Keltische Körperpflege mit einem Ohrlöffel. Nach einem Fund aus Bayern, 600 v. Chr. (Bild: Atelier Bunter Hund)
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Keltische Körperpflege mit einem Ohrlöffel. Nach einem Fund aus Bayern, 600 v. Chr. (Bild: Atelier Bunter Hund)

Wie sich Zuger vor 5000 Jahren schön machten

7min Lesezeit

Mussten sich Kinder früher auch Zähne putzen? Und wie war das vor 3000 Jahren mit dem WC-Papier? In Zug kann man derzeit einen Blick in urgeschichtliche Necessaires seiner Vorfahren werfen.

Museum für Urgeschichte(n)

Fragerunden mit Schulklassen gehören zu den spannendsten, aber auch herausforderndsten Aufgaben einer Museumspädagogin. Immer wieder verblüffen die Kinder mit Fragen zum urgeschichtlichen Leben, auf die man selbst nie gekommen wäre. Eine Frage, die häufig fällt, ist diejenige nach den steinzeitlichen WCs: Wo waren sie und was benutzte man als Klopapier? Und vor einiger Zeit fragte ein Kind: «Mussten die Kinder in der Steinzeit auch ihre Zähne putzen?»

Körperhygiene als alltägliche Erfahrung beschäftigt die Kinder. Die Frage nach dem Zähneputzen ist nur schon deshalb interessant, weil dieses Kind offenbar davon ausging, dass man die Zähne ja nie freiwillig putzen würde, wenn man nicht müsste. Vielleicht hoffte es, dass man in der Steinzeit noch nicht von Eltern zu solch unbequemen Hygienemassnahmen gezwungen wurde.

Doch was sagt die Archäologie zu diesen «guten alten Zeiten»? Funde aus dem Kanton Zug gewähren uns einen Einblick in urgeschichtliche Necessaires.

Kein wilder Haarwuchs in der Jungsteinzeit: Jungsteinzeitlicher Kamm aus Eibenholz. UNESCO Welterbestätte Zug-Riedmatt, 3300–3000 v. Chr.
Kein wilder Haarwuchs in der Jungsteinzeit: Jungsteinzeitlicher Kamm aus Eibenholz. UNESCO Welterbestätte Zug-Riedmatt, 3300–3000 v. Chr. (Bild: Res Eichenberger)

In der Jungsteinzeit

Schönheit und Hygiene spielten bereits in der Jungsteinzeit vor 5000 Jahren eine wichtige Rolle. Die Leute des Pfahlbaudorfes beim heutigen Zug-Riedmatt kämmten ihre Haare mit einem Holzkamm und trugen Schmuck aus Tierzähnen, Geweih und Muscheln. Das Kämmen diente nicht nur der Schönheits-, sondern auch der Körperpflege: So wurde man beispielsweise Läuse los.

Moderne Toiletten mit Wasserspülung gab es hingegen nicht. Überreste menschlicher und tierischer Notdurft fanden sich überall in den Pfahlbaudörfern. Was damals eine stinkende Angelegenheit war, erzählt uns heute von der Gesundheit der Menschen: Untersuchungen zeigen, dass sie immer wieder von Parasiten wie Band- oder Nierenwürmern geplagt wurden und wohl auch öfters unter Durchfall litten.

Glatt rasiert war Mode in der Bronzezeit: Rasiermesser aus Bronze. UNESCO Welterbestätte Zug-Sumpf, 850 v. Chr.
Glatt rasiert war Mode in der Bronzezeit: Rasiermesser aus Bronze. UNESCO Welterbestätte Zug-Sumpf, 850 v. Chr. (Bild: Res Eichenberger)

In der Bronzezeit

In der späten Bronzezeit (vor 3000 Jahren, etwa zur Zeit Trojas) fügte der modebewusste Zuger seinem Necessaire ein neues Accessoire hinzu: das Rasiermesser. Ein solches Exemplar aus Bronze hat sich in der Siedlung Zug-Sumpf erhalten. Aus demselben Dorf stammen auch eine Pinzette und Rötel, ein rotes Mineral. Ob sich bronzezeitliche Damen bereits die Augenbrauen zupften und schminkten? Wissen können wir's nicht. Rötel wird jedenfalls heute noch zur Herstellung von Lippenstift verwendet.

