«Die eine weilt mit ihrem Kind auf dem Dorfspielplatz, die andere zu Hause vor dem TV.» (Bild: pixabay)
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«Die eine weilt mit ihrem Kind auf dem Dorfspielplatz, die andere zu Hause vor dem TV.» (Bild: pixabay)

6min Lesezeit

Viele Mütter haben immer wieder das Gefühl, ihre Arbeit sei nichts wert. Oder wir sagen «ich bin nur Mutter». Doch auch wenn Mütter gerne über andere werten, sie in Schubladen stecken und dafür sogar Bezeichnungen wie Helikoptermutter, Ökomutti, Rabenmutter haben: Ihnen allen ist eines gemeinsam.

Nadja Stadelmann

Die eine gebärt ihr Kind mittels Wunsch-Kaiserschnitt, die andere alleine auf dem moosigen Waldboden. Eine stillt ihr Kind, eine andere gibt ihm Pulverschoppen. Die eine wäscht Stoffwindeln, die andere benutzt Pampers. Die eine kocht des Babys erste Kost selbst, die andere greift zum hippen Gläsli. Eine gibt ihrem Kind einen Nuggi, die andere nicht. Die eine trägt ihr Kind bis drei im Tragetuch auf dem Rücken, die andere schiebt es im Wagen vor sich hin. Die eine stellt Zahnpasta für die ganze Familie selbst her, die andere greift zum Multipack im orangen M.

Welcher Erziehungsstil soll's sein?

Der einen ist es wichtig, dass ihr Kind von Anfang an alleine in seinem Zimmer schläft, bei der anderen gibt's ein Familienbett. Bei der einen wird das Brot selbst gebacken, bei der anderen gibt es gekauften Toast. Die eine näht Kleider für ihr Kind aus biozertifizierten Stoffen, eine andere kauft sie im Grossmarkt. Eine Mutter packt ihrem Kind gesunde und phantasievoll geschnittene Snacks ins Znüniböxli, die andere Chips.

Die einen schwingen einen hierarchischen Erziehungsstil, die anderen plädieren für Laissez-faire. Bei den einen herrscht ein autoritärer Erziehungsstil, bei den anderen ein Demokratischer und es wird Wert darauf gelegt, alles auszudiskutieren. Oder darf es ein negierender Erziehungsstil oder doch lieber ein autokratischer sein? Oder je nach Situation von allem etwas, ganz wie am Sonntagsbuffet?

«Was gibt uns das Recht zu urteilen?»

Beim Lesen dieser unendlich erweiterbaren Liste passiert's. Wir werten. Jenes ist gut – das andere nicht. Wir stecken andere Mütter in Schubladen, haben dafür sogar Bezeichnungen wie Helikoptermutter, Ökomutti, Rabenmutter. Es fällt uns unheimlich leicht zu sehen, wie und was andere Eltern tun, und wir interpretieren ganz viel hinein. Unabhängig davon, wie wenig wir mit den Erziehungsmassnahmen anderer Eltern übereinstimmen mögen – was gibt uns das Recht zu urteilen? Ja, es ist so viel einfacher, als bei sich selbst zu schauen. Wie bin ich als Mutter? Habe ich es mir so vorgestellt? Welche Rolle nehme ich ein? Welche hätte ich gerne? Was gelingt mir gut? Wo habe ich Entwicklungspotential?

Dabei haben wir Mütter alle was gemeinsam, und davon bin ich überzeugt: Wir wollen das Beste für unser Kind. Wir geben jeden neuen Tag unser Bestes, und das ist gut genug!

Wir können niemals wissen, was eine andere Mutter gerade durchmacht. Also sollten wir doch zuerst den anderen Menschen zu verstehen versuchen, anstatt voreilige Schlüsse zu ziehen. Denn was wissen wir schon?!

