«Wir sind frei!!!», Zeichnung von Kalman Landau, 1945 Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich: Biografien und Sachthemen/78
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«Wir sind frei!!!», Zeichnung von Kalman Landau, 1945 Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich: Biografien und Sachthemen/78

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Kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen 374 junge Menschen aus dem befreiten Konzentrationslager Buchenwald in die Schweiz. Sie wurden als «Buchenwaldkinder» bekannt. 107 von ihnen verbrachten den Sommer 1945 im Jugendheim Felsenegg auf dem Zugerberg.

Museum Burg Zug

Wer erinnert sich nicht an das kleine Mädchen in Steven Spielbergs Film «Schindlers Liste», dessen roter Mantel als einziges Detail im Schwarzweiss-Film farbig ist? Oder an die berührende Geschichte von Stefan Jerzy Zweig, die unter dem Titel «Nackt unter Wölfen» als Roman und Film bekannt wurde? Die Brutalität des Holocaust ist an sich schon schwer zu ertragen. Erst recht, wenn es dabei um Kinder geht. Als amerikanische Truppen am 11. April 1945 das KZ Buchenwald befreiten, fanden sie im Lager über 900 Kinder und Jugendliche vor.

«Fon Heimat ins Lager», Zeichnung von Kalman Landau, 1945 Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich: Biografien und Sachthemen/78
«Fon Heimat ins Lager», Zeichnung von Kalman Landau, 1945 Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich: Biografien und Sachthemen/78

«Ich hatte fünf Jahr und acht Monate unter dem Naziregime gelitten. Das heißt, ich hatte keinen Zugang zur Bildung, zur Kultur oder ähnlichem. Nur Terror und Hunger, vom ersten Tag an. Ich durfte keine Schule mehr besuchen und meine ganze Jugend ging so dahin.»

Interviewaussage von Abram Kimelman, der 1945 auf den Zugerberg kam.

Buchenwald war bei Kriegsende mit 139 Aussenlagern und insgesamt 280‘000 Häftlingen das grösste Konzentrationslager. Als Auffanglager war es in den letzten Kriegsmonaten mit Häftlingen überfüllt worden, die beim allgemeinen Rückzug der deutschen Truppen vor der Roten Armee nach Westen transportiert worden waren. Im NS-Jargon waren dies «Evakuierungen», tatsächlich handelte es sich um «Todesmärsche».

Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten

Ende 1944 hatten Bundesrat und Parlament beschlossen, eine Hilfsorganisation für die Nachkriegszeit in Europa zu gründen: Die «Schweizer Spende an die Kriegsgeschädigten». Diese Organisation sollte humanitäre Hilfe und Wiederaufbauhilfe im kriegsversehrten Europa leisten. Das Vorhaben war nicht ganz uneigennützig. Wegen ihrer Flüchtlingspolitik sowie den wirtschaftlichen und finanziellen Verstrickungen mit Nazi-Deutschland während des Krieges war die Schweiz aussenpolitisch isoliert worden und hatte nach dem Krieg ein Imageproblem. Die Hilfsaktion erfolgte deshalb nicht nur aus humanitären Gründen, sondern auch aus politischem Kalkül.

«Die Befreiung in Buchenwald», Zeichnung von Henryk Reicher, 1945, Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich, Kinderzeichnung aus dem Nachlass Charlotte Weber/85
«Die Befreiung in Buchenwald», Zeichnung von Henryk Reicher, 1945, Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich, Kinderzeichnung aus dem Nachlass Charlotte Weber/85

Trotz allem handelt es sich bei der «Schweizer Spende» um die grösste Spendenaktion während des Zweiten Weltkrieges. Der Bund sprach rund 153 Millionen Schweizer Franken, weitere 47 Millionen kamen an Spenden aus der Bevölkerung und der Wirtschaft zusammen (durch die Verteilung der Broschüre «Unser Volk will danken»). Mit diesem Geld wurden Hilfsaktionen in 18 Ländern durchgeführt. An der sogenannten «Buchenwaldaktion» waren neben dem Schweizerischen Roten Kreuz (SRK) und dem Kinderhilfswerk auch die «Nothilfe- und Wiederaufbauverwaltung der Vereinten Nationen» (UNNRA) sowie verschiedene jüdische Organisationen beteiligt.

Die Aktion stand unter hohem zeitlichen und politischen Druck. Entsprechend chaotisch verlief die Planung. Zu Beginn erwartete man Kinder. Mit der Auswahl der Kinder wurde die SRK-Krankenschwester Elsbeth Kasser beauftragt. Vor Ort sah sie sich vor ungeahnte Schwierigkeiten gestellt: es gab in Buchenwald viel mehr ehemalige Häftlinge und Flüchtlinge als erwartet, deren Gesundheit musste mehr oder weniger nach Augenschein beurteilt werden, gefälschte Dokumente erschwerten die Identitäts- und Altersüberprüfung. So gelangten letztlich auch Jugendliche und junge Erwachsene im Alter von 18 bis 22 Jahren auf den Zug in die Schweiz.