Ein Blick ins Schmuckkästchen der Bronzezeit: Schmuck aus Glas, Bernstein und Bronze. UNESCO Welterbestätte Zug-Sumpf, 850 v. Chr.
Ein Blick ins Schmuckkästchen der Bronzezeit: Schmuck aus Glas, Bernstein und Bronze. UNESCO Welterbestätte Zug-Sumpf, 850 v. Chr. (Bild: Res Eichenberger)

Schmuck aus Bronze, aber auch aus Importwaren wie Glas und Bernstein gehörten zu den gängigen Accessoires. In Dänemark trugen einige Frauen ausserdem fein geflochtene Haarnetze aus Wolle, die sich heute noch in ihren Gräbern finden. Möglicherweise waren solche Haarnetze auch am Zugersee Mode – Wolle erhält sich aber in unseren Böden nicht.

Schönheitspflege auf dem römischen Gutshof: Ohrlöffelchen, Haarnadeln aus Knochen und ein Spiegelfragment aus Cham-Hagendorn, 2./3. Jahrhundert n. Chr.
Schönheitspflege auf dem römischen Gutshof: Ohrlöffelchen, Haarnadeln aus Knochen und ein Spiegelfragment aus Cham-Hagendorn, 2./3. Jahrhundert n. Chr. (Bild: Res Eichenberger)

Im römischen Reich

Spätestens im 1. Jh. n. Chr. war Zug fester Bestandteil des römischen Reichs. Obwohl Zug damals tiefste Provinz war, legte wenigstens die Oberschicht Wert auf Körperpflege. Wie überall im römischen Reich waren die Villen der Grossgrundbesitzer mit eigener Badeanlage und Bodenheizung ausgestattet. Für den richtigen Duft nach dem Bad sorgten Duftöle in edlen Glasflaschen – eine Römerin, die vor 1800 Jahren in Holzhäusern bestattet wurde, erhielt ein Fläschchen mit ins Grab.

Wichtige Utensilien des römischen Necessaires fanden sich auch im Gutshof von Cham-Hagendorn: ein kleiner Löffel zur Reinigung der Ohren, Haarnadeln aus Knochen und sogar ein Teil eines Spiegels. Vor dem Frisieren griff die modebewusste Römerin in der Provinz allerdings in den Geldbeutel. Der Kopf der Kaiserin, der oft auf Münzen abgebildet war, gab Auskunft über die neuste Haarmode in Rom.

Die Alamannen trugen ihr Necessaire am Gürtel: Kamm aus Hirschgeweih, im Original und als Replik. Frühmittelalterliches Gräberfeld von Baar-Früebergstrasse, 7. Jahrhundert n. Chr.
Die Alamannen trugen ihr Necessaire am Gürtel: Kamm aus Hirschgeweih, im Original und als Replik. Frühmittelalterliches Gräberfeld von Baar-Früebergstrasse, 7. Jahrhundert n. Chr. (Bild: Res Eichenberger)

Im 6. und 7. Jahrhundert

Auch den Alamannen, die Zug im 6. und 7. Jahrhundert bevölkerten, war die Körperhygiene so wichtig, dass sie sich mit Necessaire bestatten liessen. Im frühmittelalterlichen Gräberfeld von Baar-Früebergstrasse trugen sowohl Männer als auch Frauen aufwändig verzierte Kämme aus Geweih und ein sogenanntes Toilettenbesteck am Gürtel: ein dreiteiliges Set bestehend aus einem Ohrlöffel, einem eisernen Zahnstocher und einem Nagelschneider.

Und wie war das jetzt mit dem Zähneputzen? Untersuchungen der Universität Zürich an den Zähnen von Ötzi, dem jungsteinzeitlichen Mann aus dem Eis, haben gezeigt, dass er seine Zähne wohl nicht geputzt hat, denn sie waren von Karies befallen. Wahrscheinlich haben sich die Zähne teilweise selbst gereinigt, denn jungsteinzeitliches Essen enthielt unter anderem feinen Sand: den Abrieb der Mahlsteine. Dieser nutzte die Zähne ab, reinigte sie aber auch.

Spätestens im Frühmittelalter (im 7. Jh. n. Chr.) gab es in Baar auch ein zähneputzendes Kind, das seinen Zahnstocher aus Eisen auch noch im Grab mit am Gürtel trug.

Wer sich von der urgeschichtlichen Körperpflege selber ein Bild machen will, kann sich dienstags bis sonntags im Museum für Urgeschichte(n) in Zug selbst auf die Suche nach den Überresten prähistorischer Necessaires machen.

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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