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Die Stadtluzerner wussten schon immer, wie sie trotz Verboten zu ihrem Vergnügen kommen. Vergnügen bereitete das Thema auch Katharina Steiner vom Frauenstadtrundgang Luzern bei ihrer Recherche zurück bis ins 19. Jahrhundert.

«Früher war alles anders» – wie denn und stimmt das überhaupt? Dieser Frage gehen Historikerinnen und Historiker sowie andere Interessierte nach. Eine spannende Arbeit, die so manches Erstaunliche hervorbringt. Eine Beschäftigung, mit der einige die Arbeitszeit füllen und andere die Freizeit verbringen – oder beides. Wie dies aussehen kann, wird im folgenden Erfahrungsbericht beschrieben.

Die Reise in die Vergangenheit kann beginnen und soll mich an den Anfang des 20. Jahrhunderts bringen. Ich widme mich dem Thema «Tanz» zu dieser Zeit. Viele Fragen schwirren in meinem Kopf: Wer durfte tanzen, wann, wo und wie wurde getanzt? Ein erster Ausflug führt mich in die Sondersammlung der Zentralbibliothek. Auf den Hinweis einer Kollegin hin suche ich nach Postkarten von sogenannten «Bazars». Menschen verkleideten sich dabei in exotischer Manier und liessen sich für eine Postkarte ablichten. Eine beachtliche Sammlung von 150 Karten sehe ich durch und lasse mich von den Bildern zwischen 1900 und 1950 berauschen – das innerliche Tanzbein schwingt mit. Ganz zuhinterst finde ich fünf Karten aus dem Jahr 1905. Alle beschriftet und adressiert an eine Bertha Schmid in London. Gesendet wurden sie von einer Mary aus Luzern. Ein Zufall – und gleichzeitig eine vielversprechende Entdeckung!

«A pity you were not with us, I danced several times with your dear brother.»

Mary an Bertha, Karte vom 17. Januar 1905, SOSA

Die Recherche vertieft sich

Die Postkarte zeigt einen Samariterbazar für Krankenpflege im Jahr 1903. An diesem hat Mary wohl nicht mit Berthas Bruder getanzt, da die Karte erst zwei Jahre später abgeschickt wurde. Wo genau Mary getanzt hat, wissen wir nicht. Weitere Recherchen kündigen sich an...

Vorerst werden die Karten allesamt transkribiert und übersetzt. Ich versuche mehr über Mary und Bertha zu erfahren, doch bleibt die Suche nach Details zur Identität der beiden Frauen im Stadtarchiv erfolglos.

Bezüglich Bazars suche ich nun im Zeitungsarchiv der Zentralbibliothek nach Hinweisen. Diese lassen sich im «Luzerner Tagblatt» und dem «Vaterland» finden. Einmal gefunden, müssen auch sie transkribiert werden. Nebenbei gehe ich weiteren Publikationen nach und stelle überraschend fest, dass die Tanzveranstaltungen selbst solche zusammenstellen liessen. An den Anlässen wurden diese verkauft und beinhalteten Geschichten von bekannten Autoren und Illustrationen. Der Grundgedanke war, für einen bestimmten wohltätigen Zweck Geld zu sammeln, allerhand wurde deshalb zum Verkauf geboten. Unterhaltung und der abendliche Tanz waren ein wichtiger Teil dieser Bazars, die sich über mehrere Tage erstrecken konnten.

Fasnacht, Kilbi und Vereinsfester

Es stellt sich nun die Frage, welche Gelegenheiten Frauen und Männer in Luzern zum Tanzen überhaupt hatten. Schnell wird klar, dass an den drei Schauplätzen Fasnacht, Kilbi und an Vereinsfesten (wie den Bazars) getanzt werden konnte. Jeweils an zwei Daten im Jahr suche ich deshalb in zeitgenössischen Zeitungen nach Hinweisen – zur Fasnachts- und Kilbizeit. Es lassen sich etliche Fasnachtsannoncen sowie einige Inserate zur Kilbi finden. Die vertiefte Suche konzentriert sich nun auf die ergiebigeren Fasnachtsinserate. Im Abstand von fünf Jahren zwischen 1900 und 1930 analysiere ich deren Entwicklung.

(Es soll nicht unerwähnt bleiben, dass hierbei die Gefahr besteht, abgelenkt zu werden. Die anderen Inserate in der Zeitung sind höchst spannend, so beispielsweise die zahlreichen Heiratsannoncen.)

Parallel zu meiner Suche schreibe ich das Staatsarchiv an und bitte um Akten zur Reglementierung des Tanzes. Die hilfsbereiten Mitarbeitenden des Archivs händigen mir daraufhin gezielt Dokumente aus, damit ich mich nicht selbst durch 25 Laufmeter Unterlagen arbeiten muss. Und prompt ist es das Gesuchte!

Streng geregelte Tanzkultur

Strenge Vorschriften und Beschlüsse füllen die Unterlagen und zeigen ein interessantes Bild der Tanzkultur Luzerns um die Jahrhundertwende. Es war – ausser bei privaten Festen – kaum möglich, ohne Bewilligung zu tanzen. Die Luzernerinnen und Luzerner bewiesen aber Einfallsreichtum, um die strikte Reglementierung immer wieder mal zu umgehen. Davon zeugen die zahlreichen Klagen, Strafen und Verordnungen.

Eine Möglichkeit zur Umgehung dieser strikten Reglemente boten beispielsweise Tanzkurse. Wohl deswegen wurde 1915 verordnet, dass für Tanzkurse ein Patent anzufordern sei.

«Das Patent darf nur solchen Personen erteilt werden, welche volljährig sind, in bürgerlichen Ehren und Rechten stehen, nicht wegen Diebstahls, Betruges oder Sittlichkeitsdelikten vorbestraft sind und überhaupt alle Gewähr für eine ordnungsgemässe Durchführung der Kurse bieten.»

20. Januar 1915, Beschluss des Regierungsrates des Kantons Luzern, STALU AKT. 44/3941

Vor mir als Rundgangsschreiberin liegen etliche Bruchstücke aus der Vergangenheit, allerhand Zitate und tolle Anekdoten. Diese müssen nun zu einem sinnvollen Ganzen zusammengefügt werden.

Mehrere Mitglieder des Vereins Frauenstadtrundgang Luzern widmen sich dieser Herausforderung momentan vertieft. Ein neuer Rundgang ist am Entstehen. Erneut soll dem Publikum eine lokalhistorische, alltagsgeschichtliche und geschlechterspezifische Perspektive auf die Geschichte Luzerns nähergebracht werden. Nach einem Brainstorming, etlichen Ideen und originellen Vorschlägen, kam der Entschluss, sich den verschiedenen Bereichen rund um das Thema «Vergnügen» zu widmen. Zeitlich wurde das Ende des 19. Jahrhunderts gesetzt mit kontinuierlicher Annäherung an die Gegenwart. Der Rechercheprozess für einen neuen Rundgang durch die Luzerner Geschichte hält Erstaunliches, Erschreckendes und Humorvolles bereit.

Wenn wir diese Gefühle dem Publikum weitergeben können, dann wird der Rundgang ein Erfolg.

 

Autorinnen: Katharina Steiner und Barbara Steiner

Aus dem zentralplus Blog «Damals»-Blog

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