Beim Studieren den Aufwand möglichst gering halten? Darunter leiden Dozierende und Mitstudierende, findet unser Blogger. (Bild: Helloquence)
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Beim Studieren den Aufwand möglichst gering halten? Darunter leiden Dozierende und Mitstudierende, findet unser Blogger. (Bild: Helloquence)

Auf ECTS-Punktejagd im Fluss des Wissens

5min Lesezeit 1 Kommentare

Bildung durch Punkte oder punkten durch Bildung? Unser Blogger ist der Meinung, dass sich Hochschulen und Universitäten auf den Wert der Bildung an sich besinnen sollten. Und Studenten nicht nur des späteren Berufes wegen studieren.

Linus Pfrunder

«Zu oft hörten wir jenen Satz: Ich mache das nur, um das Diplom zu erhalten. Bildung als Mittel zum Zweck. […] Die Studierenden strebten nach Diplomen. Oder um es im wörtlichen Sinne auf den Punkt zu bringen: nach ECTS-Punkten.» Punkte jagen, mit möglichst wenig Aufwand und maximaler Geschwindigkeit. Kann das unser Antrieb sein?

Wie komme ich am einfachsten zu meinen Punkten?

Die Fragen und Probleme, die der angehende Kindergärtner Severin Hofer in seinem kürzlich erschienenen Buch «Punkten durch Bildung» aufwirft, sind nicht neu. Wo bleibt der Wille zum Wissen, zur Bildung? Wo bleibt die Motivation zum Lernen, wenn die Lösungen zur Prüfung im Vorfeld per Rundmail unter den Studierenden ausgetauscht werden? Und die Punkte damit eigentlich geschenkt sind?

Hofer geht mit dem Punktesystem und seiner Anwendung an der Pädagogischen Hochschule in Zug hart ins Gericht. Zu gefestigt und normiert seien die zu erbringenden Leistungen, zu wenig Spielraum für Kreativität sei vorhanden. Zu wenig würden Eigeninitiative und eigene Ideen gefordert und gefördert. Das Resultat? Für zu viele Studenten wird das Studium zum unerwünschten, aber notwendigen Abarbeiten bestimmter Aufgaben. Immerhin winkt als Beute ein Diplom, das zur Ausübung des Lehrerberufes berechtigt.

An der Universität ist der Aufwand bekannt 

Und an der Uni Luzern? Da ist es ähnlich und doch nicht gleich. Die Studenten wissen haargenau, welchen minimalen Aufwand sie erbringen müssen, um Punkte zu erhalten. Manchmal ist das nur ein Vortrag, manchmal ein längerer Essay, manchmal beides zusammen, manchmal eine Abschlussprüfung. Ohne ungerecht zu werden oder zu übertreiben: Vielen reicht das Minimum. Da kann man sich die Frage durchaus erlauben: Warum studieren? In was und warum investiere ich meine Zeit und was bekomme ich dafür? Und vor allem: Was bringt mir dieses gedruckte A4-Papier namens Diplom, das ich am Ende des Studiums bekomme?

Die Antwort hängt natürlich vom Studiengang ab, in meinem Fall lautet sie aber definitiv: Nicht viel. Wer sich einbildet, hier zum Beruf ausgebildet zu werden, versteht nicht, was Bildung heisst. Klar, ein Studium der Rechtswissenschaften oder der Medizin wählen viele aufgrund des Berufsziels. Meistens bietet die Uni aber vor allem eine vertiefte Auseinandersetzung mit Wissen und weniger eine Ausbildung analog zu einer Berufslehre.

Studieren für den eigenen Wissensdurst

Das humboldtsche Bildungsideal eines breiten und allgemeinen Wissenserwerbs ist durch die Bologna-Reform zunehmend unter Druck geraten. Der Erfolg und vor allem auch der Spass an einem Studium bleiben aber stark abhängig von der eigenen Neugier, von der Bereitschaft, einzutauchen und sich im Fluss des Wissens treiben zu lassen. Das Meer der Arbeitswelt kommt dann genug schnell. Es geht dabei nicht ums Studieren für das, was später kommt, sondern ums Studieren aus Lust am Lernen und Entdecken. Folgt man diesem Ideal, werden ECTS-Punkte ziemlich wertlos. Sie werden nebenbei eingesammelt, sind aber eigentlich belanglos.

Zwischen den Extremen

Die Realität der meisten Uni-Studierenden liegt irgendwo zwischen den zwei Extremen: Studium als Mittel zum Zweck oder als sinnstiftend und als Erfahrung an sich. Denn schliesslich liegt die Verantwortung bei jedem und jeder selbst. Ein Unbehagen bleibt aber. Wenn das System der Punktevergabe so angelegt ist, dass es Studierende dazu verleitet, den Aufwand möglichst gering zu halten, leiden darunter alle.

Die Dozenten, weil sich nur wenige wirklich für den Stoff interessieren und die Seminare einer Pflichtübung gleichen. Die wissenshungrigen Studenten, weil weniger Meinungen vertreten und weniger Diskussionen möglich sind. Die anderen Studenten, weil ihnen langweilig ist. Und schliesslich auch alle späteren Arbeitgeber, weil sie Leute mit Diplomen, aber ohne vertieftes Interesse an ihrem Studium eingestellt haben.

Ein Geschenk, das Fragen aufwirft

Wie Motivation, Bereitschaft und Eigeninitiative besser gefördert werden können, weiss Severin Hofer auch nicht so genau. Zumindest sagt er dazu wenig. Er weiss aber, wie die Problematik in die Köpfe der Studierenden gelangen kann. Durch Irritation. Und Offenlegen von Geheimnissen. Als Teil des Künstlerduos «Hoffnung+Kiwi» ist er 2016 in die Rolle des Dozenten geschlüpft und hat in seinem Modul den zu verdienenden ECTS-Punkt verschenkt. Die Studierenden wurden so vor eine grundsätzliche Frage gestellt: Was mache ich hier? Was erwarte ich von diesem Studium? Reicht es mir, meine Punkte gratis abzuholen, oder will ich dazulernen?

Fragen, die auch an der Universität Luzern öfter gestellt werden sollten. Nicht, weil die Möglichkeiten für kritisches Denken, neue Fragen oder eigene, kreative Ansätze nicht grundsätzlich gegeben sind. Individuelle Verantwortung fürs eigene Studium ist zwar wichtig, es geht aber darum, ein Umfeld und Strukturen zu schaffen, welches nicht nur genormte Leistungen belohnt, sondern frische und andere Herangehensweisen fördert – solange sie etwas zum Thema beitragen.

Ein solches System bedeutet nicht zuletzt auch einen Kontrollverlust. Studenten sollten aber vielleicht noch öfters ins kalte Wasser geworfen werden. Was dabei herauskommt, mag überraschen und nicht den Erwartungen entsprechen – bestimmt liesse sich so aber die Zahl der langweiligen Seminarvorträge reduzieren. Und die Jagd auf Wissen und Lernen würde wieder höher gewichtet als die Jagd auf Punkte.

Aus dem zentralplus Blog Campus-Blog

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