(Bild: Emanuel Ammon/AURA)
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Neulich im Coop-Restaurant in der Spielecke

4min Lesezeit

Nun ja, es gibt ja jede Menge Erziehungsstile und urteilen möchte ich nicht. Es soll jedem selbst überlassen sein, wie man seine Kinder erzieht. Wenn dabei aber andere viel kleinere und schwächere Kinder in Gefahr geraten, nur weil es die Aufsichtsperson nicht schafft, Grenzen zu setzen, könnte ich mit Pfeilen werfen.

Myriam Kasper

Kennt ihr die Laissez-faire-Erziehungsmethode? Die ist super praktisch: Man lässt die Kinder machen, worauf sie gerade Lust haben, und schaut schnell weg, wenn etwas brenzlig wird. Auf Regeln verzichtet man ganz und Grenzen gibt’s auch keine. Es bleibt einem somit viel mehr Zeit für sich selbst und seine Bedürfnisse und die Kinder haben ihren Spass dabei – also win-win für alle! Die Aussenstehenden interessieren uns dabei nicht, denn man ist sich schliesslich am wichtigsten.

Laissez-faire-Erziehungsstil: Wenn Kinder alles dürfen …
Laissez-faire-Erziehungsstil: Wenn Kinder alles dürfen … (Bild: © Iurii Sokolov)

Neulich in der Dschungel-Spielecke

Das Coop-Restaurant bietet tolle Jamadu-Spielecken für Kinder an. Super geeignet, um in Ruhe einen Kaffee zu trinken, während der Sprössling vergnügt spielt. Die kleine Rutsche, ein Schaukeldings und an den Wänden angenagelte Spielsachen laden perfekt zum Verweilen bei ganz kleinen bis grösseren Kids ein. Die Rutsche ist besonders beliebt. Mein Sohn kann schon wunderbar alleine rutschen und ich geniesse meinen Kaffee und schaue zu. Daneben eine Frau, die sich hinter ihrem Buch versteckt, zwei andere Frauen, die miteinander quatschen, eine Oma, die ihren Enkeltag hat – alles super easy.

… und die Affenbande brüllt

Bald geht das Geschrei los, zwei grössere Kids (fünf und vielleicht sechs Jahre) turnen oberhalb der Rutsche (auf den Plastikbäumen) rum und lassen sich kreischend auf diese fallen – darunter mein Sohn und eine Zweijährige, die gerade auf der Treppe zur Rutsche stehen. Und wo ist die Aufsichtsperson? Nicht in Sicht. Na gut, kann ja mal sein, dass die gerade ihren Kaffee holen ging oder sonst was. Auch wenn ich mich mit dem Einmischen enorm schwertue, gehe ich zu den beiden Kids und erkläre ihnen, dass sich die Kleinsten verletzen können, wenn sie sich neben sie fallen lassen. So weit, so gut, wieder kehrt etwas Ruhe im Dschungel ein und ich geniesse meinen Kaffee weiter.

Keine fünf Minuten später wieder dasselbe. Immer noch niemand in Sicht, nun kommt eine andere Mutter, die den beiden Kids die Leviten liest. Und viele fragende Blicke … wo zum Teufel steckt die Aufsichtsperson? Nach weiteren zehn Minuten Geschrei, sich auf die Rutsche fallen lassen und jeglicher Ignoranz der beiden Geschwister und der Aufsichtsperson habe ich echt keine Lust mehr auf dieses Machtspiel: Den Grössten und Stärksten gehört die Welt – blödes Spiel, blöde Goofen! Jetzt bin ich auch noch wütend auf die, obwohl ich ja weiss, dass die nichts dafür können, wenn ihnen die Grenzen nicht gesetzt werden. Ich packe meinen Sohn und rette ihn zum zehnten Mal aus dem Dschungel der wilden Affen.

Uns Egoisten gehört die Welt

Ist es jetzt wirklich unsere Pflicht, solche Kids fremd zu erziehen, um zu verhindern, dass sie ganz dem Egoismus geweiht sind? Oder bleibt mir schlussendlich nur noch die Flucht? Soll ich das nächste Mal ein Affentheater veranstalten und diese kleinen Egomanen zusammenbrüllen?  

Als ich schon fast gegangen bin, zeigt sich die (Affen-)Mamma doch noch. Sie sitzt neben mir, blickt hinter ihrem Buch hervor und ruft die beiden lauthals zu sich: Wir gehen jetzt!

Ja danke schön, Frau Laissez-faire. Ihr Buch ist wohl ganz interessant! Da kann man schon mal alles drum herum vergessen, kein Problem, Sie blödi Zwätschgä! Wie würden Sie es wohl finden, wenn mein Zweijähriger ihren beiden Kindern die Fidget Spinner verstecken und ich genüsslich wegschauen würde? Sie würden bestimmt losbrüllen: «Wer hat die Spi-inner, wer hat die Spi-inner, wer hat die Spi-inner geklaut!?»

Aus dem zentralplus Blog Eltern-Blog

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