Paramentenausstellung der Kunstgewerbeschule Luzern mit liturgischen Gewändern nach Entwürfen von Max von Moos, Paulusheim Luzern 1937 (Bild: Otto Pfeifer (Max von Moos Stiftung))
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Paramentenausstellung der Kunstgewerbeschule Luzern mit liturgischen Gewändern nach Entwürfen von Max von Moos, Paulusheim Luzern 1937 (Bild: Otto Pfeifer (Max von Moos Stiftung))

Als die Kunstgewerbeschule noch katholisch war

8min Lesezeit

Vor 140 Jahren wurde die Kunstgewerbeschule Luzern gegründet, die in die heutige Hochschule Luzern – Design & Kunst übergegangen ist. Haben sich die Unterrichtsmodelle, die Tätigkeitsfelder und die Ausdrucksformen in diesem Zeitraum teilweise grundlegend geändert, lässt sich die Bedeutung der Gestaltung als öffentliche Aufgabe als ein Kontinuum beschreiben. Bisher wenig bekannt ist die katholische Ausrichtung der Schule nach dem Ersten Weltkrieg.

Christoph Lichtin

1877 eröffnete die von Seraphin Weingartner (1844–1919) gegründete Kunstgewerbeschule Luzern in der ehemaligen Nuntiatur an der Rössligasse ihre Tore. Der Unterricht startete mit den Fachrichtungen Freihandzeichnen, Malerei, Modellieren, Holzschnitzen und Metallarbeiten. Die ersten 44 Schüler waren Schreiner, Drechsler, Wagner, Gürtler, Schlosser, Steinbildhauer, Holzschnitzer, Maler usw. – alles «Jünglinge», wie es im ersten Jahresbericht heisst. Die Schule war eine Gewerbeschule, die auf Berufe ausgerichtet war, die in der damaligen Zeit ausschliesslich von Männern belegt wurden. Frauen durften ab 1893 als Hospitantinnen die Schule besuchen. Von der bescheidenen Schülerzahl im Gründungsjahr bis zur heutigen Hochschule Luzern – Design & Kunst mit fast 900 Studierenden hat sich das Lehrangebot den jeweiligen Zeitumständen angepasst.

Politik und Private als Auftraggeber

In Luzern war Weingartner in Politik und Gesellschaft gut vernetzt. Seine künstlerische Tätigkeit wusste er geschickt mit seinem Lehrauftrag zu verbinden. Er war Mitglied der Safranzunft und weiterer Vereine. Die Schule verschaffte sich dank des umtriebigen Direktors rasch einen guten Namen und erhielt viele Aufträge. 1886 entwarf Weingartner Bühne und Kostüme für die Sempacher Schlachtfeier und liess sämtliche Abteilungen der Kunstgewerbeschule an der Ausführung teilhaben. Zudem führte er mit Schülern Fassadenmalereien an unzähligen Gebäuden aus. Historische und symbolische Themen verwob er mit Architekturmalerei und Ornamentik zu wandübergreifenden Schaufassaden.

Unter Weingartners Schulleitung nahmen die Direktaufträge für Behörden, Betriebe und Private einen beträchtlichen Einfluss auf die Entwicklung der Schule. Er wurde aber für die Entwicklung der Institution zunehmend zum Hemmschuh. Der sich anbahnenden Moderne in der Kunst begegnete er mit Ablehnung und wurde zum Heimatschützer, der sein «Alt-Luzern» im Stile der Neurenaissance und Neugotik bewahren wollte. So beklagte er etwa 1907 das «Reklame-Unwesen, welches in letzter Zeit auch in hier seinen Einzug hält». Hochbetagt und krank demissionierte er 1917.

Die Schule in der Krise

Nach dem Ersten Weltkrieg war die Schule in einer schwierigen Phase. Die wirtschaftliche Situation war angespannt und unter der Leitung Weingartners hatte die Schule die Entwicklungen der Kunst und des Gewerbes verpasst. Mit Joseph von Moos (1859–1939) wurde schliesslich ein innovativer neuer Direktor gewählt, der der Schule neuen Aufschwung verlieh. Joseph von Moos, aus einer Luzerner Patrizierfamilie stammend, hatte in München und Paris vorerst Architektur und später Malerei studiert.

Neben der Malerei, die zwischen Jugendstil und Symbolismus zu verorten ist, widmete er sich auch der Glasmalerei, der Möbelgestaltung, der Druckgrafik, der Typografie und er beteiligte sich an Wettbewerben für Wandmalereien in Kirchen und Schulhäusern. Mit einer Neuausrichtung der Kunstgewerbeschule in Richtung kirchliche Kunst empfahl er sich 1919 als Direktor. Er bekleidete das Amt bis 1934, entwickelte in dieser Ära die Schule zu einem eigentlichen Zentrum für moderne religiöse Kunst, öffnete sie aber auch vermehrt für freie Kunst.

Paramentenausstellung der Kunstgewerbeschule Luzern mit liturgischen Gewändern nach Entwürfen von Max von Moos, Paulusheim Luzern 1937
Paramentenausstellung der Kunstgewerbeschule Luzern mit liturgischen Gewändern nach Entwürfen von Max von Moos, Paulusheim Luzern 1937 (Bild: Otto Pfeifer (Max von Moos Stiftung))

Einladungskarte zur Paramentenausstellung im Paulusheim Luzern 1937
Einladungskarte zur Paramentenausstellung im Paulusheim Luzern 1937 (Bild: Max von Moos Stiftung)

Gestaltung für die Kirche als Alleinstellungsmerkmal der Schule

Am 8. Oktober 1918 reichte Joseph von Moos beim Erziehungsdepartement das Projekt für eine «Akademie für kirchliche Malerei» ein. Er hatte erfasst, dass die Kirche in der Zentralschweiz für die Kunstgewerbeschule ein bedeutender Auftraggeber sein könnte und die Schule sich in der Konkurrenz zu anderen Kunstgewerbeschulen mit einer Neupositionierung ein Alleinstellungsmerkmal verschaffen würde.

