Anna Hunkeler-Bucheli, Fotografische Delinquenten-Sammlung, 23. Mai 1942 (Bild: Staatsarchiv Luzern, A 1116/3)
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Anna Hunkeler-Bucheli, Fotografische Delinquenten-Sammlung, 23. Mai 1942 (Bild: Staatsarchiv Luzern, A 1116/3)

Die Leiche im Ofen und der ausgestellte Kopf

10min Lesezeit

Kriminalgeschichten über Mord und Totschlag faszinieren viele Menschen. Weshalb begeistern wir uns fürs Abgründige? Und was steckt hinter den Einzelschicksalen? Der neue «Damals»-Blog handelt von zwei historischen Mordfällen aus dem Kanton Luzern.

Sibylle Gerber

Zwei ausgewählte historische Mordfälle aus dem Kanton Luzern − eine Köchin verbrannte ihre Hausherrin im Ofen, eine beliebte Lehrerin wird von einem italienischen Migranten auf dem Heimweg erdrosselt − widerspiegeln den Zeitgeist der jeweiligen Gesellschaft und deren Vorstellung von Recht und Unrecht.

Der grosse Tabubruch bleibt selten

Jede Gesellschaft legt Regeln für das einigermassen friedliche Zusammenleben fest, aber kaum jemand hält sich an alle geschriebenen und ungeschriebenen Gesetze. Es gibt kleinere Regelbrüche, die unentdeckt bleiben, dann hatte die kriminelle Person schlicht Glück. Dann wiederum gibt es Verstösse − Ladendiebstahl, Schwarzfahren, Betrug −, die angezeigt und bestraft werden. Nur selten kommt es zum grossen Tabubruch, der eine soziale Gemeinschaft für eine gewisse Zeit aus dem Gleichgewicht bringt: Mord oder Totschlag.

Statistisch gesehen waren 2016 nur gerade fünf Prozent aller schweizweit begangenen Verbrechen gegen das Strafgesetz Körperverletzungen oder gar Tötungsdelikte. Im Vergleich mit anderen Verbrechen ein zum Glück kleiner Anteil. Und trotzdem − oder gerade deshalb − üben Geschichten über Mord und Totschlag eine grosse Faszination auf viele Menschen aus. Das zeigt sich an den konstant hohen Einschaltquoten bei Krimis wie dem «Tatort», aber auch den Titelseiten der Boulevard-Medien.

Mordfall in Malters 1973
Mordfall in Malters 1973 (Bild: zvg)

Das Abgründige fasziniert

Auch wenn niemand selber in einen Mordfall verwickelt sein möchte: Das Abgründige fasziniert. Und diese Faszination ist keineswegs ein neues Phänomen. Seit jeher töten Menschen andere Menschen − und wurden diese Mordfälle medial ausgebreitet. Es scheint ein Bedürfnis zu sein, das Böse auszuloten und mitzuverfolgen, wie Polizei und Staatsanwaltschaft das Ungleichgewicht wieder in Balance zu bringen versuchen.

Es geht fast immer um die grossen Themen wie Liebe und Hass, um Geld und Macht, um Ansehen oder soziale Stellung.

Auch die Tatmotive gleichen sich: Es geht fast immer um die grossen Themen wie Liebe und Hass, um Geld und Macht, um Ansehen oder soziale Stellung. Was sich jedoch ständig wandelt, ist die Art und Weise, wie mit diesen Regelbrüchen umgegangen wird. Denn Kriminalität ist ein gesellschaftliches Konstrukt, das sich an den jeweils geltenden Normen und Werten orientiert.

Die Leiche im Ofen − der Mordfall Anna Hunkeler-Bucheli, 1942

Anna Bucheli aus Pfaffnau wuchs in ärmlichen Verhältnissen auf. Ihr Vater starb früh und die Mutter musste die Kinder ins Waisenhaus geben. Als Anna Bucheli aus der Schule kam, arbeitete sie an verschiedenen Orten als Magd. Später wird sie im Gefängnis angeben, unter ihrer Herkunft und der damit verbundenen Stigmatisierung gelitten zu haben:

«Habe […] manches annehmen müssen, hauptsächlich von den Kindern. Sagen durfte man nichts, sonst hiess es immer ‹Du bist ja vom Waisenhaus›. Es tut mir heute noch im Herzen weh, wenn ich an diese Zeit denke. […] Ich darf es offen und ehrlich sagen, wenn man von der Anstalt fortkommt, so darf man nichts sagen und sich nicht wehren, dann machen sie mit einem, was sie wollen.»

Anna Hunkeler-Bucheli, Fotografische Delinquenten-Sammlung, 23. Mai 1942
Anna Hunkeler-Bucheli, Fotografische Delinquenten-Sammlung, 23. Mai 1942 (Bild: Staatsarchiv Luzern, A 1116/3)

Mit Anfang zwanzig lernte Anna Bucheli Friedrich Hunkeler kennen und wollte mit ihm eine Familie gründen. Vermutlich sah sie in einer Heirat den Schlüssel für ein eigenständiges Leben. Für eine Heirat fehlten ihr allerdings die nötigen Mittel, um die Aussteuer, das heisst Möbel, Bettwäsche und Geschirr, kaufen zu können.