Ich bin keineswegs eine Heilige. Es gibt schon Dinge, die mich stutzig machen. Wenn Eltern ihr Kind für Dinge kritisieren, die zeigen, dass sie einfach Kinder sind. Da muss ich mir fest auf die Zunge beissen, nichts zu sagen. Auch wenn Eltern ihren Kindern Gefühle absprechen. Oder bin ich bei einer Familie zu Besuch und muss zur Toilette. Wenn da keine Zahnpastaspur im Lavabo und nicht mal eine Staubmaus hinter der Türe liegt, dann ist das womöglich eine Fake-Wohnung. Ja, die wohnen gar nicht da! Oder sie putzen sich die Zähne nicht. Beides irgendwie unheimlich ...

Mein Weg mit meinem Kind

Es soll für uns unbedeutend sein, wie es die andere Mutter macht und warum. Es ist mein Weg mit meinem Kind. Und dieser Weg ist nicht nur asphaltiert und geradlinig. Nein, der hat Kurven, Steine im Weg, manchmal gar Schlaglöcher, geht steil bergauf, dann wieder recht ring hinunter. Das Ziel ist nicht immer für alle Beteiligten klar. Manchmal lohnt es sich, das Fenster runterzukurbeln und unterwegs nach dem Weg zu fragen. Auch immer wieder bei allen Mitfahrerenden nachzufragen, ob es denen noch wohl ist. Allenfalls hat man jemanden an der letzten Tankstelle vergessen oder dem einen Fahrgast ist schon ganz übel ...

Denn Familie ist das Allerwichtigste. Und streben wir Mütter nicht alle danach, irgendwann am Ziel zu hören: Du hast dein Bestes gegeben und ich hätte mir keine andere Mutter gewünscht.

«Ich plädiere ganz fest dafür, einen Gang runterzuschalten.»

Dies zu schaffen, ohne dabei jemanden zu vergessen – nämlich sich selbst –, ist ganz schwierig. Wir Mütter können es nicht allen recht machen, und das müssen wir auch nicht. Sich selbst treu zu bleiben, ohne zu vergleichen, sollte unser Ziel sein. Dies ist einfacher gesagt, als getan.

Im Garten gemeinsam in der Matscherde zu wühlen, während alle anderen Mütter ihr Kind zum Schwimmunterricht, zur Geigenstunde und zum Chinesischsprachkurs fahren, ist ein Aushalten. Ich plädiere ganz fest zum Einen-Gang-Herunterschalten – auch mal Langeweile aushalten. Denn wenn es still ist, passiert am meisten und die Kinder haben die wundervollsten Ideen. Wenn man sie lässt.

Mutter – ein Beruf oder eine Berufung?

Es gibt Tage, da kommt man nicht vorwärts. Am Abend hast du das Gefühl, nichts geschafft zu haben und trotzdem bist du auf dem Hund. Kleine Kinder grosszuziehen kann harte, monotone Arbeit sein. Eine Aufgabe, die einen körperlich und geistig so richtig erschöpfen kann. Du hast das Gefühl, nichts zu tun. Dabei machst du grad die wertvollste Arbeit, die es überhaupt gibt. Es gibt auch kaum etwas, das mehr Sinn macht, als unsere Kinder zu begleiten und dies mit aller Liebe, Aufmerksamkeit und Geduld, die uns zur Verfügung steht.

Und trotzdem haben wir Mütter immer wieder das Gefühl, dies sei nichts wert. Oder wir sagen «ich bin nur Mutter». Was um Himmels Willen heisst hier «nur»? Vielleicht kommt dies daher, weil Mütter in der Gesellschaft nicht die beste Lobby haben und wir uns viel mehr über die auswärtige Arbeit definieren (die Schreibende miteingeschlossen). Auch, weil wir jenen, die unser Geld hüten, einen so viel grösseren Lohn bezahlen als denen, die zu unseren Kindern schauen.

Aus dem zentralplus Blog Eltern-Blog

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