Er schreibt: «Luzern könnte mit seiner Kunstgewerbeschule auch ein Mittelpunkt kirchlicher Kunst werden, die bei dem gesteigerten religiösen Leben der Gegenwart und den nie versiegenden Bedürfnissen des Kultus und der Caritas stets auf eine grosse Zukunft blickt. Die Kunstgewerbeschule erhielt durch die besondere Pflege des religiösen Moments ihre starke Eigenart, eine Werbekraft für Lernende und Lehrende über den Kanton Luzern und die Innerschweiz hinaus, ein Prinzip sicheren und geraden Wachsens im Wechsel der Moden und Personen. Eine solche Kunstgewerbeschule fehlt bis jetzt. Keine der bestehenden Kunstgewerbeschulen vermittelt dem angehenden Altarbauer, Dekorationsmaler, Goldschmied, Holzbildhauer, Stickmusterzeichner, liebevoll die ihm so unentbehrlichen Kenntnisse über Bibel, kirchliche Archäologie, Liturgie. […] Ruft nicht alles nach der Schaffung eines Zentrums für religiöse Kunst für die Schweiz?»

Kasel (Miserere), um 1940, Handstickerei, nach einem Entwurf von Max von Moos
Kasel (Miserere), um 1940, Handstickerei, nach einem Entwurf von Max von Moos (Bild: Otto Pfeifer (Max von Moos Stiftung))

Kasel (Passion), um 1940, Handstickerei, nach einem Entwurf von Max von Moos
Kasel (Passion), um 1940, Handstickerei, nach einem Entwurf von Max von Moos (Bild: Otto Pfeifer (Max von Moos Stiftung))

Von der Paramentenabteilung zum Textildesign

Joseph von Moos hat für diese Anliegen Zuspruch erhalten, wenn auch nur schrittweise. 1918 wurde eine Abteilung für Stickerei eingerichtet und mit Emilie Schneebeli wurde 1921 die erste Lehrerin angestellt. 1921 wurde Erich von Stockar als Lehrer für Liturgik verpflichtet. Mit Georg Staffelbach gehörte in den 1930er-Jahren auch ein Chorherr zum Lehrkörper. Die Bestrebungen für eine Akademie für christliche Kunst wurden im gleichen Zeitraum verstärkt. So unterrichtete der Sohn von Joseph von Moos, der als Surrealist in die Schweizer Kunstgeschichte eingegangene Max von Moos (1903–1979), ab 1929 in stellvertretender Funktion und ab 1933 als gewählter Lehrer unter anderem in den Fächern Schriftenmalerei und Paramentenzeichnen. Paramenten werden Textilien genannt, die in der kirchlichen Liturgie verwendet werden. Im Nachlass Max von Moos sind etliche Entwürfe für Priestergewänder erhalten, die von der Paramentenabteilung der Kunstgewerbeschule ausgeführt wurden.

Mit Ausstellungen und verstärkten Werbemassnahmen versuchte die Schule die Paramentenabteilung besonders zu positionieren. Diese wurde nach dem Zweiten Weltkrieg als «Abteilung für christliches Textil» neu aufgegleist und 1947 mit Erna Schillig (1900–1993) eine ebenso eigenständige wie ambitionierte Lehrerin verpflichtet. Die Kunstgewerbeschule führte die Abteilung mit einer professionellen Weberei, in der neben Frau Professorin Schillig auch zwei ausgebildete Weberinnen angestellt waren. Zu den Höhepunkten Schilligs und der Schule gehörte der Auftrag des Vatikans, für den Pavillon des Kirchenstaates an der Weltausstellung in Brüssel 1958 die liturgischen Gewänder zu entwerfen und auszuführen. Im öffentlichen Bewusstsein der Weltausstellung blieb jedoch eher das Atomium als der Auftritt der Kirche haften. Die Textilabteilung entwickelte sich (neben der Grafikabteilung) Ende der 1960er-Jahre unter Angelica Caviezel (1931–1988) zum bedeutendsten Ausbildungslehrgang in Luzern. Von der kirchlichen Orientierung ist im heutigen Studiengang «Textildesign» nichts mehr vorhanden. Die Zeiten haben sich rasch geändert und die Ambitionen der Verantwortlichen nach dem Ersten Weltkrieg erscheinen uns heute weit entfernt.

Max von Moos, Entwurf «Textil-Kurse», ohne Jahr, Tusche und Gouache auf Papier, 32.5 × 25 cm (Max von Moos Stiftung)
Max von Moos, Entwurf «Textil-Kurse», ohne Jahr, Tusche und Gouache auf Papier, 32.5 × 25 cm (Max von Moos Stiftung) (Bild: Peter Thali/2017, ProLitteris, Zurich)

«Schöner leben. 140 Jahre Kunstgewerbeschule Luzern: Gestalten zwischen Kunst und Handwerk», Ausstellung im Historischen Museum Luzern (bis 3. September 2017)

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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