Also bestahl Anna Bucheli auf dem «Mattenhof» in Kriens, wo sie als Köchin arbeitete, die 50-jährige Marie Buholzer, Haushälterin und Schwester der beiden Mattenhof-Bauern. Damit der Raub nicht ans Tageslicht käme, ermordete sie am 15. Februar 1942 Fräulein Buholzer, indem sie den Kopf des Opfers gegen das Bettgestell schlug. Unbemerkt verbrannte sie die Leiche im Ofen und verstreute die Asche im Garten. Mit dem geraubten Geld erwarb sie unter anderem die nötige Aussteuer und heiratete nicht einmal zwei Monate nach der Tat Friedrich Hunkeler.

Tatort-Fotos, Mattenhof in Kriens , 15. Juni 1942
Tatort-Fotos, Mattenhof in Kriens , 15. Juni 1942 (Bild: Staatsarchiv Luzern, A 1613/23)

Die Angehörigen von Marie Buholzer vermuteten zunächst, die kränkliche Frau habe sich auf dem Weg zur Kirche im Schneesturm verirrt und sei verunglückt. Erst im Mai 1942 wurde Hunkeler-Bucheli verhaftet: Als einer der Mattenhof-Bauern bemerkte, dass in seinem Sekretär Geld fehlte, untersuchte die Polizei auch die Wohnung der Frischvermählten und fand das entwendete Gut. Vor Gericht änderte sie ihre Aussagen mehrmals; dabei versuchte sie auch, die Schuld auf ihren frischgebackenen Ehemann abzuwälzen – vergeblich. Im Frühling 1943 wurde sie zu lebenslanger Haft verurteilt; ihr Ehemann wurde vom Verdacht des Mordes freigesprochen. Der Versuch, mit dem geraubten Geld sozial aufzusteigen, war gescheitert.

Todesstrafe mit Guillotine − der Mordfall Ferdinando Gatti, 1891

Ferdinando Gatti war ein mittelloser italienischer Migrant, der in Luzern Arbeit suchte. Am 14. Januar 1891 überfiel er in der Nähe des Steghofes die 35-jährige Lehrerin Margaritha Degen, die auf dem Heimweg war. Er schlug sie nieder, durchsuchte sie nach Wertsachen und als er kaum etwas fand, vergewaltigte er sie und erdrosselte sie mit einem Strick. Danach zog er Mantel und Hut des Opfers über und floh verkleidet vom Tatort.

(Bild: Staatsarchiv Luzern, AKT 313/1956)

Gatti in den Kleidern des Opfers, Zeugengegenüberstellung, 1891
Gatti in den Kleidern des Opfers, Zeugengegenüberstellung, 1891 (Bild: Staatsarchiv Luzern, AKT 313/1956)

Die Polizei verhaftete Ferdinando Gatti noch am selben Abend, doch dieser leugnete beständig seine Tat. Er sei niemals am Tatort gewesen, jemand anders müsse die Tat begangen haben und sie ihm in die Schuhe schieben wollen. Trotz einiger Ungereimtheiten und einem fehlenden Geständnis wurde Gatti aufgrund der Indizienlage zum Tode durch die Guillotine verurteilt. Sein Begnadigungsgesuch beim Grossen Rat wurde deutlich abgelehnt. Kurz vor seiner Hinrichtung gestand er den Mord dann doch noch und führte als Grund seine finanzielle Notlage an:

«Wenn man im Elend ist, stiehlt man immer. […] An jenem Abend hatte ich wirklich die Absicht, jedem das Leben zu nehmen, wenn ich nicht Mittel und Wege fände, Geld auf andere Weise zu erlangen.»

Ferdinando Gatti wurde am 18. März 1892 mit der Luzerner Guillotine hingerichtet, welche heute noch im Historischen Museum Luzern ausgestellt ist. Schon damals regte sich Widerstand gegen die Todesstrafe, doch es sollte noch bis 1940 dauern, bis die letzte zivile Person in der Schweiz − der Dreifachmörder Hans Vollenweider − in Sarnen hingerichtet wurde.

Luzerner Guillotine, 1863
Luzerner Guillotine, 1863 (Bild: Historisches Museum Luzern)

Gattis Kopf wurde nach seiner Hinrichtung an der Universität Basel anatomisch untersucht. Vermutlich suchte man gemäss der wissenschaftlichen Tradition jener Zeit nach physiognomischen Abnormitäten: Ist beim Mörder Gatti das Verbrechen, das Böse, schon im Gehirn angelegt? Und lässt sein Aussehen, seine Kopfform, auf einen «geborenen Verbrecher» schliessen? Der grosse Skandal folgte kurz darauf: In Basel wurde der Kopf Gattis während zwei Tagen der Öffentlichkeit präsentiert. Ein Sturm der Entrüstung ging durch die Schweizer Medien:

«Es sind die Völker niederster Kulturstufe, welche die Köpfe der gefallenen Feinde vor ihren Lagern oder Wohnungen aufpfählen. […] Gatti war zu mehr nicht verurteilt als zum Tode.»

Totenmaske Gatti, Gips, 1891
Totenmaske Gatti, Gips, 1891 (Bild: Henkermuseum Sissach)

Nach den Untersuchungen an Gattis Kopf stellte man eine Totenmaske aus Gips her und konservierte so «das Böse» auf Ewigkeiten.

Weitere historische Luzerner Mordfälle vom 15. Jh. bis ins 21. Jh., eine kurze Geschichte der kriminaltechnischen Ermittlungsmethoden sowie einen Überblick zum Luzerner «Tatort»-Krimi gibt es vom 22. September bis zum 11. März 2018 in der Ausstellung «Tatort» im Historischen Museum zu sehen.

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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