Ist man ein Schwerverbrecher, wenn man seine Kinder nicht impfen lässt?
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Ist man ein Schwerverbrecher, wenn man seine Kinder nicht impfen lässt?

Outing: Wir haben unser Kind nicht vollständig impfen lassen. Ist das ok?

6min Lesezeit 2 Kommentare

Unser Elternblogger hat sein Kind nicht nach Plan impfen lassen. Gemeingefährlich? Er findet es in Ordnung – und stösst bei der Suche nach den Gründen auf eine Energie, die er vor dem Elternsein nicht kannte.

Maël Stocker

Was uns als Eltern immer wieder schmerzhaft bewusst wird: Wir haben keine Ahnung und entscheiden trotzdem. Niemand schulte uns in der Erziehung unseres Kindes und niemand kennt rechtzeitig die richtigen Antworten. Glücklicherweise sind wir als Eltern zu zweit und ticken ähnlich – das ist wunderbar und enorm hilfreich.

Zusätzlich Orientierung geben Freunde und natürlich Eltern. Auch ist da meine Erinnerung an die eigene Kindheit. Aber hierbei komme ich mir manchmal ähnlich dilettantisch vor wie Schuleltern, die wissen, wie der Unterricht in der Schule zu funktionieren hat, weil sie ja selber in der Schule waren. Manchmal wird dieses laienhafte, dilettantische Eltern-Dasein ziemlich komplex, bei medizinischen Fragen zum Beispiel. Und ganz besonders heikel: das Impfen.

Dem Bauchgefühl widerstrebt die offizielle Empfehlung

Nirgends zeigt sich mein Laien-Dasein als Vater so schön wie bei der Impffrage. Da haben wir als Eltern scheinbar Entscheidungen über Leben und Tod zu fällen, während wir nur marginale Kenntnis von der Materie haben. Die eigene Erfahrung oder Nichterfahrung, ok, die ist da. Was heisst das schon? Wo wir doch gelernt haben, dass früher vielleicht nicht alles gut war – und wir wollen ja schliesslich das Beste für die Kleinen. Übrigens sind die Impfungen heute viel besser als früher, niedrigere Dosen, weniger Alu, effizienter. Alles Halbwissen. Wir haben doch keine Ahnung. Und dennoch: Wir Eltern entscheiden. Verflixte Sache. Aber da ist ja auch die Empfehlung des Bundes, eigentlich ist also alles klar, warum sollten wir uns nicht an die offiziellen Empfehlungen halten?

In der Schweiz lassen bis zu 15 Prozent der Eltern ihre Kinder nicht impfen. Wir werden nicht dazugehören, denn wir beide, Mutter wie Vater, wissen die Medizin allzu sehr zu schätzen und halten die Erkenntnisse der Wissenschaft hoch. Aber ein Blick auf die empfohlene Impfliste des Bundes lässt uns aus unerfindlichen Gründen erschaudern und zweifeln: Muss das alles sein? Und so früh? Das sind ziemliche Bomben, die man da in den kleinen Körper reinjagt. Und ein Haufen Alu. Das kann doch nicht gesund sein. Und dann ist da die erwähnte eigene Erfahrung (Mumps, Röteln, Masern – alles ohne Impfung durchgemacht), auch die Überzeugung und der Kampf der impfkritischen (Gross-)Eltern sitzen im Nacken. Was nun?

Wenn man nicht vollständig durchimpft, ist man des Teufels (das geben uns einige Bekannte, aber auch Ärzte zu verstehen); tut man es, haut man dem Kind in den ersten Wochen Chemie rein und in den ersten zwei Lebensjahren 16 Spritzen gegen 11 Krankheiten. Da wird es mir trotz oder wegen (ich weiss es nicht) aller Wissenschaft und Pharma-Info etwas mulmig. Mein Bauchgefühl meint: He, da ist ein kleiner Körper und ein kleines Immunsystem am Entstehen – nimm’s locker.

Ein Spitalerlebnis rückt den Impfdruck in ein anderes Licht

Wir wollten uns erstmal informieren (die Broschüre des Konsumentenschutzes war enorm hilfreich) und als nach zwei Monaten bereits der erste Impftermin anstand, haben wir uns entschieden, diesen nicht wahrzunehmen. Auch unser Kinderarzt, ein klassischer Mediziner, meinte, es sei problemlos, das später zu machen – sofern wir nicht auf Reisen gingen oder das Kind sonstwie in der Welt rumkäme. Kam es natürlich nicht als zweimonatiges Häufchen.

Aber unser Kleiner hatte nach besagtem Arzttermin hohes Fieber. Hätten wir geimpft, wir hätten das Fieber darauf zurückgeführt und erstmal nichts weiter unternommen. Nun aber wurden wir vom Spital aufgeboten und blieben dann für vier Tage da – Nieren-Becken-Entzündung. Wir waren froh, nicht geimpft und so die Signale des kleinen Körpers richtig verstanden zu haben, denn eine solche Entzündung ist ziemlich schmerzhaft. Und mit noch nicht drei Monaten kann ein Kind bekanntlich nicht wirklich konkret kommunizieren. Die Impfkritik in mir wird lauter, vor allem wenn man zu einem Zeitpunkt impfen soll, wenn der kleine Körper keine andere Kommunikationsmöglichkeit hat als die körpereigenen Signale.

Ein Drahtseilakt statt die betonierte Brücke

Nun, was machen wir? Wir wollen später imstande sein, erklären zu können, warum wir damals was wie gemacht haben. Heute sind wir als Laien dermassen beeindruckt, was so ein neugeborener Körper leisten muss und täglich dazulernt, dass es uns widerstrebt, bereits in die Entstehung dieses Kleinstkörpers und dessen Immunsystem einzugreifen. Doch die Vernunft sagt uns: Impfen ist Fortschritt und wir stehen in der gesellschaftlichen Verantwortung. Deshalb entschieden wir uns: Die groben Geschosse Diphterie, Starrkrampf, Keuchhusten, Haemophilus und Kinderlähmung kriegt der Kleine als Halbjähriger (und nicht wie das BAG empfiehlt nach zwei Monaten), MMR folgt vor der Pubertät (und nicht nach zwölf Monaten), sofern der Kleine die Kinderkrankheiten bis dann nicht schon durchgemacht hat. Hepatitis und HPV werden wir vorläufig weglassen. Sind wir jetzt gemeingefährlich oder ist das ok?  

Die Gewalt der freien Entscheidung zu haben, ist etwas Wundervolles – kombiniert mit der Verantwortung des Elternseins verkommt sie zu einem Drahtseilakt, von dem man nie ganz wissen wird, ob man die Balance gefunden hat. Überhaupt, ob es richtig ist, hier eine Balance finden zu wollen oder ob man besser die betonierte Brücke hätten nehmen sollen, diese aber übersehen hat. Ein Gefühl, an das man sich als Eltern wohl gewöhnen muss: Entscheiden zu müssen, ohne vollends wissen zu können, was tatsächlich das Beste ist. Kompliziert, aber wohltuend ist dabei: Wissen, warum man was tut. Diese Antworten habe ich selten so energisch gesucht wie jetzt als Vater.

Aus dem zentralplus Blog Eltern-Blog

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