Wie viel Süssigkeiten verträgt ein Kleinkind? (Bild: Pixabay)
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Wie viel Süssigkeiten verträgt ein Kleinkind?  (Bild: Pixabay)

Kleinkarierter Zuckerphobiker? Schliesslich erhält mein Kleiner auch keinen Alkohol

7min Lesezeit

Als Anfänger-Papa schätzt unser Eltern-Blogger die Regeln für seinen Kleinen. Dennoch hat er sich vorgenommen, den Kampf der Regeln entspannter auszutragen – nur beim Zucker, da versteht er seine Kollegen mit Kindern schlecht.

Da geniesst meine Kollegin ein Glace. Der Kleine auf meinem Arm strampelt dermassen, dass ich ihn erst im Nachfassen vor dem Sturz retten kann. «Da-da-da» – er will vom Glace. Unbedingt. Aber er weiss doch überhaupt noch nicht, was ein Eis ist, wie das schmeckt, wie süss das ist und überhaupt. Meinte ich. Einer der elterlichen Grundsätze schmilzt dahin, auch Schokolade kennt der Eineinhalbjährige bereits. Von den Grosseltern, den Nachbarn, dem Onkel, der Tante oder sonstwem. Jetzt habe ich den Salat (den mag er glücklicher- und seltsamerweise auch, vor allem die salzige Sauce).

Vom Glace gibt es nicht, die Ablenkung mit dem Pfirsich funktioniert, denn das Auffinden des Steins ist momentan ein Highlight, das mehrmals täglich zelebriert wird: mit Zwetschgen, Kirschen, Pflaumen, Nektarinen und Oliven. Alles, was Stein hat, ist Trumpf – «tei - tei - tei». Das Eis ist vergessen.

Als Anfänger-Papa lerne ich: Regeln und Grundsätze lassen sich aufstellen, aber ich bringe nicht alle durch. Denn dazu müsste ich erstens dem Kleinen einen Katalog der ungeschriebenen Regeln umhängen und zweitens darauf zählen, dass sein gesamtes Umfeld die Regeln gutheisst und mitmacht. Natürlich gehe ich davon aus, dass wir Regeln aufstellen, die selbstverständlich sind, die man «halt so hat» als Eltern. Keine Füsse auf den Tisch, Sitzen im Kinderwagen und kein Süssgebäck zum Beispiel. Und den Nuggi gibt's nur liegend, im Wagen oder im Veloanhänger. Aber mit dem «halt so haben» ist das so eine Sache. Da haben halt alle ein bisschen ein anderes Verständnis. Damit umzugehen fällt mir schwerer als dem Kleinen.

Der Kinderwagen als Segway

Zum Beispiel der Kinderwagen: Bei uns ist der Kleine jeweils angegurtet. Sein Grossvater fährt ihn auch mal stehend (der Kleine steht im Wagen, schaut stolz in die Ferne und wird geschoben). Als der Kleine freudig den Nachbarn über die Strasse winkt, haben uns diese erstaunt von den Fahrkünsten des Kleinen im Stile eines Segway-Touristen erzählt. Tratschtanten. Wir haben dann dem Grossvater nochmals sauber erklärt, wie die Gurtschnalle funktioniert.

Oder das Einschlafen: Wir sind glücklich darüber, dass er es jetzt alleine kann. Kaum bei den Grosseltern, wird er in den Schlaf gewiegt. Nicht, weil er es verlangt hätte, sondern, weil sie es geniessen, ihn bei sich zu haben. Obwohl wir anfangs irritiert waren – dem Kleinen haben wir nichts angemerkt. Auch beim vorangegangenen Beispiel, dem Wagen: Bei uns kein Problem mit Anschnallen. Oder das Zeichnen: Bei uns gilt das Blatt, bei den Nachbarn die Wand als Malfläche. Kein Problem, der Kleine akzeptiert und differenziert.