«Wir sind frei!!!», Zeichnung von Kalman Landau, 1945 Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich: Biografien und Sachthemen/78
«Wir sind frei!!!», Zeichnung von Kalman Landau, 1945
Archiv für Zeitgeschichte ETH Zürich: Biografien und Sachthemen/78

An der Schweizer Grenze bei Rheinfelden (AG) wurden die Identität und Gesundheit der «Buchenwaldkinder» überprüft. Wenig sensibel hatten diese Kontrollen militärischen Charakter, die Gruppe wurde in Baracken hinter Stacheldrahtzäunen untergebracht und von Soldaten bewacht. Dann ging es für die männlichen Jugendlichen weiter ins Quarantänelager Gurnigelbad (BE), die Mädchen und jungen Frauen kamen nach Vaumarcus (NE).

Auf dem Zugerberg

Am 14. Juli 1945 erreichte die Gruppe aus 107 männlichen Jugendlichen das Heim Felsenegg auf dem Zugerberg. Dort begann sogleich die Aufarbeitung der erlittenen Misshandlungen durch Deportation, Vertreibung und KZ-Haft. Hierzu bildete man nach dem Familienprinzip kleine Gruppen mit zehn bis fünfzehn Jugendlichen, die von einer «Gruppenmutter» und einem «Gruppenvater» geleitet wurden (die selten viel älter als die Jugendlichen selbst waren). Den damaligen Gepflogenheiten entsprechend wollte man den jungen Menschen zunächst mit einem straffen Regime – einer Kombination aus Ordnung und Erziehung – den Wiedereinstieg in ein normales menschliches Leben ermöglichen.

Rasch erkannten die Betreuerinnen und Betreuer indes, dass autoritäre Strukturen kontraproduktiv waren. Sie setzten einen pädagogisch einfühlsameren Ansatz durch, mit dem die Jugendlichen wieder Vertrauen zu sich selbst gewinnen und zunehmend eigenständige Entscheidungen für ihr neues Leben zu treffen lernten. Gleichzeitig erhielten die Jugendlichen nach Jahren wieder Unterricht und konnten ihren Wissensdrang sowie die Lust am Spielen stillen – alles Dinge, die sie während Jahren nicht machen durften.

«Als wir nun diese halbwüchsigen Jungens sahen mit Stoppelbart und behaarten Beinen! , da wurde es uns etwas seltsam zu Mute, besonders wenn wir an unsere einstudierten Kinderlieder dachten. […] Bald merkten wir, dass es doch noch Kinder waren, trotz Stoppelbart und behaarten Beinen. Sie hatten einen Hunger nach Spielen – und ihre Kenntnisse im Rechnen und Schreiben waren gering. Andererseits waren sie durch die Erlebnisse in den Konzentrationslagern so reif, erfahren und ‚alt‘ geworden, das wir uns bemühen mussten, ihnen die Jugend wieder zu geben.»

Tagebucheintrag von Liselotte Walz, Betreuerin im Heim Felsenegg.

Einige Jugendliche hatten bereits in Buchenwald begonnen, die traumatischen Erfahrungen in Zeichnungen festzuhalten. Den Betreuerinnen wurde rasch klar, dass es sich bei diesen Zeichnungen um wertvolle Zeugnisse handelte. Mit ihnen konnte die Leidensgeschichte der «Buchenwaldkinder» dokumentiert und weitererzählt werden. Mit Zeichnen und Schreiben konnten die jungen Menschen aber auch ihre Erlebnisse verarbeiten. So entstanden unzählige Zeichnungen, Zeichnungsserien, Gedichte oder andere Texte, die von Deportation, KZ, Misshandlung, Folter und Tod handelten, aber auch die Befreiung und den Neubeginn thematisierten. Der kindliche Zeichenstil kontrastiert dabei stark mit der Darstellung der unmenschlichen Lebensbedingungen und dem täglichen Überlebenskampf im Lager.

Schluss

Mit engagiertem, grossem persönlichen Einsatz bauten die Betreuerinnen und Betreuer zu den jungen Menschen ein persönliches Verhältnis auf und setzten sich für sie ein. Eindrücklich spürt man denn auch in vielen Zeichnungen und Schriften eine grosse Freude und Dankbarkeit über die gewonnene Freiheit und die Möglichkeit, in der Schweiz und auf dem Zugerberg wieder Mensch geworden zu sein.

«Ihre Augen waren dunkel, ihre Gesichter hart und die Körper steif vom vielen Schlagen. […] Solche Kinder wurden uns anvertraut. Bei uns sollten sie ihre vergangen Jahre vergessen lernen, wieder Vertrauen an die Menschen gewinnen […]. Diese Menschen brauchen unendlich viel Liebe und Sonnenschein. Doch unser innerster Wunsch war, ihnen den guten Weg zu zeigen, ihnen zu leuchten – denn nicht mit zu hassen, mit zu lieben sind wir da […].»

Tagebucheintrag von Elly Forrer, Betreuerin im Heim Felsenegg.

Blick in die Ausstellung. Foto: Regula Bearth, ZHdK
Blick in die Ausstellung. Foto: Regula Bearth, ZHdK

Die Ausstellung Gezeichnet. Die «Buchenwaldkinder» auf dem Zugerberg ist noch bis zum 31. März 2019 im Museum Burg Zug zu sehen.

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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