köpfli, 2017, Sammlung Museum Burg Zug

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Nein, nicht schon wieder! Diese pinkfarbene Mütze haben wir nun schon oft genug gesehen. Die wollene Kopfbedeckung mit den zwei Katzenöhrchen war im vergangenen Jahr in unterschiedlichsten Medien fast täglich präsent. Und überhaupt ­ – was hat ein solches Objekt in einem kulturhistorischen Museum zu suchen?

Museum Burg Zug

«Get that pink pussyhat! Why museums can’t get enough protest art»

Dieses Statement war im «Guardian» vom 28. März 2018 zu lesen. Es ist ein Aufruf an Kuratorinnen und Kuratoren, Objekte aus Protestbewegungen aktiv in die eigenen Bestände aufzunehmen. Einen Pussyhat für die Sammlung angeschafft haben gemäss Guardian bisher das Victoria & Albert Museum und das Design Museum in London, das Smithsonian’s National Museum of American History in Washington DC, die New York Historical Society und die Glasgow Women’s Library. Das Museum Burg Zug ist dem Aufruf des Journalisten brav gefolgt – aus guten Gründen, denn die pinkfarbene Kopfbedeckung erfüllt die Kriterien des Sammlungskonzeptes geradezu idealtypisch. Wie kommt das?

Der Pussyhat wurde von der Zugerin Virgina Koepfli am Samstag, 18. März 2017, am March of the Women in Zürich als Protest gegen die frauenverachtenden Äusserungen des amerikanischen Präsidenten Donald Trump bzw. dessen Inauguration am 20. Januar 2017 in Washington, getragen. Die damals 22-jährige Koepfli war Mitorganisatorin des Protestmarsches in Zürich, stammt aus der Gemeinde Hünenberg (ZG) und hat die wollene Mütze gemäss mündlicher Auskunft zusammen mit ihrer Mutter für den nationalen Protestmarsch gestrickt. So vereinigt sich in diesem Objekt Welt-, Schweizer- und Zuger Geschichte in idealer Weise. Ein Glücksfall.

Bild 2: Kopfbedeckung Hinderfür, 18. Jahrhundert, Sammlung Museum Burg Zug
Bild 2: Kopfbedeckung Hinderfür, 18. Jahrhundert, Sammlung Museum Burg Zug

Ein Kilogramm Pelz auf Frauenköpfen

Während der Pussyhat weniger als hundert Gramm wiegt, können andere Kopfbedeckungen in der Sammlung Museum Burg Zug gerne schon mal ein Kilogramm wiegen. Haben Sie schon einmal etwas von einem sogenannten «Hinderfür» gehört? Einer Kopfbedeckung für Frauen im 17. und 18. Jahrhundert? In anderen Kantonen wurde das Statussymbol wohlhabender Frauen auch Brämikappe, Bräuikappe, Bräwikappe oder Brawekappe genannt. Die Trachtenforscherin Julie Heierli (1859-1938) deutete den Begriff im Kontext des Dialektwortes «z’hinterfür» (verkehrt, verdreht, das Hintere vorn, das Letztere zuerst, auch verrückt). Darüber hat die Kunsthistorikerin und Museumsleiterin im Schloss Jegenstorf, Murielle Schlup, in einem Blog des Landesmuseums informativ berichtet.

Im Depot der Sammlung des Museum Burg Zug lagern acht Exemplare. Die Objekte sind rund 40 cm hoch und 30 cm breit, meist aus Wolle- oder Leinenfransen gefertigt, mit Holzwolle ausgepolstert, mit schwarzem oder braunem Samt oder Goldbrokat verziert oder auch mit Perlen bestickt. In Zürich ist das Tragen von diesen «gezierte[n] sammetene[n] hinderfür / sampt den darunter herfür stehenden grossen spitzen und kostlichen huben» im 17. Jahrhundert verboten worden. Dies zitiert Heierli aus dem Grossen Mandat von 1636 in ihrem Aufsatz von 1911. In Zug hat Regina Kolin (1670-1725) zumindest für eine Sitzung beim Zuger Porträtmaler Johannes Brandenberg (1661-1729) ein Hinderfür getragen. Dieses wirkt beinahe wie ein überdimensioniertes Accessoire:

