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Eine Geschichte der Willkommenskultur in Luzern

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20'000 Ungaren fanden nach 1956 in der Schweiz eine neue Heimat. Luzern sollte maximal 700 Personen aufnehmen, die Ende November für eine dreiwöchige Quarantäne in die Kaserne Allmend gebracht wurden. Vor allem Schweizer Frauen engagierten sich stark, was bei den Ungarinnen zuweilen auf Befremdung stiess.

Vor über 60 Jahren empfing die Schweizer Bevölkerung Flüchtlinge aus einem anderen Land mit offenen Armen – Ungarn. Seit Ende des Zweiten Weltkrieges stand Ungarn unter sowjetischer Herrschaft. Viele Aufständische kämpften aber für Demokratie und Freiheit. Als es anfangs November 1956 unter anderem in Budapest zu blutigen Zusammenstössen zwischen der ungarischen Bevölkerung und der Roten Armee kam, starben innerhalb weniger Tage gegen 3'000 Menschen und mit dem Einmarsch der Sowjetarmee sahen sich 200'000 Ungarinnen und Ungarn zur Flucht gezwungen.

Die Schweizer gaben sich sehr solidarisch und hilfsbereit

Die Sympathie und Solidarität für die Flüchtenden war in der Schweiz, wie in vielen anderen Ländern auch, ausserordentlich gross. So fand in Luzern etwa vor der Hofkirche eine nächtliche Kundgebung statt, bei der auf Transparenten die Verteidigung der Menschenwürde und Freiheit gefordert wurde. Der Bundesrat beschloss die bedingungslose Aufnahme von 4'000 Personen, eine Zahl die später auf 10'000 erhöht wurde. Kurz vor dieser Entscheidung 6'000 Flüchtende mehr aufzunehmen, versandte der Bund Schweizerischer Frauenvereine ein Telegramm, in dem es unter anderem hiess:

«Die erschütternden Berichte über die Vorgänge in Ungarn – ganz besonders über die Deportation – lassen uns keine Ruhe. […] Da die Zahl der in Österreich Zuflucht suchenden Menschen immer grösser wird und unser Nachbarland um Hilfe ersucht, möchten wir bitten, alles zu tun, damit eine grössere Zahl von Flüchtlingen als vorgesehen, in unserem Lande Aufnahme finden kann. […] Wir wissen, dass die Schweizer Frauen alles tun werden, um eine umfassende Hilfsaktion zu unterstützen.»

Die Hilfsbereitschaft zeigte sich auch materiell in Form von zahlreichen Spenden aus der Bevölkerung. In Sammellagern im Werkhof Tribschen und in der Alten Kaserne Luzern stapelten sich diese «Liebesgaben». In Tag- und Nachtarbeiten wurden die Nahrungsmittel, Kleider, Geschirr, Spielzeuge und weitere Gegenstände vor allem von Frauenhand sortiert, verpackt und als Hilfspakete versandt. Neben Naturalienspenden fanden auch zahlreiche Sammelaktionen von Bargeld statt.

Nächtliche Kundgebung für Ungarn vor der Luzerner Hofkirche, aus Luzerner Tagblatt, Foto: W.Wyss, 6.November 1956, S.7.
Nächtliche Kundgebung für Ungarn vor der Luzerner Hofkirche, aus Luzerner Tagblatt, Foto: W.Wyss, 6.November 1956, S.7.

Bald schon wurden in Luzern die ersten rund 30 Personen – Familien und Ehepaare – aufgenommen. Die Organisation und Unterbringung der Ungaren wurde zunächst durch das Schweizerische Rote Kreuz übernommen. Gemäss der Planung des Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartements wurden die Flüchtlinge zunächst provisorisch in Heimen aufgenommen, danach mit Hilfe der kantonalen Behörden und Hilfswerken mit Wohnungen und Arbeitsstellen versorgt und im Folgenden weiterhin von unterschiedlichen Hilfswerken betreut.

Schliesslich wurde für die einzelnen Kantone ein Kontingent an Personen festgelegt und das Militär übernahm die Verantwortung für die zugewiesenen Personen. Luzern sollte maximal 700 Flüchtende aufnehmen, welche Ende November in die Kaserne Allmend für eine dreiwöchige Quarantäne gebracht wurden. Um die Kaserne wohnlicher zu gestalten, hatten vor allem Krienser Frauen auf den Tischen und Fensterbänken in den Zimmern und Korridoren Blumen aufgestellt.

Man rechnete damit, dass bereits drei Monate später allen ein Wohn- und Arbeitsort vermittelt werden konnte. Viele Luzerner boten zudem an, in ihren Wohnungen Flüchtlinge, vor allem Familien mit Kindern, aufzunehmen. Unter den Geflüchteten befanden sich auch viele Jugendliche, die man nicht isoliert in Familien unterbringen wollte. Im März 1957 gründete die Caritas deshalb eine Hausgemeinschaft im Jugendhaus St. Stephan in Meggen für die Geflüchteten im Ausbildungsalter.

«In Ungarn war ich eine Frau, in der Schweiz war ich nur eine Frau.»

Insbesondere Schweizer Frauen ergriffen also gemäss dem Rollenverständnis der mütterlichen und sich aufopfernden Hausfrau die Initiative bei verschiedenen Hilfsaktionen. Dieses Geschlechterverhältnis stiess bei den Ungarinnen zuweilen auf Befremden. Sie waren es gewohnt wie ihre Ehemänner ausser Haus zu arbeiten und empfanden die ungarische Gesellschaft als fortschrittlicher und gleichberechtigter. So kommentierte eine Ungarin etwa: «In Ungarn war ich eine Frau, in der Schweiz war ich nur eine Frau.» Eine andere Ungarin meinte: «Ich liebe die Arbeit sehr und ich wüsste nicht, was ich den ganzen Tag in meiner zweieinhalb Zimmer-Wohnung herumputzen sollte. Die Arbeit gibt mir einen Teil meiner inneren Erfüllung.»

Ungarisches Flüchtlingsmädchen mit geschenkter Puppe in Luzern 1956, aus Mondo Annoni (Hg.), Erinnerungen an Luzern 1955-1975, S. 27
Ungarisches Flüchtlingsmädchen mit geschenkter Puppe in Luzern 1956, aus Mondo Annoni (Hg.), Erinnerungen an Luzern 1955-1975, S. 27

Der Schweiz war es aufgrund der wirtschaftlichen Blüte und dem politischen – grösstenteils antikommunistischen – Klima des Kalten Krieges gelungen innerhalb kurzer Zeit über 20'000 Flüchtlinge aufzunehmen und zu integrieren. Inwiefern die Ungarinnen sich in den Arbeitsmarkt einbringen konnte, blieb jedoch unkommentiert.

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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