Ein Paar Schuhe aus dem Kolingeviert in Zug.  © Museum für Urgeschichte(n) Zug.
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Ein Paar Schuhe aus dem Kolingeviert in Zug.  © Museum für Urgeschichte(n) Zug.

Warum ausgetragene Kinderschuhe eingemauert wurden

6min Lesezeit

Ein archäologischer Fund eines alten Schuhs hat mehr zu bieten als bloss ausgetragene Sohlen – Geschichte und Tradtion stecken dahiner. Warum ausgetragene Kinderschuhe versteckt und eingemauert wurden.

Dorothea Hintermann

Ein alter, abgetragener Schuh – nicht unbedingt das, was man sich unter einem spektakulären archäologischen Fund vorstellt. Und doch steckt ein Damenschuh aus einem Zuger Abbruchhaus beim näheren Hinsehen voll spannender Geschichten. Entdeckt wurde er, als im Jahr 2005 das ehemalige Gasthaus Kreuz an der Ägeristrasse 26 in Zug vor seinem Abbruch untersucht und dokumentiert wurde. Im Fussboden des Dachgeschosses hatte der Schuh die Jahrhunderte vor Feuchtigkeit und Licht geschützt überdauert. Die Wissenschaftlerin Lea Hunziker hat ihn und weitere Funde aus dem Haus erforscht und berichtet darüber im Jahrbuch Tugium.

Stark deformierte Füsse

Der gute Erhaltungszustand des Schuhs kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er stark abgenutzt ist. Dass er getragen wurde, bis er fast auseinanderfiel, zeigt nicht nur der Absatz, der bis auf einen kurzen Stummel abgewetzt ist. Der Schuh wurde im vorderen Teil auch sorgfältig neu besohlt. Im Zehenbereich sitzt ein nachlässig aufgenähter Flick. Auch der Verschluss des Schuhs ist umgearbeitet worden. Ursprünglich war er mit einer Schnalle verschlossen. Diese wurde abgeschnitten und der Schuh stattdessen mit einer improvisierten Bindung aus einem dicken Stück Schnur verschnürt.

Ausbuchtungen im vorderen Bereich des Schuhs zeugen davon, dass die Füsse seiner Trägerin arg deformiert waren. Die linke grosse Zehe war schief zur Mitte hin abgedreht und das Grosszehengrundgelenk stark verdickt. Medizinisch gesprochen litt die Dame an einem «Hallux valgus». Derart stark deformierte Füsse können eigentlich nur zu einer erwachsenen Frau gehören, auch wenn der Schuh der heutigen Kindergrösse 32/33 entspricht. Als Ursache für einen Hallux gilt übrigens unpassendes Schuhwerk: Hohe Absätze, ein zu enger Vorderfussbereich und zu kleine Schuhe – all dies war in unserem Fall gegeben.

Aus der Mode gekommen

Der Absatz des Schuhs war ursprünglich etwa vier Zentimeter hoch. Dies hilft bei seiner zeitlichen Einordnung, denn solche Absätze waren in der Zeit kurz vor der französischen Revolution (1789) in Mode. Danach wirkte sich der Leitsatz «Liberté, Fraternité, Egalité» auch auf die Schuhmode aus. Es entsprach nun nicht mehr dem Zeitgeist, sich «über andere zu erheben», und Absätze verschwanden für gut 50 Jahre. Der Schuh stammt demnach aus der Zeit zwischen etwa 1775 und 1790.

«Schuhe wurden eingemauert, um dem Haus und seinen Bewohnern Glück zu bringen.»

In die Zwischenschicht eines Fussbodens gelangte er kaum durch Zufall oder weil man ihn entsorgen wollte, sondern er wurde während eines Umbaus bewusst dort deponiert. Dies ist kein Einzelfall, denn Schuhe finden sich immer wieder in Gebäuden verborgen. Sie wurden versteckt und eingemauert, um dem Haus und seinen Bewohnern Glück zu bringen und sie vor Bösem zu schützen.

Schutz gegen das Böse

Vor allem in England ist dieser Brauch gut erforscht, man spricht dort von «concealment shoes». Das Northampton Museum in England sammelt seit 1957 Informationen darüber. Damals begann die Kuratorin June Swann, die Schuhdeponierungen systematisch zu erforschen.

«Schuhe gelten im Volksglauben als Träger des Geistes ihres Besitzers.»

Inzwischen umfasst die Sammlung mehr als 250 Schuhe und Daten von über 1'700 Fällen deponierter Schuhe. Sie fanden sich vorwiegend in Grossbritannien, aber auch in den USA, in Australien und in verschiedenen europäischen Ländern. Der Brauch taucht erstmals im 15. Jahrhundert auf, findet seinen Höhepunkt im 19. Jahrhundert und geht nach 1930 stark zurück.

Schuhe gelten im Volksglauben als Träger des Geistes oder der Seele ihres Besitzers. Rund die Hälfte aller deponierten Schuhe sind Kinderschuhe, denn diesen wird besonders viel Kraft zugeschrieben. Die Schuhe wurden oft an Stellen im Haus eingebaut, wo Einflüsse von aussen eindringen können, beispielsweise im Kamin, über Türen und Fenstern, aber auch im Dach. Meist sind sie stark abgetragen und nicht selten mit unsorgfältigen Flicken versehen, wie auch der Damenschuh von der Ägeristrasse 26. Es wird vermutet, dass manche Flickstellen gar absichtlich angebracht wurden, um die Schutzwirkung zu verstärken.

Religiös motiviert?

Unser Zuger Schuh steht also in einer langen und weit verbreiteten Tradition. Womöglich ist sie hierzulande noch weniger bekannt als in Grossbritannien, weil uns die Sensibilität für den Brauch noch fehlt. Wer schenkt bei einem Umbau einem unansehnlichen alten, abgetragenen Schuh schon gross Beachtung, ohne über seinen symbolischen Gehalt Bescheid zu wissen? Gut möglich also, dass in der Vergangenheit viele dieser Glück bringenden Schuhe gar nicht erkannt wurden.

Kürzlich kam bei archäologischen Bauuntersuchungen im Zusammenhang mit Abbrucharbeiten am Zuger Kolinplatz ein weiteres Paar alter Schuhe zum Vorschein, das möglicherweise in diese Kategorie gehört. Bauarbeiter entdeckten sie in einer Verfüllung aus den 1930er-Jahren. Dass es sich hier um ein Paar Schuhe handelt, ist allerdings ungewöhnlich. Auch waren sie mit Abfall vermischt, so dass sich in diesem Fall nicht sicher entscheiden lässt, ob eine religiös motivierte Deponierung oder eher eine Entsorgung vorliegt.

Den Damenschuh von der Ägeristrasse 26 und zahlreiche weitere Schuhe von der Jungsteinzeit bis zum Mittelalter kann man noch bis zum 5. Juni in der Sonderausstellung «Der Schuh – 5'000 Jahre unterwegs» im Museum für Urgeschichte(n) Zug bestaunen.

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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