Bild 3: Kopfputz weiblich: Bildnis Regina Kolin mit Hinderfür, Öl auf Leinwand, 1699, von Johannes Brandenberg (1661-1729), Sammlung Museum Burg Zug
Bild 3: Kopfputz weiblich: Bildnis Regina Kolin mit Hinderfür, Öl auf Leinwand, 1699, von Johannes Brandenberg (1661-1729), Sammlung Museum Burg Zug

Oft sind die Kappen auch mit Pelz bestückt (verbrämt!) worden. In der Sammlung des Schweizerischen Nationalmuseums befindet sich ein «Marder-Hinterfür», das im vergangenen Jahr in der Sonderausstellung «Unsere Frauen» im Schloss Jegenstorf gezeigt worden ist.

Bild 4: Kopfputz männlich: Grenadiermütze, auch Bärenfellmütze genannt, 1830-1840, Vorder- & Rückseite, Sammlung Museum Burg Zug
Bild 4: Kopfputz männlich: Grenadiermütze, auch Bärenfellmütze genannt, 1830-1840, Vorder- & Rückseite, Sammlung Museum Burg Zug

Ein Kilogramm Fell auf Männerköpfen

Aber nicht nur Frauen haben in vergangenen Zeiten hohe Kopfbedeckungen aus Fell getragen. In der Sammlung des Museums Burg Zug befindet sich – unbekannter Provenienz – eine Grenadiermütze, auch Bärenfellmütze genannt. Gemäss unserer Datenbank dürfte sie um 1830/1840 einem Grenadier eines Schweizerregimentes in französischen Diensten gehört haben.

Vorne an dieser Kopfbedeckung war ursprünglich einmal ein Messingschild angebracht, heute klafft da eine Lücke; auch der seitlich angebrachte Federstutz fehlt. Noch erhalten sind indes die weisse Troddel und die weisse Fangschnur. Letzteres ist eine Kordel, die dazu diente, dass die Kopfbedeckung nicht verloren ging, bald schon aber zu einem reinen Abzeichen wurde.

Die Bärenfellmütze zeichnet bis heute Elite- oder Gardetruppen aus und wird in einigen Armeen auch heute noch zu zeremoniellen Anlässen getragen. Wie mit dieser Kopfbedeckung im Feld gekämpft worden ist, lässt sich unschwer erahnen: Die sehr hohe Mütze aus Fell war schwer, unhandlich und wärmte ziemlich. Trotzdem gab es sie in verschiedenen Armeen und in unzähligen Ausstattungsformen, wie zahlreiche Gemälde und Lithografien zeigen, unter anderem die des Schweizer Militärmalers und Hauptmanns Albert von Escher (1833-1905).

Bild 5: Verletzter Soldat mit einer Grenadiermütze, Lithographie, Charles Étienne Pierre Motte (1785 - 1836), Paris, 1. Hälfte 19. Jahrhundert, Sammlung Museum Burg Zug
Bild 5: Verletzter Soldat mit einer Grenadiermütze, Lithographie, Charles Étienne Pierre Motte (1785 - 1836), Paris, 1. Hälfte 19. Jahrhundert, Sammlung Museum Burg Zug

Grenadiermütze, Hinderfür oder Pussyhat – posieren, bluffen oder kämpfen – «Kriege gehören ins Museum», dies der Slogan auf der Webseite des heeresgeschichtlichen Museums in Wien. Kampfobjekte für einen gewaltlosen Widerstand gehören jedoch auf die Strasse und sind bei heutigen Sammlungskuratorinnen und Sammlungskuratoren im Kontext des «Aktiven Sammelns» gern gesehene Exponate.

P.S. Wer weiss, ob der Pussyhat am Nationalen Frauenstreiktag am 14. Juni 2019 wieder auftauchen wird?

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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