Frauenstadtrundgang in Luzern (Bild: Frederik Furrer)
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Frauenstadtrundgang in Luzern (Bild: Frederik Furrer)

Ein Blick hinter die Kulissen der alternativen Stadtführung

4min Lesezeit

Eine Frau im knöchellangen Badekostüm, eine Luzernerin auf Kriegszug und eine Unterschriftssammlerin gegen die Geschlechtsbeistandschaft – dies ist nur eine kleine Auswahl an historischen Begegnungen, welche der Frauenstadtrundgang Luzern seit 25 Jahren ermöglicht. Zeit, einen Blick auf die Ursprünge der Frauenstadtrundgänge zu werfen.

Eva Bachmann

Luzern ist nicht die einzige Stadt mit einem Frauenstadtrundgang-Verein als Alternative für herkömmliche Tourismusführungen. Beispielsweise in Winterthur, Basel, Zürich oder Zug führen Frauen mit unterschiedlichen Methoden, aber immer in Bezug auf die Geschichte von lokalen Frauen durch ihre Städte. Dabei werden auf vielfältige Requisiten, Bilder und Schauspieleinlagen zurückgegriffen, um die Biographien und Themen der Geschlechtergeschichte aufleben zu lassen.

Der Frauenstadtrundgang Winterthur setzt auf Kostüme und Schauspieleinlagen.
Der Frauenstadtrundgang Winterthur setzt auf Kostüme und Schauspieleinlagen. (Bild: zvg)
 

Der Beginn der schweizerischen Frauenstadtrundgänge

Wie kam es zur Entstehung dieser alternativen Stadtführungen? Die Anfänge der Frauenstadtrundgänge gehen auf das Ende der 1980er Jahre zurück. Die Frauenbewegung war an den Universitäten angekommen und die Aufarbeitung der Frauen- und Geschlechtergeschichte Teil wissenschaftlicher Auseinandersetzungen. An der fünften Historikerinnentagung in Bern berichtete eine Kölnerin von den historischen Stadtrundfahrten, die sie zusammen mit einer Kollegin speziell für Frauen anbot. Inspiriert von dieser Erzählung erarbeitete eine Basler Projektgruppe 1988 einen ersten Rundgang zum Thema «Frauenarbeit» und gründete noch im selben Jahr einen Verein.

Der Funke war übergesprungen, und im Verlaufe der 90er Jahre entstanden weitere Frauenstadtrundgänge in der Schweiz. In Luzern gründeten sechs Wissenschaftlerinnen verschiedener Ausrichtungen, darunter drei Historikerinnen, 1992 einen Frauenstadtrundgangs-Verein. Der erste Rundgang, den sie erarbeiteten, trug den Namen «Reisezeiten» und beschäftigte sich mit Luzern als Touristenstadt aus der Perspektive der Frauengeschichte.

Die Premiere dieses Rundgangs, durch den eine elegante Dame mit Feder am Hut führte, wurde auf den 14. Juni 1993 gelegt und war Teil des Angebots für diejenigen, die anlässlich des Frauenstreiktags unterwegs waren. Zwei Jahre zuvor hatte der erste Frauenstreiktag stattgefunden, an dem eine halbe Million Frauen in der Schweiz dagegen protestierten, dass der Gleichstellungsartikel in der Verfassung noch nicht umgesetzt worden war.

Frauen im Zentrum – Männer willkommen

Die Aufarbeitung der Biographien lokaler Frauen nach wissenschaftlichen Methoden stand dabei lange im Zentrum. Während die Geschichte der männlichen Lokalberühmtheiten bereits hinlänglich aufgearbeitet war, herrschte bei den lange ignorierten Frauen dringender Nachholbedarf. Die Vereine katapultierten nach oftmals langwieriger Archivarbeit diese Geschichte der zweiten Hälfte der Bevölkerung durch die Erarbeitung von Rundgängen in das öffentliche Bewusstsein – und trugen dabei sogar zur Benennung von Strassen und Plätzen bei.

Das Publikum eines solchen Frauenstadtrundgangs setzt sich dabei aus verschiedenen Alters-, Bevölkerungs- und Gendergruppen zusammen. Wenngleich auch heute noch hin und wieder schüchtern nachgefragt wird, ob Männer denn auch willkommen seien.

Geschlechtergeschichte aus vielen Perspektiven

Inzwischen lässt sich bei vielen Frauenstadtrundgängen eine Entwicklung von reiner Frauengeschichte zur Geschlechtergeschichte nachzeichnen. Die Rundgänge beschäftigen sich mit vielfältigen Themen, welche auch heute noch nicht auszugehen drohen: Von Dienstmädchen und Patrizierinnen, Heimatlosen und Ladenbesitzerinnen, vermeintlichen Hexen und Nonnen, von der Ausbildung bis zum Berufsleben, von Hungersnöten und Festgelagen, von der Politik bis zur Prostitution. Die Rundgänge eröffnen vielfältige Blicke auf die altbekannten Gemäuer und verschlungenen Gassen Luzerns.

So begegnet man etwa auf dem Weinmarkt den Osterspielen mit einer sündigen Magdalena, die im Verlaufe der Jahrhunderte immer abhängiger und von mehr Teufeln umgeben wurde, oder Renward Cysats Apotheke, der in seinem Pestbuch Schwangeren empfahl, Rosmarin und Bibernellenwurz in Weisswein einzunehmen und damit eine Ansteckung mit der Seuche zu verhindern.

Der Verein Frauenstadtrundgang Luzern begeht dieses Jahr sein 25-jähriges Bestehen. Zur Feier dieses Jubiläums wird der Rundgang «Streiflichter-Geschichten aus 25 Jahren Frauenstadtrundgang Luzern» als öffentliche Stadtführung während der Sommersaison angeboten. Weitere Informationen zu den öffentlichen und privat buchbaren Rundgängen finden Sie hier.

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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