Da gilt dieses und dort jenes. Ist doch einfach

Das Geregle lässt sich also entspannter regeln. Unsere Regeln müssen nicht überall gelten. Gebe ich Verantwortung ab, und es ist ein Privileg, das zu können, bin es auch nicht mehr ich, der die Regeln macht. Der Kleine hat das schon längst begriffen, wir hinken da als Eltern etwas hinterher (wobei meine Frau das sehr viel schneller hinbekommen hat als ich).

Nuggi: Nein. Ja. Vielleicht. Ach, da, saug!

Aber, und ja, es gibt ein Aber: Nicht jede Regel oder jeden Grundsatz können wir einhalten. Leider wird es dann kompliziert und der Kleine ist erst konfus und nutzt es dann aus: Das mit dem Nuggi beispielsweise kriegen wir nicht hin. Nur im Liegen? Schön wär's. Es ist schlicht zu bequem und zu beruhigend, ihm den Nuggi auch mal während dem Kochen oder nach einem kleinen Sturz zu geben. Für den Kleinen ist das vermutlich ähnlich wie mit dem Zucker, da steckt nicht nur Erziehung, sondern eine Sucht dahinter. Saugen beruhigt unheimlich. 

Zucker. Bitte homöopathischer. Bitte.

Die heutigen Nuggis sind ja auch ganz okay, für das Gebiss ist das fast gar kein Problem mehr. Im Gegensatz zum Zucker, der bringt nicht nur die Stimmung durcheinander, sondern frisst sich auch in die Zähne und ruft richtiggehend Suchtsymptome hervor: Kennt der Kleine was mit Zucker, sieht er was mit Zucker, will er dieses Dings mit Zucker. Schokolade, Eis, Kuchen. Und das lässt sich auch nicht mehr abtrainieren. Und dann wird's anstrengend, ich will die Regel vorderhand nicht anpassen – das wird wohl ein langer Kampf um die Dosierung, Homöopathie wär mir hier recht. Was tun wir, wenn das Ablenken mit einer Steinfrucht nicht mehr hilft? Ich male mir schon die übelsten Ablenkmanöver aus.

Vor meinem geistigen Auge trinken sie mit 13 Jahren ein Flügel-Softgetränk zum Frühstück und knallen sich nachher ein Ritalin, damit sie im Klassenverband erträglich sind.

Hier bräuchten wir etwas Unterstützung aus dem Umfeld, warum sind da andere nicht auch strenger? Neulich, Treffen mit Kollegen und ihren Kindern. Die gesamte Schar am Glacestand. Ein Grossteil der Kinder ist noch nicht 2 Jahre und alle schlemmen Eis. Oder letzthin in der Badi, die Kinder von Bekannten schlemmen sich durch die Gummischlangen.

Vor meinem geistigen Auge trinken sie mit 13 Jahren ein Flügel-Softgetränk zum Frühstück und knallen sich nachher ein Ritalin, damit sie im Klassenverband erträglich sind. Bin ich ein kleinkarierter Zuckerphobiker? Aber schliesslich gibt man den Kleinen auch strikt keinen Alkohol. Und dies, obwohl sie das Bierfläschchen oder das Weinglas immer superinteressant finden. Ich meine, bei allzu Süssem sollte man ähnlich strikt sein. Aber da ist eben das ältere Geschwisterchen und die eigene Lust auf das Eis. Ohlala.

Jetzt bin ich alarmiert und achte auf Minenfelder im Bekanntenkreis

Und jetzt plötzlich schwant es mir, ganz unabhängig vom Zuckerproblem: Der wohl wirklich harte Teil der Erziehung ist, die eigenen Grundsätze und Regeln durchzusetzen, auch wenn der Kleine andere Welten kennt und angenehmer findet. Ich, der Papa-Anfänger, schicke etwas Energie an mein künftiges Ich, mache mich daran, mein Regelwerk zu hinterfragen und vor allem abzuchecken: Wer ist verbündet im Bekanntenkreis – und wo gilt es, welche Minenfelder zu umschiffen? Es wird spannend. Schliesslich habe ich wohl nur eine schwache Ahnung davon, was auf mich zukommen wird, wenn der Kleine älter ist. Uiuiui.

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